Interview mit Max Wippert

Agile Teams: Es muss nicht jeder testen können

Melanie Feldmann

Das Testen von Software hat sich in den letzten zehn Jahren stark verändert und weiterentwickelt. In seinem Talk auf der JAX 2017 warf Max Wippert (inovex) einen Blick auf die aktuelle und zukünftige Rolle des Testers in agilen Teams. Wir haben mit ihm über cross-funktionale Teams und zeitreisende Tester gesprochen.

JAXenter: Entwicklerteams und mit ihnen die Rollen haben sich in de letzten zehn Jahren stark gewandelt. Was würde einen Tester von damals wohl am meisten überraschen, wenn er plötzlich im Heute wach würde?

Max Wippert: Absolut richtig, hier hat es einen ziemlichen Wandel gegeben. Am meisten würde es den Tester von damals wohl überraschen, wie sehr agile Softwareentwicklung die Industrie und das Software-Testing verändert hat. Vor zehn Jahren war agile Softwareentwicklung noch eine Randerscheinung, heute hingegen ist Agile ja Mainstream – und leider in Teilen ja sogar schon überstrapaziert oder überausgeschlachtet. Der zeitreisende Tester würde vermutlich irritiert sein, weil einige Best Practices von damals heute als Anti-Pattern gelten.

Nehmen wir zum Beispiel den Gedanken der Segregation of Duties und, daraus resultierend, die Arbeit in separierten, unabhängigen Testteams oder -abteilungen. Diese Trennung wird heute oft mit der Vokabel Silo beschrieben oder gar verteufelt oder es wird die fehlende Cross-Funktionalität bemängelt.

Überraschen würde ihn wahrscheinlich auch die Qualität bzw. der Detailgrad der heutigen Anforderungen. Noch vor wenigen Jahren hätten eine Handvoll Bullet Points als Akzeptanzkriterien ergänzt um den Hinweis „Wir besprechen die Stories noch Face to Face“ vermutlich gewisse Irritationen hervorgerufen und wären als No-Go abgelehnt worden.

JAXenter: Haben nicht Tests an sich und damit auch die Tester heute ein besseres Standing als noch vor einigen Jahren?

Ein guter Tester generiert sehr viel Mehrwert und bereichert Firmen, Projekte und Teams.

Max Wippert: Nach meinem Verständnis von moderner IT und moderner Softwareentwicklung ein klares Ja. Ein guter Tester generiert sehr viel Mehrwert und bereichert Firmen, Projekte und Teams. Und nur mit professionellen QA-Methoden – darunter: Tests – und QA-lern kann man sowohl das Richtige bauen als auch es richtig bauen – also qualitativ hochwertig. Im Hinblick auf die Wertigkeit und das soziale Standing unterscheide ich daher auch nicht zwischen Entwicklern und Testern. Ich muss aber zugeben, dass ich doch noch verschiedentlich die Wahrnehmung vorfinde, ein Softwareentwickler sei mehr wert oder generiere mehr Werte. Denn schließlich seien Entwickler ja diejenigen, die etwas bauen und erschaffen. Ich halte das für zu kurz gesprungen.

JAXenter: In modernen, cross-funktionalen Teams soll ja irgendwie jeder von allem etwas können. Also soll auch jeder testen können. Für wie sinnvoll hältst du das?

Wax Wipper: Ich denke nicht, dass jeder testen können muss und auch hinreichend gut testen könnte, wenn er wollte. Für einen guten Tester sind andere persönliche Eigenschaften relevant als zum Beispiel für einen guten Softwareentwickler. Ich halte ein Motto wie „Jeder muss alles können“ daher für wenig sinnvoll.

Darüber hinaus muss ein modernes, cross-funktionales Teams ja nicht zwingenderweise nur aus Generalisten zusammengestellt werden. In meinen Augen ist für ein erfolgreiches cross-funktionales Team essenziell, dass es in der Summe alle Fähigkeiten hat, um etwas Werthaltiges – in der Regel ein Softwareinkrement – auch wirklich done zu bekommen. Dieses Ziel könnte man auch mit reinen, vertikal orientierten Domänenspezialisten oder nur mit horizontal anschlussfähigen, T-shaped Team-Mitgliedern erreichen, die gern über die Tellerränder schauen. Welches Setup angemessen ist, hängt am Ende von vielen Faktoren ab. Daher gibt es ziemlich sicher auch nicht die eine richtige Lösung, sondern es gilt vielmehr, für jedes Projekt die passende Zusammenstellung zu wählen oder das Team oder einzelne Mitglieder entsprechend zu entwickeln.

JAXenter: Im Rahmen von Continuous Delivery spricht man auch davon, dass der Kunde den Tests vertrauen soll und möglichst nicht mehr manuell testet, dafür aber auch in den Testprozess mehr eingebunden wird. Was bedeutet das für Tester?

Max Wippert: Das bringt einige Änderungen mit sich, die sehr herausfordernd sein können. Für einige klassische Tester kann dies sogar zu viele Änderungen und zu viele neue Anforderungen in zu kurzer Zeit bedeuten, sodass hier auch große Problemfelder entstehen können. Generell sehe ich diese Entwicklung aber viel mehr als Chance, denn als Risiko. Heutzutage besetzen Tester – in meinem Verständnis besser QA-ler genannt – ein viel breiteres, verantwortungsvolleres und auch abwechslungsreicheres Arbeitsumfeld als früher.

JAXenter: Vielen Dank für das Gespräch.

Max Wippert hat in seinen Lehr- und Wanderjahren sehr unterschiedliche Rollen in den Domänen Software-Entwicklung und -Qualitätssicherung, IT Operations und Projektmanagement kennengelernt – häufig in Schmerz-Projekten mit zweifelhaften Erfolgen. Inzwischen liebt und propagiert er cross-funktionale Teams und agiles Projektmanagement im Zusammenspiel mit modernsten Software-Entwicklungsprozessen und -Tools. In seiner aktuellen Position als „Head of Project Management and Quality Assurance“ bei der inovex GmbH kann Max seine Leidenschaft für ganzheitliche digitale Qualität ausleben – immer mit dem Ziel, Endkunden, Auftraggeber und Techniker gleichzeitig glücklich zu machen.
Geschrieben von
Melanie Feldmann
Melanie Feldmann
Melanie Feldmann ist seit 2015 Redakteurin beim Java Magazin und JAXenter. Sie hat Technikjournalismus an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg studiert. Ihre Themenschwerpunkte sind IoT und Industrie 4.0.
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