Todesstoß für GlassFish? Oracle stellt kommerziellen Support ein

Hartmut Schlosser

Oracle stellt den kommerziellen Support für GlassFish ein. Mit dieser Meldung überraschte John Clingan gestern die Java Community. „Oracle vollzieht eine Rolle rückwärts“, wurde diese Nachricht auf dem Java EE Panel der W-JAX 2013 kommentiert.

Tatsächlich schien das GlassFish-Projekt sich in den letzten Jahren von einer reinen Referenzimplementierung zu einem der zuverlässigsten Java EE Server zu entwickeln. Die im Mai 2013 erschienene Version 4 von GlassFish galt vielen Experten als Speerspitze der Java-EE-Welt, die im Projektgeschäft denn auch in zahlreichen produktiven Umgebungen empfohlen wurde. Jetzt herrscht Unklarheit darüber, mit welchem Elan GlassFish in einer reinen Open-Source-Version weiterentwickelt wird.

Die Fakten: GlassFish soll weiterhin die Referenzimplementierung für Java EE bleiben. Für das kommende Java EE 8 soll die GlassFish Server Open Source Edition 5 die RI stellen. Der kommerzielle Support für Oracle GlassFish wird jedoch eingestellt – es wird ausdrücklich keine kommerzielle 4.x-Version von GlassFish mehr geben. Stattdessen konzentriert sich Oracle auf den WebLogic Server, für den Oracle kommerziellen Java EE 7 Support anbietet.

Seinen Kunden rät Oracle, die Migration zu WebLogic anzutreten. Im Ergebnis wird GlassFish als Community-Projekt verstanden, das sich nahe an der Java-EE-Plattform und an Community-getriebenen Anforderungen orientieren soll. Der WebLogic Server wird hingegen zum einzigen strategischen Application Server von Oracle.

Im Originalwortlaut:

We are planning for GlassFish Server Open Source Edition 5 as the foundation for the Java EE 8 reference implementation, as well as bundling GlassFish Server Open Source Edition 5 in a Java EE 8 SDK, which is the most popular distribution of GlassFish. This will allow GlassFish releases to be more focused on the Java EE platform and community-driven requirements. We continue to encourage community contributionsbug reports, participation on the GlassFish forum, etc. Going forward, Oracle WebLogic Server will be the single strategic commercially supported application server from Oracle.

Was bedeutet das Fehlen einer kommerziellen Rückendeckung durch Oracle aber nun wirklich? Im Java EE Panel der W-JAX 2013 berichteten die Experten Lars Röwekamp, Jens Schumann, Dirk Weil und Martin Huber von Anrufen verunsicherter Kunden, denen GlassFish empfohlen wurde und die sich jetzt fragen, ob die getätigten Investitionen auch zukunftsicher seien. Offenbar hat Oracle es nicht für nötig gehalten, die zahlreichen GlassFish-Nutzer und –Consultants auf den geplanten Schritt vorzubereiten.

Die Experten waren sich einig darüber, dass GlassFish auch in einer Open Source Version den vollständigen Java EE Standard wird abbilden können – ob allerdings in Sachen Produktionsreife der Grad an Qualität, Stabilität und Performanz wird aufrechterhalten werden können, sei fraglich. 

Die Bemerkung von Oracles John Clingan, eine Migration von GlassFish zu WebLogic sei ja problemlos möglich, da beide als Java-EE-Implementierungen über eine genügend große Schnittmenge verfügten, wurde indes zurückgewiesen. Die Unterschiede der Server seien vor allem in der Produktion nicht trivial, kommentiert Röwekamp.  Zudem seien auch in der Spezifikation zahlreiche Leerstellen zu finden, die von den einzelnen Implementierungen je anders gefüllt wurden.

Auch Adam Bien sieht Oracles Rückzug kritisch. Auf seinem Blog schreibt er:

I was able to introduce GlassFish to many larger organizations just by mentioning the availability of commercial support. The mix of „Reference Implementation“ and „Commercial Support“ was a huge selling point.

Wolle man der Sache etwas Positives abgewinnen, dann könne man die gesteigerten Chancen für alternative Java EE Implementierungen ins Feld führen: TomEE mit seinem kommerziellen Support durch tomitribe, Wildfly mit Red Hat Support, WebSphere Liberty von IBM. Auch könnten andere Unternehmen kommerziellen Support für GlassFish anbieten.

GlassFish-Nutzer bleiben indes erst einmal vor den Kopf gestoßen. Auf der W-JAX konnten sich denn einige die Bemerkung nicht verkneifen, es sei verständlich, dass ein kommerziell orientiertes Unternehmen sich von einem unrentablen Projekt trennt und sich auf die besser vermarktbare Server-Variante konzentriert. Schließlich wolle Larry Ellisons Boot auch finanziert werden…

Wünschenswert wäre zumindest eine bessere Informationspolitik durch Oracle gewesen. Hatte Oracle nicht vor Kurzem die Java Community auf der JavaOne zu Gast?

 

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Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser ist Redakteur und Online-Koordinator bei Software & Support Media. Seine Spezialgebiete liegen bei Java-Enterprise-Technologien, JavaFX, Eclipse und DevOps. Vor seiner Tätigkeit bei S & S Media studierte er Musik, Informatik, französische Philologie und Ethnologie.
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