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Prokrastination: Tipps gegen die „Aufschieberitis“

Michael Thomas

© Shutterstock/Thinglass

Prokrastination, Bummelei, „Aufschieberitis“: Es gibt viele Beschreibungen für das Phänomen, trotz dräuender Deadline eine wichtige Aufgabe nicht anzugehen oder zum Abschluss zu bringen. Doch was genau steckt dahinter? Und was kann man potentiell dagegen tun?

Selbst wenn Sie zum extrem zielstrebigen Teil der Menschheit gehören, dürften Sie von diesem oder einem ähnlichen Szenario zumindest schon einmal gehört haben: Man hat einen wichtige Aufgabe zu erledigen, die bis zu einem bestimmten Datum definitiv(!) fertig sein muss. Doch was passiert? Anstatt sich auf den Hosenboden zu setzen und die Arbeit in Angriff zu nehmen, fällt einem ein, dass man ganz dringend die seit 15 Jahren im Keller vor sich hin modernde VHS-Sammlung ausmisten muss. Oder man sich mal wieder sein Abi-Jahrbuch anschauen könnte. Oder Großvaters Zinnfiguren polieren. Praktisch jede Tätigkeit, die einem normalerweise nicht in den Sinn kommen würde, mutiert urplötzlich zum Zentrum des persönlichen Universums, hinter dem alles andere verblasst.

Prokrastination, im Volksmund auch als „Aufschieberitis“ bekannt, nennt sich das Phänomen, wenn wirklich dringliche Arbeiten immer wieder verschoben werden, anstatt sie zu erledigen. Zu spaßen ist damit im Zweifelsfall keineswegs, können doch Schul- und Hochschulabschlüsse dadurch ebenso gefährdet werden wie wichtige Projekte des Berufslebens. Obwohl die Prokrastination also teils massive negative Auswirkungen auf das Leben eines Menschen haben kann, gilt sie nicht als psychische Erkrankung, weshalb auch kaum systematische Ansätze für Gegenstrategien existieren.

Grund genug für Jesse Bouman, sich auf dem Unternehmensblog des Task- und Issue-Tracker-Anbieters Jixee mit den Hintergründen des Phänomens und potentiellen Gegenstrategien auseinanderzusetzen. Insbesondere letzteres kann eine große Herausforderung sein, denn einfache Sprüche wie „mach dich doch einfach an die Arbeit!“ sind Bouman zufolge vergleichbar mit einem einer klinisch depressiven Person gegenüber geäußerten „Kopf hoch!“.

Ursachen der Prokrastination: Warum Projekte nicht fertig werden

Neue Ideen sind aufregend und motivierend, allerdings vergessen viele Menschen gerade aus diesen Gründen, darauf zu achten, wie mühsam die einzelnen Schritte bis zum Abschluss eines Projekts sein werden. Steckt man dann mitten in der Arbeit und realisiert, dass man sich eventuell übernommen hat, beginnen die Blockaden, die Versagensangst schleicht sich an.

Bei echten Perfektionisten kommt zudem das Problem hinzu, dass sie erst dann mit ihrer Arbeit zufrieden sind, wenn jedes Detail absolut makellos ausgearbeitet ist. Die mögliche Folge: Man verliert das große Ganze aus dem Blickwinkel, verpasst Deadlines, der Stresspegel steigt.

Doch, so Bouman, auch Erfolg kann Angst machen: Hat man ein Projekt erfolgreich abgeschlossen kann es passieren, dass man die Erwartungen an sich selbst für das nächste Projekt zu hoch ansetzt. Der daraus resultierende, selbstgeschaffene Druck kann auch zu mentalen Blockaden führen.

Wie der Prokrastination begegnen?

Zunächst einmal sollte man sich Bouman zufolge um Selbstreflexion bemühen: Versuchen herauszufinden, ob die Ursachen für die Aufschieberei auf einen einzelnen Grund zurückzuführen oder multikausal sind. Gelingt es einem, die Gründe zu identifizieren, verfügt man logischerweise über Stellschrauben, die man direkt angehen kann.

Ein relativ gängiges und in entsprechenden Trainings auch häufig empfohlenes Mittel, der Prokrastination direkt zu Leibe zu rücken, ist das Aufspalten eines großen Projekts in mehrere „Etappenziele“, die man wiederum anhand von Wochen- und Tagesplänen minutiös durchplant. Durch diese Art der Projektplanung ist es recht leicht, einen Fluss von Erfolgserlebnissen in Gang zu setzen, der Motivationsfördernd wirkt.

Eine weitere Möglichkeit in der Spur zu bleiben besteht darin, sich einen Freund oder Kollegen zu suchen, der die Rolle eines Ansprechpartners übernimmt, dem gegenüber man ehrliche (!) Rechenschaft über die eigenen Fortschritte ablegt.

Gegenüber anders lautenden Selbsteinschätzungen arbeiten die meisten Menschen nicht besser, wenn sie unter Druck stehen. Ein hoher Druck kann beispielsweise schnell dazu führen, sich bis über beide Ohren in Details zu verlieren und somit andere Teile des Projekts zu vernachlässigen. Boumans Empfehlung: Auf jeden Fall den Arbeitsfluss erhalten! Eine Lösungsmöglichkeit hierfür ist beispielsweise, jedem Teil des Projekts eine ganz bestimmte Zeitspanne zuzuweisen und nach deren Ablauf automatisch zum nächsten Teil überzugehen – denn Feinarbeit kann immer auch noch dann erledigt werden, wenn das technische Grundgerüst steht.

Egal wie man der „Aufschieberitis“ begegnet, eines gilt für sie immmer: Sie macht eine gestellte Aufgabe schwieriger. Ihr so schnell wie möglich zu Leibe zu rücken, ist langfristig gesehen deshalb in jedem Fall die beste Wahl.

Aufmacherbild: Chalk drawing of a ringing alarm clock on a used blackboard as a concept for time management or keeping time von Shutterstock / Urheberrecht: Thinglass

Geschrieben von
Michael Thomas
Michael Thomas
Michael Thomas studierte Erziehungswissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und arbeitet seit 2013 als Freelance-Autor bei JAXenter.de. Kontakt: mthomas[at]sandsmedia.com
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