Zur Situation des Eclipse-Ökosystems und der Eclipse Foundation

Teil 1: Quo vadis Eclipse?

Wir schreiben das Jahr 2004. Das 50 Unternehmen starke, bisher IBM-dominierte Industriekonsortium zur Förderung der Eclipse-Plattform wird in die „anbieterneutrale“ Eclipse Foundation überführt. Die Foundation soll u.a. das Ziel weiterverfolgen, Eclipse zur weltweit führenden Java-Entwicklungsplattform zu machen. Tatsächlich darf diese Zielvorgabe bis heute als erreicht gelten, und die Arbeit der Eclipse Foundation damit als überaus erfolgreich. Gleichwohl laufen der Foundation derzeit die Mitgliedsunternehmen davon und die Community diskutiert, warum das so ist. Ist es denkbar, dass sich die Foundation nach Erreichen ihres ursprünglichen Ziels selbst überflüssig gemacht hat, quasi Opfer ihres eigenen Erfolges geworden ist? Zeit für eine kritische Bestandsaufnahme.

Die Eclipse Foundation selbst beschreibt sich in ihren Statuten als „Not-for-Profit“ Organisation, mit dem Ziel, „eine Anbieter-neutrale, offene und transparente Open Source Community sowie ein

Ökosystem komplementärer Produkte und Dienstleistungen rund um die Eclipse-Plattform zu etablieren“ [1]. Blickt man auf die Organisationsstruktur der Foundation, stellt man fest, dass die Foundation zunächst einmal aus einem recht überschaubaren fest angestellten Mitarbeiterstab von derzeit 16 Personen besteht (siehe Kasten „Mitarbeiter der Eclipse Foundation“).

Mitarbeiter der Eclipse Foundation
  • Executiv Director: Mike Milinkovich
  • Office Management: Sharon Wolfe
  • 3 Personen für das Aufgabenfeld „Intellectual Property“: Janet Campbell, Barb Cochrane, Sharon Corbett-Gütz
  • 4 Personen zur Pflege der IT-Infrastruktur (Webentwickler, Programmierer, System Administrator): Gabe O’Brien, Denis Roy, Matt Ward, Nathan Gervais
  • 2 Marketingbeauftragte: Leiter Ian Skerrett + Marketing Events Manager Lynn Gayowski
  • 3 Personen zur Förderung des Eclipse-Ökosystems: Direktor „Ökosystem-Entwicklung“ Donald Smith, Allison Kelly, für Europa: Ralph Müller.
  • 2 Personen Community Support: „Evangelist“ Wayne Beaton sowie Community Support Manager Anne Jacko.

Laut offiziellem Quartalsbericht 2009 Q3 [2] erwirtschaftete diese Gruppe im Jahr 2009 einen Betrag von ca. 4,4 Millionen US-Dollar, wobei gut 65 % dieser Summe von den Mitgliedsunternehmen der Foundation als reguläre Mitgliedsbeiträge geleistet wurden. Knapp 30 % spülte die Organisation der beiden Eclipse-Konferenzen EclipseCon und Eclipse Summit Europe in die Kasse. Weitere Finanzquellen stellten Spenden und Werbeeinnahmen dar (Contributions/Ads, Marketing Chargeback, Interest Income).

Finanziell wird die Eclipse Foundation also zum größten Teil von ihren Mitgliedsunternehmen getragen, die je nach Art der Mitgliedschaft unterschiedliche Bedingungen zu erfüllen haben (siehe Kasten: „Formen der Mitgliedschaft“).

Formen der Mitgliedschaft in der Eclipe Foundation

Als Gegenleistung für die jährlich zu leistenden 25 000 – 500 000 US-Dollar erhalten die strategischen Mitgliedsunternehmen automatisch einen Platz im obersten Gremium der Foundation, dem Board of Directors, dem alle geschäftlichen und technologischen Angelegenheiten unterliegen. In jährlich durchgeführten Wahlen erhält das Board zudem Zuwachs durch Repräsentanten der Solutions Member sowie der Committer Member (siehe Kasten: „Board of Directors“).

Board of Directors der Eclipse Foundation

Das Board of Directors besteht aktuell aus folgenden Personen [3]:

Das Board of Directors hat die Befugnis, einen Executive Director zu berufen, welcher für die Abwicklung des aktuellen Tagesgeschäfts zuständig ist. Seit Gründung der Foundation 2004 hat Mike Milinkovich (früher Vize-Präsident bei OracleAS Technical Services) diese Position inne. Dem Executive Director unterliegt u.a. die Aufgabe, als ausführendes Organ die Eclipse Management Organization (EMO) zu bilden, welche aus dem festen Mitarbeiterstab sowie aus drei Räten besteht: dem Architecture Council (verantwortlich für die Entwicklung und Pflege der Architektur der Eclipse Plattform), dem Planning Council (verantwortlich für die Etablierung eines Plattform-Release-Plans) sowie dem Requirements Council (verantwortlich für die Prüfung eingehender Anforderungen und die Formulierung von Prioritäten, auf deren Basis einmal jährlich eine Roadmap erstellt wird). Die EMO ist maßgeblich verantwortlich für die Organisation des Entwicklungsprozesses der Eclipse-Projekte (Abb.1).

Abb.1: Lebenszyklus eines Eclipse-Projekts. Quelle: [4]

[ header = Seite 2: Was die Eclipse Foundation tut ]

Was die Eclipse Foundation tut

Die Eclipse Foundation ist nicht die einzige Organisation ihrer Art. Ähnliche „Open Source Foundations“ gibt es bei Apache, Linux, und auch Microsofts Hosting-Seite CodePlex wird von einer Foundation gesteuert. Allen diesen Organisationen gemein sind Marketing- und Lobby-Aktivitäten zur Förderung der jeweiligen Technologie sowie die Bereitstellung einer IT-Infrastruktur, etwa für das Hosting und die Pflege der teilnehmenden Open-Source-Projekte. Bei der Eclipse Foundation sind das CVS/SVN Code-Repositories (bald wohl auch Git [5]), Bugzilla-Datenbanken, Wikis, Mailing-Listen, Newsgruppen und Download-Seiten.

Worin sich die Eclipse Foundation indes von den anderen Organisationen unterscheidet, ist ihr starker Fokus auf die Governance, d.h. auf die Etablierung von Steuerungsprozessen, welche die teilnehmenden Projekte in Richtung der Mission der Foundation lenken. Diese Mission besteht im Wesentlichen im Aufbau einer zuverlässigen, frei nutzbaren Technologie-Plattform, auf deren Basis sich kommerziell vermarktbare Produkte entwickeln lassen. Diese Zielsetzung manifestiert sich unter anderem darin, dass alle Richtlinien und Auflagen der Foundation so ausgelegt sind, dass sie mögliche Schwachpunkte von Open-Source-Software in Hinblick auf eine Tauglichkeit für den kommerziellen Einsatz ausgleichen:

  • Urheberrechtssituation muss bis ins letzte Detail klargestellt werden (Intellectual Property)
  • Lizensierung unter der Eclipse Public Licence (EPL), was bedeutet, dass der Quellcode für kommerzielle Erweiterungen genutzt werden kann (anders als bei Copyleft-Lizenzen wie etwa der GNU General Public Licence (GPL) muss nicht jedes auf Eclipse-Quellcode basierende Produkt wieder unter die EPL gestellt werden)
  • Alle Projekte müssen die Richtlinien des Eclipse-Entwicklungsprozesses einhalten (neue Projekte müssen sich über ein Proposal bewerben, werden von Mentoren begleitet, von einem Project Management Committee (PMC) gesteuert (bzw. kontrolliert), müssen nachweisen, dass ein Community-Interesse besteht, dass genügend Committer sich am Projekt beteiligen, müssen verschiedene Berichte vorlegen (Creation Review, Continuation Review, Release Review, Graduation Review), verschiedene Phasen durchlaufen (Proposal, Incubation, Mature), etc. siehe Abb. 1)
  • Jährlich wird zudem ein koordiniertes Sammelrelease von aufeinander abgestimmten Eclipse-Projekten (Eclipse-Release-Train) organisiert, in dem die Projekte noch strikteren Richtlinien bzgl. Release-Zeitplan und Zusammenarbeit mit anderen Projekten unterworfen sind (z.B. mit genau vorgegebenen Daten für Milestone-Releases).

Von Beginn an ist es die Idee der Eclipse-Plattform gewesen, den Ausgangspunkt für einen kommerziellen Markt von Produkten und Dienstleistungen zu bilden – das Eclipse-Ökosystem. Das Prädikat „Eclipse-basiert“ stand lange Zeit für einen neuen Qualitätsstandard für Open-Source-Software und die Anbindung an eine professionelle, vitale Open-Source-Entwickler-Community, der man glänzende Zukunftschancen voraussagte.

Rezession

Was nach der Gründung der Eclipse Foundation im Jahr 2004 erfolgte, ist mittlerweile Geschichte. Eclipse hat sich als Java-Entwicklungsplattform auf breiter Basis durchgesetzt, sodass es buchstäblich keinen einzigen Java-Entwickler geben dürfte, der sich Eclipse nicht zumindest einmal probehalber auf seinen Desktop geladen hätte (Mike Milinkovich spricht 2008 von 4 Millionen Eclipse-Usern weltweit [6]). Auch die Eclipse Foundation konnte nach der Gründung einen steten Mitgliederzuwachs verzeichnen. Bereits 2005 wurde die Grenze der 100 Mitgliedsunternehmen überschritten. 2008 erreichte die Eclipsemania ihren Höhepunkt mit 182 teilnehmenden Unternehmen, davon 20 strategische Mitglieder und über 900 aktive Committer aus mehr als 75 verschiedenen Organisationen [6]. Was dann folgte, war bekanntlich eine wirtschaftliche Rezession selten bekannten Ausmaßes. Und auch der Eclipse Foundation begannen allmählich die Mitglieder wegzulaufen. Unternehmen zogen sich von der Foundation zurück, strategische Mitglieder verringerten ihr Engagement und ließen ihren Mitgliederstatus zurückstufen, Unternehmenspleiten und –übernahmen sorgten für das Übrige.

Blickt man heute auf die Mitgliedsseite der Foundation [7], so findet man dort 14 strategische Unternehmen, 3 so genannte Enterprise Member, 71 Solutions Member und 72 Associate Member. Die ehemaligen strategischen Mitglieder Sybase, Zend, Open Methods, Intel und Compuware sind nur noch als Solutions Members eingeschrieben, der BPM & ALM Anbieter Serena ist sogar nur noch Associate Member, Motorola nur noch Enterprise Member.

Diese Entwicklung hat natürlich auch finanzielle Auswirkungen auf die Foundation. Diesbezüglich agiert die Foundation recht transparent und stellt den Mitgliedern Quartalsberichte über den jeweiligen Status Quo zur Verfügung. Dem Bericht 2009 [2] lässt sich entnehmen, dass den 5,9 Millionen US-Dollar Umsatz, die 2008 gemacht wurden, nur noch 4,4 Millionen US-Dollar im Jahr 2009 gegenüber stehen. Gleichzeitig ist zu beobachten, dass die Zahl der Eclipse-Projekte stetig weiter wächst, die Eclipse-Plattform sich als ganze also in verschiedene Richtungen wie Modeling, SOA, Runtime ausweitet und in der Community langsam aber sicher die Frage aufkommt, wohin das „Beast Eclipse“ (Doug Schaefer, Project Lead der C/C++ Development Tools) überhaupt steuert, bzw. ob es angesichts des Ressourcen-Rückgangs überhaupt noch steuerbar ist.

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