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Perspektivenwechsel - eine agile Kolumne

Teambildung in Zombieland

Holger Bohlmann

… zuerst gab es nur ein paar Berichte, die niemand glauben wollte. Doch dann überschlugen sich die Ereignisse. Was erst fern war kam mit der Wucht eines gewaltigen Orkans über uns herein. Es gab kein Entkommen, die Straßen füllten sich mit den lebenden Toten und ihr Heer wuchs innerhalb weniger Stunden, ohne dass es jemand aufhalten konnte. Monster, die nichts als rasende Wut kannten. Tot, aber doch erschreckend lebendig und hungrig auf das Fleisch der Lebenden. Wenige konnten sich retten, sich verstecken oder einfach nur weglaufen, weg von ihnen. So wie wir, sieben Überlebende, die sich in das Rechenzentrum geflüchtet haben. Das Gebäude ist sicher, die Eingangstür ist massiv und nicht zu überwinden. Keine Fenster im Erdgeschoss, die von den Untoten eingeschlagen werden können. Nun sitzen wir hier, Wasser gibt es genug, Essen und Munition sind knapp. So hat uns das Schicksal zusammengeführt, sieben noch lebende Menschen, die sich nicht wirklich kennen. Was können wir tun? Wie können wir den Alptraum überleben – Können wir ihn ÜBERHAUPT überleben? …

Jedes Jahr treibt mich wieder ein Filmfest für einige Tage ins Kino. Und was man da zu sehen bekommt, ist nicht wirklich Mainstream-Kino, sondern es kommt alles eher aus der Ecke Action & Suspense. Auch der gute, alte Zombie-Streifen darf da nicht fehlen. Spannend bei solchen Filmen ist, dass es nicht nur um das Bewältigen der stetig wachsenden Armee der Untoten geht, sondern auch immer um ein und das selbe Thema: Die bunt zusammengewürfelte Truppe, das Team, welches in diesem Fall um das nackte Überleben kämpft.

Manchmal kommt einem das doch irgendwie bekannt vor. Wenn z.B. in dem Horror-Projekt mal wieder düstere Szenarien ausgemalt werden, falls das Projekt scheitert. Ganz nach dem Motto: Wir werden alle sterben! Wie im Film sind solche Aussagen nur von begrenzter Hilfe und dienen einer Dramaturgie, die wirklich nur in den Film gehört. Aber wie im Film wäre es dann mal an der Zeit, etwas zu machen, beispielsweise mutig einen Ausfall zu wagen. Irgendwo gibt es immer zumindest die Chance einer Rettung. Wenn sich alle zusammenreißen und auf ein Ziel hinarbeiten, die Schrotflinte oder was auch immer in die Hand nehmen und rausgehen, dann schaffen sie es auch. Man mag jetzt sagen, klar, dabei stirbt auch immer die Hälfte des Teams und verwandelt sich in Zombies. Aber das passiert meist dann, wenn die Leute irgendetwas anderes, vorallem etwas Unüberlegtes tun, was nicht dem eigentlichen Ziel dient. Häufig ist es so, dass einzelne Teammitglieder verdeckte Ziele haben, die erst dann offensichtlich werden, wenn es zu spät ist und die falschen Leute eine Waffe in der Hand haben. Ärgerlicherweise bricht genau dann auch noch eine wilde Horde von Zombies in das sichere Versteck ein. Unter diesem äußeren Druck und der inneren Zerrissenheit zerbricht das Team schnell, genau wie im Projekt. Ausgleichende Gerechtigkeit: In einem Zombie-Film wird das Verfolgen von hinterhältigen Zielen direkt mit einem Biss bestraft. Haps!

Ein ebenfalls spannendes Thema ist die Übermacht der Übernatürlichen. Ich habe einen Film gesehen, bei dem durch einen Unfall außerirdisches Leben auf unseren Planeten kommt, sich verteilt, gut gedeiht und sich eigentlich sehr heimisch fühlt. Unglücklicherweise sind die neuen Lebewesen auf unserem Planeten auch recht groß, man könnte sagen es sind Monster, was natürlich zu einem großen Haufen an Problemen führt. Die Menschen haben versucht, dieses neue Leben zu bekämpfen, was nicht so gut klappte. In dem Film hatte ich den Eindruck, dass das Team Mexiko, wo die ‚Verseuchung‘ anfing, sich irgendwie damit abfindet und langsam merkt, dass man nicht alles großflächig einzäunen kann. Dagegen investiert das Team USA offenbar viel Ressourcen in den Aufbau einer gewaltigen Mauer. Und was stellt sich später heraus? Die Mauer ist vollkommen nutzlos, man kann die Natur nicht aufhalten. Eine einfache Wahrheit, die ignoriert wurde. Passiert auch in Projekten, mit den gleichen Folgen. Viel Zeit und Geld wird in etwas investiert, was man nicht aufhalten oder kontrollieren kann. Der Klassiker: Wenn die zu entwickelnde Software auch noch den letzten komplizierten Prozess abdecken soll. Funktioniert nie. Nachher kehren die Anwender doch zur Natur zurück und benutzen wieder Papier und Telefon, weil es einfach angemessener ist und man damit auch (über)leben kann.

Ein berühmtes anderes Filmthema ist das des einsamen Rächers. Z.B. wenn Harry Brown am Ende seines Lebens den Tod seines einzigen Freundes rächen will, dann tut er das aus einem Zwang heraus. Er möchte einfach handeln, weil es die anderen, in diesem Fall die Polizei (und letztendlich auch die Gesellschaft), nicht machen. Praktischerweise verfügt er durch seinen Einsatz in Nordirland noch über die nötige Erfahrung, auch wenn die Reaktionsfähigkeit altersbedingt – schließlich geht er auf die 80 zu – etwas eingeschränkt ist! Und wo findet man einsame Rächer auch noch? Richtig, in einem Team, meist natürlich nur am Rande des Teams. Ich nenne sie hier lieber mal „einsame Streiter“, denn aus Rache handeln sie wohl eher weniger. Aber ich vermute, sie identifizieren sich gerne mit dem Rächer aus dem Film, wollen ihm nacheifern und finden sich toll dabei. Natürlich klappt das aus verschiedenen Gründen nicht, es ist nie wie im Film. Zwar machen sie etwas ganz allein, weil sie andere für zu blöde halten oder meinen, die anderen verfolgen einen Irrweg. Jedoch handelt der einsame Streiter nie selbstlos wie ein Rächer im Film, der auch im Grunde genommen richtig handelt, was der einsame Streiter eher selten macht. Hinzu kommt noch, dass meist nur der Rächer im Film wirklich die nötige Professionalität hat, nicht der einsame Streiter. Und immerhin versucht der Rächer im Film auch andere zu überzeugen, was der einsame Streiter eher vermeidet. Das führt dazu, dass ihm im Team niemand helfen will. Im Film gibt es immer welche, die sein Handeln verstehen oder ihm auch klammheimlich Recht geben. Ohne diese Hilfe wäre der Rächer im Film erledigt. Und wie gesagt, der einsame Rächer hat es auch wirklich drauf, jedenfalls im Film.

Aber was können wir denn nun dem Team aus dem Prolog mitgeben, das im Rechenzentrum gefangen ist? Wie kann es überleben? Es sollte klar priorisieren, was zu besorgen ist: Essen, Munition, Waffen und wenn noch Zeit ist: Weitere Überlebende finden! Bevor ein wilder Ausfall gemacht wird, sollten sie klären, wo dieser hinführen soll. Und sie sollten sich darauf einigen, dass wenn sie rausgehen, nicht plötzlich jeder für sich anfängt, seine Angehörigen zu suchen (verdeckte Ziele!). Eine alte Weisheit aus Horrorfilmen ist: Niemals die Gruppe aufspalten und alles gleichzeitg machen. Das endet ganz schnell tödlich. Also: Limit your WIP and save your live! Auch wenn es schwer ist, sie müssen sich wohl damit abfinden, dass sie keine Hilfe von außen bekommen können. Aber immerhin sind sie in einem sicheren Gebäude, die Architektur ist stabil. Und wenn jemand den Helden, den einsamen Rächer oder Streiter spielen möchte, so kann man einfache Regeln festlegen: Raus darf jeder, aber man kommt nur wieder rein, wenn man nicht gebissen wurde. Wenn es das Team schafft, sich so zu organisieren, dann hat es vielleicht eine Chance, ein paar Wochen durchzuhalten. Die Zukunft kann man in einer solchen Situation gar nicht vorraussagen. Aber es weiß auch niemand, wie lange die Untoten auf den Straßen durchhalten. Das wird im zweiten Teil aufgelöst, wenn er denn gedreht wird: Reforming the team in Zombieland!

Holger Bohlmann ist Senior-Softwareentwickler bei der it-agile GmbH. Er verfügt über langjährige Erfahrung als Entwickler und Projektleiter in agilen Projekten (XP, Scrum) und beschäftigt sich intensiv mit (agilen) Schätzverfahren.
Geschrieben von
Holger Bohlmann
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