Über das todgeweihte Java und die Lingua Franca der Enterprise-Welt

Hartmut Schlosser

Was Analysten über Java zu sagen haben, ist schon manchmal erstaunlich. Sehen die einen den nahenden Tod von Java als Mainstream-Sprache voraus, überschlagen sich die anderen mit „Erfolgsmeldungen“ ebenso zweifelhafter Natur, Java belege in Popularitätsindices den ersten Platz.

Etwas sachlicher geht nun Red Monks Stephen O’Grady mit Java um. Vor gut einem Jahr schien Java breiten Kreisen als Sprache mit begrenzter Zukunft, schreibt O´Grady. Der Wettbewerb mit dynamischen Sprachen und Java-Alternativen auf der JVM habe Java als alternde Sprache ohne Innovationspotenzial erscheinen lassen. Hinzufügen kann man getrost noch die unklare Situation nach der Übernahme von Sun durch Oracle sowie der starke Gegenwind, der Oracle vonseiten der Community entgegenschlug (wir erinnern uns: Zu dieser Zeit machte der Vorschlag die Runde, gegen das „Oracle-Java“ einen Java-Fork ins Rennen zu schicken).

All das hat zu vorschnellen Interpretationsweisen geführt, wobei wohl die Forrester-Analysten Mike Gualtieri und John R.Rymer am tiefsten ins Fettnäpfchen getreten sind, indem sie Java mit Cobol verglichen haben und Enterprise-Kunden warnten, mit Java begäben sie sich in eine Sackgasse.

O’Grady zieht nun verschiedene Daten heran, die zeigen, dass Java fidel ist wie eh und je:

  • Auf GitHub haben Java-Projekte die zweitgrößte Wachstumsrate nach CoffeeScript
  • Auf Stack Overflow ist „Java“ das am zweitmeisten gebrauchte Sprachen-Tag
  • Die Anzahl der Java User Gruppenmitglieder auf LinkedIn steigt stärker als die jeder anderer Sprach-Communitys
  • Im Red Monk Ranking belegt Java deshalb einen der vordersten Plätze

Nun ja, dann am Ende doch wieder ein Ranking – doch eines, das nicht alleine dasteht und durch weitere Daten unterstützt wird: Darryl K. Taft fügt in seinem eWeek-Artikel „Is Java Dead? Heck No!“ hinzu, dass es mehr Jobangebote für Java-Entwickler als für alle anderen IT-ler gebe, dass Unternehmen nach wie vor Java für Enterprise-Projekte fordern, dass die Tooling-Umgebung für Java reichhaltig ist wie in kaum einem anderen Sprach-Ökosystem und dass auch Innovationstechnologien wie Android, Hadoop, Jenkins, Cassandra und HBase Java-basiert sind.

Auch die manchmal angeführte „Konkurrenz aus dem eigenen Hause“, die JVM-Sprachen, muss Java nicht fürchten. Vielmehr gilt: Je stärker die JVM, desto stärker auch Java selbst, denn auch in polyglotten Projekten bestehen meist große Programmteile aus Java-Code – der dann eben gemischt wird mit Scala, JRuby, Clojure und was da noch so kreucht und fleucht.

Vielversprechend sind in diesem Kontext übrigens die wieder aufgenommenen Bestrebungen Oracles zu bewerten, die Sprachen-Unterstützung der JVM-Plattform weiter auszudehnen. Zum einen wurden bekanntlich schon jetzt in Java 7 mit dem InvokeDynamic-Feature Erleichterungen für dynamische JVM-Sprachen eingeführt, die beispielsweise JRuby-Guru Charly Nutter in höchsten Tönen lobt. Zum anderen arbeitet man im Projekt DaVinchi Machine an einer Integration anderer dynamischer Sprachen in die JVM: Man stelle sich also vor, PHP-Programme auf der JVM auszuführen.

Wenn JBoss-Mastermind Mark Little also fragt, ob die Polyglossie in JBoss-Technologien den Tod von Java bedeute, dann tut er gut daran, die Frage im nächsten Satz mit einem klaren „Nein“ zu beantworten: Gerade wegen der Integration von Ruby via TorqueBox, von Clojure via Immutant, von C/C++ via Blacktie, von Scala via Infinispan und der eigenen Sprachalternative Ceylon sieht man sich klar und bodenständig als Java-Unternehmen:

If anything it shows our continued commitment to Java and the JVM because all of these approaches to polyglot leverage our Java projects and platforms. Mark Little

Arnel Pällo von Zeroturnaround fügt in seinem Artikel „Java is dead? 9 million devs disagree“ hinzu, dass die in vielen Fällen durchaus berechtigte Nischenkritik an Java nicht die Tatsache aus der Welt räumt, dass Java mit den neun Millionen Entwicklern eine Basis vorzuweisen hat, die ihresgleichen sucht.

Hiervon sind neue Sprachen meilenweit entfernt, und die jüngste Debatte um Yammers Rückkehr von Scala nach Java hat gezeigt, wie stark das Argument „Community“ gerade im Enterprise-Umfeld wiegt. Mit den 9 Millionen Java-Entwicklern steht ein unglaublich starkes Arsenal an potentiellen Arbeitskräften zur Verfügung, die alle die selbe Sprache sprechen, die nicht erst noch langwierig auf ein neues Basis-Sprachidiom geeicht werden müssen, die einfach in bestehende Teams und Projekte zu integrieren sind.

Dazu kommt noch die Einbettung Javas in eine offene Kommunikationskultur, in der der gerade für junge Entwickler attraktive Open-Source-Gedanke großgeschrieben wird, eine Kultur, in der es zum guten Ton gehört, sich aktiv an Debatten zu beteiligen, eine Kultur, die regelmäßig dafür sorgt, mitdenkende und mündige Entwicklernaturen hervorzubringen.

Übrigens können wir aus verlegerischen Sicht die Lebendigkeit der Java-Community immer wieder live erleben: Nachrichten über Java erhalten regelmäßig hohe Klickraten, das Java Magazin sowie entwickler.press-Bücher mit Java-Themen erfreuen sich größter Beliebtheit, unsere Java-Konferenzen haben auch in den zurückliegenden wirtschaftlichen Krisen-Zeiten an Teilnehmern zugelegt. Und fragen Sie bei anderen Verlagen und News-Diensten wie DZone, O´Reilly, Hacker-News oder auch Amazon nach, dann ist Java auch dort ein Dauerbrenner-Thema.

Wer Java also den baldigen Tod voraussagt, kann falscher nicht liegen. Richtiger ist da schon die folgende Aussage:

Java ist – de facto – die Lingua Franca der Enterprise-Entwicklung. Fraglich sogar, ob je eine andere Sprache nochmals einen vergleichbar universellen Status erlangen wird.

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Hartmut Schlosser
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