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Mangelnde Diversität und Fairness kostet Tech-Industrie Milliarden

Und tschüss! Wie Tech-Unternehmen ihre Mitarbeiter vergraulen und was das kostet

Dominik Mohilo

© Shutterstock.com / ldutko

Wenn es eine Branche gibt, die sich über mangelnde Umsätze nicht beschweren kann, dann ist es die Tech-Industrie. Dennoch könnte der Gewinn deutlich höher sein, wenn sich die Kosten durch Kündigungen seitens der Mitarbeiter eindämmen ließen. Doch was sind eigentlich die Gründe für einen Jobwechsel innerhalb der IT-Branche? Eine Studie des Kapor Centers hat sich mit dieser Frage beschäftigt und aufgezeigt, wie groß und teuer das Diversitätsproblem in der Tech-Industrie wirklich ist.

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen allein im Büro und arbeiten an einem wichtigen Projekt. Ihr Team, das eigentlich auch arbeiten sollte, ist nicht am Platz, genauso wenig wie der CTO. Warum? Weil sie im Büro ihres Chefs sitzen, sich einen Schluck Whisky genehmigen und ausgelassen den Fortschritt des Projektes begießen. Des Projektes, an dem Sie gerade arbeiten, während die anderen den Erfolg bei einem „Meeting“ feiern, zu dem Sie nicht eingeladen sind.

Zugegeben, das klingt erst einmal sehr konstruiert, solche und ähnliche Situationen sind aber in der Tech-Branche leider auch an der Tagesordnung – und oft ein Grund für die Betroffenen, den Arbeitsplatz zu wechseln. Besonders Frauen fühlen sich häufig von ihren Kollegen diskriminiert und von ihren Chefs übervorteilt. Das bedeutet allerdings nicht, dass Männer vor unfairer Behandlung verschont blieben, wie das Kapor Center for social impact durch eine Studie nun herausfand.

Unfaire Behandlung ist oft Wechselgrund

Das Kapor Center befragte mehr als 2.000 US-Bürger zu den Gründen, warum sie ihren Job im technischen Umfeld innerhalb der letzten drei Jahre wechselten. Etwa 40 Prozent der Teilnehmer gaben an, dass eine schlechte Behandlung an ihrem vorherigen Arbeitsplatz – sei es durch die Kollegen oder den Vorgesetzten – Grund für ihren Wechsel war. Besonders betroffen von öffentlicher Bloßstellung und Mobbing waren Angestellte, die der LGBT-Community angehören.

Diese negativen Erfahrungen machten die jew. Personengruppen / Quelle: Kapor Center

Hinzu kommt, dass rund 25 Prozent aller weiblichen Angestellten sich bei Beförderungen bzw. Gehaltserhöhungen übergangen fühlen; 27 Prozent gaben an, dass andere die Lorbeeren für ihre Arbeit ernten würden. Diese beiden Erfahrungen machten auch jeweils 22 Prozent der männlichen Teilnehmer der Umfrage. Etwa jede zehnte Frau gab zudem an, Opfer anzüglichen Verhaltens durch die männlichen Kollegen geworden zu sein, 56 Prozent davon nannten dies auch als Grund für ihren Jobwechsel.

Unternehmenskultur als wichtiger Faktor

Die Unternehmenskultur spielt also bei der Frage, ob Unternehmen ihre Angestellten auf Dauer halten können, eine immer wichtigere Rolle. Nicht nur wegen der wünschenswerten Aussicht auf ein möglichst angenehmes Arbeitsklima, sondern auch in finanzieller Hinsicht. Durch den mangelnden Erfolg der Unternehmen, erträgliche Arbeitsumfelder für alle Angestellten zu schaffen, hat die Industrie jährlich, so das Kapor Center, Einbußen in Höhe von über 16 Milliarden US-Dollar zu beklagen. Zudem ist es evident, dass Unternehmen durch eine negative Reputation auch an anderer Stelle wirtschaftliche Nachteile bemerken werden: Etwa ein Viertel der Befragten würden aufgrund ihrer Erfahrungen keine Produkte oder Dienstleistungen ihrer ehemaligen Arbeitgeber weiterempfehlen.

Während die Gründe für eine unfaire Behandlung am Arbeitsplatz mannigfaltig sind, ist das Torpedieren von Diversität schlichtweg kontraproduktiv. Wie unsere eigene, noch laufende Umfrage zur Diversität in Tech-Unternehmen zeigt, ist die überwiegende Mehrheit der Befragten (78.1 Prozent) davon überzeugt, dass Diverse Teams bessere Ergebnisse erzielen. Lediglich 9.1 Prozent unserer Teilnehmer sind da eher skeptisch.

Was also tun?

Es gibt, wie man in vielen Berichten immer wieder liest, große Probleme gerade Frauen für einen technischen Beruf zu begeistern. Liest man sich den Report des Kapor Centers durch, erscheint das wenig überraschend, denn selbst nach der Hürde, einen Beruf in der Tech-Branche überhaupt erst zu ergreifen, droht Diskriminierung, Übervorteilung und Belästigung.

Freilich ist das ein ziemlich düsteres Bild, dass hier von den (in diesem Fall US-amerikanischen) technischen Unternehmen gezeichnet wird. Natürlich könnte man auch sagen, dass über 90 Prozent der Studienteilnehmer nicht Opfer von sexuellen Anzüglichkeiten wurden. Dennoch sind zehn Prozent eben zehn Prozent zu viel, daran lässt sich auch mit dem hervorheben von positiven Erkenntnissen nicht rütteln.

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Manchmal sind Lösungen für Probleme so schön einfach und offensichtlich, dass es fast weh tut. Gefühlt wäre es so leicht, etwas zu verändern: Faire Arbeitsverhältnisse und korrektes Verhalten gegenüber den Kollegen und Angestellten, unabhängig von deren Geschlecht, Interessen, Herkunft, Hautfarbe etc. sollten schließlich eine Selbstverständlichkeit sein. Oder, wie es Google einst treffend ausdrückte: Don’t be evil.

Die Studie zeigt, dass Diverse Teams und eine Inklusionsstrategie ziemlich direkten Einfluss auf die Mitarbeiter haben können. Es gab weniger Berichte über Unfairness, sexuelle Belästigung, Mobbing und Klischeedenken aus Unternehmen, in denen diese Voraussetzungen geschaffen wurden. Und damit natürlich auch eine geringere Anzahl an Kündigungen.

Die gesamte Studie des Kapor Centers ist als PDF verfügbar, eine vollständige Zusammenfassung der Ergebnisse kann auf deren Homepage gefunden werden. Wenn Sie mehr über Diversität erfahren möchten, dann lohnt sich ein Besuch auf der diesjährigen JAX 2017 in Mainz. Tracy Miranda wird in ihrer Keynote „The Seven Habits of Diverse Communities“ eine Übersicht über das komplexe Thema geben.

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Women in Tech – die Umfrage

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Women in Tech – die Serie

In der Serie Women in Tech stellen sich inspirierende Frauen aus der IT-Branche vor. Bisher erschienen:

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Dominik Mohilo
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo studierte Germanistik und Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Seit 2015 ist er Redakteur bei S&S-Media.
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