Taskforce für Eclipse: Kann eine Working Group die IDE retten?

Diana Kupfer

Es war nicht der Grund, aber der Auslöser: Mitte September erschien ein Blogpost mit einem Titel, der vielen in der Eclipse Community einen gewaltigen Stich versetzte: „Why we dropped Eclipse in Favour of IntelliJ“. Der Verfasser Nikita Salnikov-Tarnovski, seines Zeichens Entwickler des JVM-Plug-ins Plumbr, legte damit den Finger in eine Wunde, die schon seit geraumer Zeit – spätestens seit den Performance-Problemen nach dem Juno-Release – für Unmut in der Eclipse-Community sorgt. Salnikov-Tarnovski berichtet, sein estnisches Unternehmen habe aus mehreren Gründen von der altehrwürdigen Eclipse-IDE auf das schicke, kommerzielle IntelliJ IDEA umgesattelt. Neben der Performance, die der Autor mit Blick auf Features wie Indizierung und Debugging in IntelliJ IDEA als besser empfindet, bemängelt er u. a. die uneinheitliche Sprachunterstützung sowie die fehlende Flexibilität der Sichten in Eclipse. Auch Support-Anfragen, die nach wenigen Wochen einfach unbeachtet im Ticket-System der Foundation versickern, prangert er an.

Die Konkurrenz schläft nicht

Schon vor einem Monat entspann sich daraufhin eine lange Diskussion um das Für und Wider verschiedener IDEs, die sich in den 56 Kommentaren unter dem Blogpost und auf der Eclipse-Seite  verfolgen lässt. Salnikov-Tarnovski, so scheint es, hatte mit seiner Kritik einen Nerv getroffen. Schließlich ist es kein Geheimnis, dass die Eclipse Foundation zwar um immer mehr und immer innovativere Projekte reicher wird und damit Züge der Apache-Foundation annimmt, aber in ihrer Kerndisziplin, der Plattform-Pflege, ein ernsthaftes Ressourcenproblem hat. Dass die Konkurrenz nicht schläft, erst recht nicht die kommerzielle, ist offensichtlich. So trat die brandneue IntelliJ-basierte IDE Android Studio vergangenen Sommer an, um Eclipse im Bereich Android-Entwicklung das Fürchten zu lehren.

Rettungsmaßnahmen

In den vergangenen Tagen wurden verschiedene Rettungsprogramme für die Eclipse IDE ins Spiel gebracht und diskutiert: Von Chris Recoskie kam der Vorschlag, eine Committer-Steuer zu erheben, von Michael Scharf das Gedankenexperiment „Stellt euch vor, die Eclipse IDE würde 300 Dollar kosten“ (wir berichteten gestern).

Am 23. September brachte Mickael Istria den Vorschlag ein, eine spezielle „IDE Working Group“ zu gründen. Mike Milinkovich, Executive Director bei Eclipse, begrüßte diesen Vorstoß, gab jedoch zu bedenken, dass solche Bemühungen in der Vergangenheit immer an zeitlichen, personellen und finanziellen Ressourcen gescheitert waren.

Altruismus? Fehlanzeige!

Nachdem die Diskussion schon fast wieder eingeschlummert war, klinkte sich vergangenen Donnerstag Marcel Bruch in die Problemanalyse ein. Er habe gemeinsam mit anderen den Blogpost Salnikov-Tarnovskis unter die Lupe genommen und Kernprobleme identifiziert. Als Projektleiter von Code Recommenders spezialisiert auf intelligente IDEs, lag sein Augenmerk dabei weniger auf Performance- oder UI-Aspekten als auf den Vervollständigungsmechanismen von Eclipse. Hier sieht Bruch großes Potential.

In Sachen Plattform-Strategiefrage greift er die Idee einer Arbeitsgruppe für die IDE wieder auf. Allerdings sei ein solches Projekt ohne finanziellen Anreiz zum Scheitern verurteilt. „Da ist kein Altruismus am Werk“, so Bruch. Das JDT-Team sei mit dem Java-8-Tooling voll ausgelastet. Und auch nach dem Release von Java 8 werde es sich wohl kaum aufopfern, um grundlegende Mängel in der IDE zu beheben. Eine Investition von Ressourcen müsse sich für alle Beteiligten lohnen.

Als zweiten Punkt schlägt er vor, dass Eclipse sich von seinem „Durch-und-Durch-Open-Source“-Credo ein Stück weit freimacht, so dass kommerzielle Erweiterungen der IDE keinen Imagebruch darstellen. Bislang würden kommerzielle Angebote im Rahmen der Java Development Tools in der Community noch sehr zurückhaltend aufgenommen. Bruchs Plädoyer für eine Teil-Kommerzialisierung des IDE-Pakets zielt damit in eine ähnliche Stoßrichtung wie bereits die Beiträge von Recoskie und Scharf.

Obwohl er die beiden Punkte als Alternativen präsentiert, scheint es naheliegender, dass sie sich komplementär ergänzen müssen. Wie der Autor selbst schreibt: Ohne eine stabile Plattform mit einem definitiven Fahrplan lohnt es sich für Firmen nicht, Zeit und Geld in kommerzielle Add-ons zu investieren.

Ein komplexes Bündel an Problemen

Auch dank dem Segen Mike Milinkovichs scheint die Idee der IDE-Arbeitsgruppe momentan sogar zu reifen – zumindest im Diskussionsforum. Könnte diese Taskforce ein Neuanfang sein, der die Plattform vor dem Abstieg in die Bedeutungslosigkeit bewahrt? Kein Zweifel: An Stellschrauben wie Performance, Codevervollständigung und Support lässt sich mit der entsprechenden Governance, ausreichend Manpower und einer klaren Zielsetzung jederzeit drehen. Allerdings darf man nicht vergessen, dass alle Anamnese-Versuche der vergangenen Tage und Wochen letztlich auch von den Eigeninteressen der Diskussionsteilnehmer geleitet sind. Je nachdem, wer über die kränkelnde Plattform schreibt, ist z. B. die Performance, das UI, die Codevervollständigung oder der Support die Hauptursache. Wie bei anderen Technologien gibt es sicher nicht nur ein, zwei Gründe für den Popularitätsverlust der IDE – und damit nicht nur ein einziges Gegenmittel –, sondern ein komplexes Bündel an Ursachen. Dieses zu durchleuchten wird die Aufgabe all derjenigen sein, die in ihrer täglichen Arbeit oder mit ihren Produkten weiterhin auf die Eclipse-IDE setzen möchten. Dazu ist der Leidensdruck derzeit offensichtlich noch nicht groß genug – oder die kommerziellen Alternativen sind schlicht zu erschwinglich.

Ein wesentliches Problem ist zwar nicht technischer Natur, aber auch nicht zu vernachlässigen: Eclipse hat in Sachen Außenwirkung einiges wettzumachen. Egal ob berechtigt oder unberechtigt: Die Unkenrufe der letzten Jahre haben einige Kratzer am Image der IDE hinterlassen, die die Zweifel an Eclipse zwar nicht hervorrufen, aber nähren. Zumal in Zeiten des Wettbewerbs um das schickste UI und die beste User Experience fällt es dann selbst eingefleischten Eclipse-lern schwer, das Fähnchen nicht nach dem frischen Wind zu richten, den kommerzielle Tools in den IDE-Markt bringen.

 

Geschrieben von
Diana Kupfer
Diana Kupfer
Diana Kupfer war Redakteurin bei S&S Media für die Zeitschriften Java Magazin, Eclipse Magazin und das Portal JAXenter. 
Kommentare
  1. TestP2013-10-17 14:29:39

    Ich verstehe die Vorgehensweise der Eclipse Foundation nicht so recht. Die sehen zwar, dass es Schwierigkeiten gibt was die IDE an sich angeht. Nur schaffen sie es irgendwie nicht die Ressourcen auch dahin zu lenken. Stattdessen wird man beim nächsten Release-Train bestimmt wieder 5 neue Eclipse-Projekte begrüßen dürfen, die mit dem IDE nichts zu tun haben.

    Irgendwie scheint es bei denen bei der Setzung der Prioritäten zu hapern.

    Grüße

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