JAX-Interview mit Rüdiger Schnirring

„Teams regeln ihre internen Spannungen oft durch Sarkasmus und Ironie“

Redaktion JAXenter

Rüdiger Schnirring

Nicht alle Mitglieder von Scrum-Teams arbeiten auf dem gleichen Level. Es gibt sogenannte High-Performer und Low-Performer. Dass diese oft verbal aneinandergeraten, ist prädestiniert. In seiner Session auf der JAX am Mittwoch Abend präsentiert Speaker Rüdiger Schnirring auf humorvolle Art und Weise Gesprächsbeispiele aus dem Sprint-Alltag. Im Interview mit JAXenter gibt er einen kleinen Vorgeschmack.

JAXenter: Kommunikation als Impediment – so lautet deine Session auf der JAX.
Worum wird es gehen?

Rüdiger Schnirring: Teams entwickeln mit der Zeit bestimmte Sprüche, Ausrufe oder Stoßseufzer, die für sie typisch sind. Dabei sind sie sehr kreativ und variantenreich. Aus sicherer Distanz klingen die Sätze witzig und werden auch so vorgetragen. Ich hab das mal gesammelt und in Szenen gegossen. Wenn man es so geballt sieht, ist die unfreiwillige Komik noch deutlicher, aber auch die Wirkung auf die Kommunikation im Team.

JAXenter: Sch(m)erzhafte Gesprächsbeispiele aus dem Sprint-Alltag – kannst du einmal eine Kostprobe geben?

Rüdiger Schnirring: Ich will ja nicht zu viel verraten, hier nur drei meiner Lieblingssprüche:

  • „Jetzt nochmal für Dich zum mitmeißeln…“,
  • „Einmal mit Profis!“,
  • „Welchen Teil von ‚heute ist Mittwoch‘ hast du nicht verstanden?“,
  • usw…

Das wird von den Angesprochenen natürlich unterschiedlich aufgenommen, je nach Tagesform.

JAXenter: Stellt sich natürlich die Frage, warum wir so oft aneinander vorbeireden bzw. warum Kommunikation so oft scheitert. Hast du darauf eine Antwort?

Manche fühlen sich durch ironische Sprüche angestachelt, manche eher gekränkt.

Rüdiger Schnirring: Teams regeln ihre internen Spannungen oft durch Sarkasmus und Ironie. Das kann ein Kommunikationsstil sein, sich auch emotional zu „berühren“, nicht nur fachlich.
Manche fühlen sich durch ironische Sprüche angestachelt, manche eher gekränkt. Das kann sich je nach Tagesform auch umkehren.

Wichtig ist, dass ein Team sich immer wieder bewusst machen kann, wie Sprüche gemeint sind und wie sie ankommen. Kommuniziert ist ja nur das, was beim Empfänger ankommt. Spürt denn der Empfänger einer Ironie auch die Wertschätzung dahinter oder hört er nur den Spott?

JAXenter: Es gibt ja die These aus Conways Law, dass die Kommunikationsstrukturen in Teams die Organisationsstrukturen des Unternehmens widerspiegeln. Würdest du dem zustimmen? Das würde ja bedeuten, dass wir uns erst einmal um gesunde Firmen-Strukturen/Kulturen kümmern müssten.

Rüdiger Schnirring: Eine gesunde Kommunikationskultur im Team und im Unternehmen ist doch ein Wert an sich, nicht nur ein Wettbewerbsvorteil. Das braucht natürlich die vorgelebte Praxis in der Unternehmensleitung. Agile Teams sollen ja komplexe Probleme lösen in einem sich schnell wandelnden Umfeld. Das braucht eine hohe Vernetzung und ständigen Austausch auf Augenhöhe. So ein Team kann auch als Vorreiter ins Unternehmen hineinwirken. Wieso sind die denn so erfolgreich und auch noch gut gelaunt? Das wollen wir auch.

JAXenter: Was sind deine konkreten Ansätze als Agile-Coach, um die Kommunikation in Teams zu verbessern? Hast du einen Tipp aus deiner Praxis, der oftmals funktioniert hat?

Rüdiger Schnirring: Ein Team kann sich auf die Suche nach den typischen Standardsprüchen und Insider-Jokes machen: Welche Stoßseufzer und Killerphrasen tauchen oft auf? Das Team reflektiert dann über die eigene Kommunikation und hat Spaß dabei. Das gehäufte Auftauchen solcher Sprüche zeigt oft einen gesteigerten Stresslevel an.

Agile Teams sind meist gut darin, fachliche Störungen schonungslos zu benennen, z.B. in der Retrospektive. Aber auch kommunikativen Störungen sind Impediments. Kann jeder ohne Angst vor Gesichtsverlust seine Schwächen und Wissenslücken aussprechen, damit sie behoben werden können?
Wertschätzende Kommunikation soll ja auch in Stresssituationen nicht verloren gehen. Man kann sogar trainieren, wenn es nötig ist mal aufzustehen und direkt auszurufen: „So redest Du nicht mit mir!“ Glücklicherweise muss man den Satz meist gar nicht mehr anwenden, weil man schon ausstrahlt, dass man sich Respektlosigkeit nicht bieten lässt.

JAXenter: Vielen Dank für dieses Interview!

schnirringRüdiger Schnirring meistert Scrum und managt Tests in agilen Softwareprojekten bei HEC GmbH in Bremen. Sein Lieblingsprinzip aus dem agilen Manifest lautet „Individuen und Interaktionen sind wichtiger als ALLES“. Dazu forscht er in Kommunikationspannen von IT-Teams nach unfreiwilliger Komik und bringt diese humoristisch als Speaker und Kabarettist auf die Bühne.

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