Transparenz statt Eisberg

 

Strategische Entscheidungen ohne fundierte Information

Dabei sind gesicherte Informationen die Voraussetzung, um strategische Entscheidungen treffen zu können, von denen – in Anbetracht der Bedeutung der IT – das weitere Schicksal eines Unternehmens abhängen kann. Wie soll beispielsweise eine Geschäftsführung über die Vor- und Nachteile eines großen Outsourcing-Projekts entscheiden können, wenn nicht einmal gesicherte Daten über die IT-Kosten vorliegen? Wie will man ein Unternehmen bei einem Merger richtig bewerten, wenn ausgerechnet der Wert der eigenen Kernapplikationen unbekannt ist? Man muss aber gar nicht so hoch greifen, denn tatsächlich lassen sich nicht einmal einfache Entscheidungen über die Anschaffung eines Softwarepakets oder eine alternative Eigenentwicklung treffen, wenn man den wertmäßigen Beitrag der Software nicht kennt.

Gerade Investitionen in Eigenentwicklungen werden dabei fasch eingeschätzt; sie werden oft als reine Ausgabeposten gesehen. Diese rein bilanzielle Sicht unterschlägt aber, dass durch diese Investitionen Wirtschaftsgüter von teilweise beträchtlichem Wert geschaffen werden. Aber auch für die Entwicklung eines alternativen Modells, das die auf ganz andere Aspekte abgestellte bilanzorientierte Sicht ergänzen könnte, hat man bisher offenbar keine Notwendigkeit gesehen.

Damit ist eine doch ziemlich merkwürdige Situation entstanden: Einerseits nehmen die Unternehmen jeden ein- und ausgehenden Cent genauestens unter die Lupe. Andererseits begnügt man sich ausgerechnet bei einem der mittlerweile größten Kostenblöcke und einem der wichtigsten Assets mit Vermutungen und Schätzungen. Auf dieser dürftigen Wissensbasis werden jedoch Entscheidungen über riesige Investition getroffen. Die Ergebnisse sollten niemanden erstaunen: Da gibt es Unternehmen, die Millionen in Softwareprojekte investieren, die nach Jahren kaum die Funktionalität der zuvor geschassten Altanwendung erreichen. Andere verausgaben sich bei der Einführung einer Standardlösung, die sich schon mal über ein Jahrzehnt hinziehen kann und die am Ende lediglich für Businessprozesse sorgt, die mit denen des Mitbewerbs identisch sind. Und die spektakulär gescheiteren IT-Projekte, die regelmäßig die IT-Welt bewegen, sind auch nur die sichtbare Spitze des Eisbergs, des Symbols der Intransparenz.

Widerstand

Transparenz gehört zu den Forderungen, der alle zustimmen können. Eine problematische Situation, denn tatsächlich gibt es eine Reihe von Faktoren, die einer umfassenden Transparenz in der IT entgegenwirken:

  • Transparenz schafft immer auch die Möglichkeit zur Kontrolle, und die IT scheint in vielen Fällen kein besonderes Interesse daran zu haben, die eigenen Prozesse nach außen transparent zu machen.
  • Gerade in großen IT-Organisationen ist die Herstellung von Transparenz aufwändig und langwierig, schließlich müssen tausende von Programmen und Modulen analysiert und bewertet werden.
  • Transparenz zahlt sich langfristig aus, daher finden solche Projekte im Unternehmen oft keine „Fürsprecher“; wenn IT-Leiter wie in vielen Unternehmen mittlerweile nur noch zwei bis drei Jahre im Amt sind, liegt der Erfolg eines solchen Projekts oft hinter ihrem eigenen Planungshorizont
  • Das Herstellen von Transparenz ist zwar eine Voraussetzung für fundierte Entscheidungen, schafft aber selbst keinen unmittelbaren Businessnutzen
  • Die IT denkt meist technologieorientiert und befasst sich lieber mit Technologien als mit Ertrag oder Wertschöpfung. Management und Controlling wiederum überlassen ein vermeintlich rein technisches Thema wie die IT lieber den Ingenieuren und Informatikern.
  • Beratungsunternehmen sind an Transparenzprojekten nur bedingt interessiert.
  • Viele Unternehmen haben für Transparenzprojekte keine Mittel und kein spezifisches Know-how.

Trotz vielfältiger Schwierigkeiten muss das Thema auf der Agenda bleiben, denn nur transparente Systeme lassen sich kontrollieren, nur transparente Systeme lassen sich auf die Businessanforderungen ausrichten, nur transparente Systeme lassen sich entsprechend den Unternehmenszielen weiterentwickeln. Und diese Anforderungen liegen heute gar nicht mehr allein im Eigeninteresse des jeweiligen Unternehmens, denn sie werden auch von außen an die Unternehmen gestellt, wenn beispielsweise nach der Einhaltung von Compliance und Governance gefragt wird.

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