Teampsychologie in agilen Projekten

Touchdown oder Penalty – psychologische Prinzipien von Scrum

Gernot Glawe

Jetzt wenden wir dieses Prinzip auf Projektarbeit an: Wie erhöht man die Motivation des Aufgabenbearbeiters zur Erledigung der Aufgabe? Antwort: Indem er selbst die Aufgaben wählt.

Wählt das Projektmitglied seine Aufgabe selbst, so hat er damit durch das Verhalten selbst die Entscheidung getroffen, diese Aufgabe zu übernehmen. Unterstützen kann der Scrum Master (oder der Projektleiter) das, indem er das Projektmitglied fragt: „Du übernimmst also die Aufgabe X und wirst diese bis morgen erledigt haben, ist das richtig?“ Dadurch, dass das Projektmitglied dann öffentlich bekundet „Ja, ich übernehme die Aufgabe und sie ist bis morgen fertig“, ist die Verpflichtung für diese Aufgabe höher. Das kann man auch in normalen Meetings nutzen, indem man bei der Aufgabenverteilung den Bearbeiter auch das laut aussprechen lässt. „Ja, ich werde das Modul bis morgen früh fertig programmieren“. Die Gedanken des Individuums werden dann von „Er/Sie will, dass ich diese Arbeit erledige“ zu „Ich habe mich dazu verpflichtet, diese Aufgabe zu übernehmen“ wechseln. Beim allgemeinen Delegieren von Aufgaben ist eine Selbstverpflichtung günstiger als die Anweisung. Hier sind also Sätze wie „Ich bin hier verantwortlich, also erledige das, was ich dir gesagt habe oder „Du musst mittags fertig sein!“ ungünstig.

Günstiger ist z. B. „Ich habe die Verantwortung für diese Aufgabe an dich übertragen und ich verlasse mich darauf, dass du bis 9 Uhr fertig bist“ oder „Wir müssen uns hier aufeinander verlassen können, deswegen gehe bitte genau nach dem Handbuch vor. Sag mir bitte Bescheid, wenn Du irgendwelche Probleme mit den Regeln hast.“

Natürlich sind keine Wunder zu erwarten. Aber wenn sich z. B. durch diesen einfachen Schritt die Produktivität nur um 5 % erhöht, so wäre das im Projektumfeld gigantisch.

Kooperation ist natürlich

Vertrauen schafft Vertrauen. Misstrauen und Ablehnung begünstigen Aggressionen.
Joachim Bauer läutet in seinem Buch „Prinzip Menschlichkeit“ [7] das Ende der von Darwin aufgestellten These des „Überleben des Stärkeren“ und „Auslese durch Selektion“ ein.

Alle Ziele, die wir im Rahmen unseres normalen Alltags verfolgen, die Ausbildung oder den Beruf betreffend, finanzielle Ziele, Anschaffungen usw., haben aus der Sicht unseres Gehirns ihren tiefen und meist unbewussten „Sinn“ dadurch, dass wir damit letztlich auf zwischenmenschliche Beziehung zielen, das heißt, diese erwerben oder erhalten wollen. Das Bemühen des Menschen, als Person gesehen zu werden, steht noch über dem, was landläufig als Selbsterhaltungstrieb bezeichnet wird. Das Konkurrenzmotiv wäre demnach eben nicht Ausdruck der primären Natur des Menschen, sondern im Gegenteil das Ergebnis einer Störung der Natur. Diese Erkenntnisse aus der aktuellen neurobiologischen Forschung sollten uns ermutigen, eigenverantwortliche Teams in der Projektarbeit wirklich zuzulassen. Im Scrum wird über die täglichen Scrum Meetings und die Sprint-Retrospektive die Kooperationsfähigkeit gestärkt.

Ausblick und Lesetipps

Es gibt noch mehr Potenziale auszuschöpfen, um effektiver Software zu entwickeln und viele gute Bücher zur Unterstützung. Zu dem Aspekt der Ablenkung von der Aufgabe empfehle ich den Klassiker „Flow“ von Csikszentmihalyi . Nachzulesen und zu -hören unter [8] und [9]. Hier gibt es Anregungen zur Steigerung der Effektivität und gleichzeitiger höherer Mitarbeiterzufriedenheit. Auch in [5] gibt es praktische Übungen hierzu.

„Die Psychologie des Überzeugens.“ enthält auch ein Kapitel darüber, wie uns Sympathie dazu bringt, Dinge lieber zu tun. Wer gerne Ergebnisse aus der Hirnforschung lesen möchte, findet genug Material in [10] und zu Scrum noch „Agile Software Development with Scrum“ [11].

Achten Sie einfach darauf, was sich alles verbessert, wenn sie selbst die hier angesprochenen Verhaltensweisen anwenden. Ich freue mich auf Rückmeldung über Ihre Erfolge.

Gernot Glawe ist Leiter des Competence Centers Software Engineering bei der CS Consulting AG. Als Coach für Vorgehensmodelle gehören die agilen Methoden und die Softskills zu seinen Hauptarbeitsgebieten. Für An- oder Nachfragen erreichen Sie ihn unter Gernot.Glawe[at]cs-consulting.de.
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Gernot Glawe
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