Talent versus formale Ausbildung – was macht einen guten Programmierer aus?

Michael Thomas

© Shutterstock.com/Marko Tomicic

Was kann gegen den sich voraussichtlich immer weiter verschärfenden Fachkräftemangel im IT-Bereich getan werden? Der C#/.NET-Entwickler und Blogger Mike Hadlow ist sich sicher: Förderprogramme und niedrigere Einstiegshürden an den Hochschulen werden es nicht richten. Denn im Endeffekt kommt es auf die Begabung an.

Wie im Falle von zahlreichen anderen hochqualifizierten Professionen, so wird auch im Hinblick auf Programmierer vor einem stetig gravierender werdenden Fachkräftemangel gewarnt. Die meisten Kommentatoren führen die Ursache dafür darauf zurück, dass die klassischen Institutionen – in diesem Fall die Hochschulen – einfach nicht genügend Nachwuchs „produzieren“, bzw. dass die Einstiegshürden für den Zugang zu den entsprechenden Institutionen zu hoch angesetzt sind – sprich weniger Betuchte benachteiligt werden. Daraus wiederum wird gefolgert, dass die Zahl der Programmierer explodieren würde, wenn denn nur die Umstände passender wären. Förderprogramme von Regierungs-, Unternehmens-, und NGO-Seite zielen vor allem auf diese und ähnliche Problemlagen ab.

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Doch stimmt die Annahme, dass mit besseren Rahmenbedingungen alles gut wird? Zumindest für den C#/.NET-Entwickler Mike Hadlow liegt der Hund an ganz anderer Stelle begraben: Sowohl anekdotische Beobachtungen als auch handfeste Studien weisen seiner Ansicht nach darauf hin, dass eine große Diskrepanz zwischen dem an Hochschulen vermittelten und dem im Arbeitsalltag erforderlichen Wissen besteht. Zudem hat offenbar ein großer Prozentsatz der Studenten schlicht kein Talent – so konnte eine Studie beispielsweise zeigen, dass seit den 1950er Jahren im Schnitt zwischen 30 und 60 % aller Studenten bereits an den einführenden Programmierkursen scheitern. Da sich Studenten ihr Fach in der Regel selbst ausgesucht haben stellt sich für Hadlow die Frage, wie schlecht erst die Gesamtbevölkerung abschneiden würde.

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Selbstlernen sticht Uni

Stack Overflow, mit rund 8 Millionen Mitgliedern eine, wenn nicht gar die relevanteste Q&A-Plattform für IT-Themen, führte in diesem Jahr eine Umfrage durch, an der rund 26.000 Entwickler aus 157 Ländern teilnahmen. Das für Hadlow relevanteste Ergebnis: Mit 41,8 % gab eine deutliche Mehrheit der Teilnehmer an, sich das Programmieren komplett selbst beigebracht zu haben. Nur 37,7 % der Teilnehmer hatten eine formale Ausbildung durchlaufen. Im Zuge einer von Hadlow selbst erhobenen, nicht-repräsentativen Stichprobe auf Twitter gaben von rund 100 Programmierern 76 % an, sich ihre Kenntnisse selbst angeeignet zu haben. Von den 24 % mit formaler Ausbildung war zudem häufig zu hören, dass diejenigen Kenntnisse, die sie tatsächlich im Beruf brauchen, größtenteils ebenfalls im Selbststudium erworben wurden.

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Hadlow folgert, das eine formale Ausbildung größtenteils nutzlos ist, während selbst beigebrachte Fähigkeiten sich als unumgänglich erweisen: Auf der einen Seite gibt es offenbar Menschen, die sich alles selbst beibringen, auf der anderen Seite jedoch jene, die selbst nachdem sie Jahre an einer Hochschule verbracht haben nicht Programmieren können. Die Diskussion um Einstiegshürden ist deshalb seiner Ansicht nach sinnlos und wenig zielführend. Vielmehr, so Hadlow weiter, ist die Begabung der Knackpunkt: Programmieren ist nun einmal kein Zuckerschlecken und kann nicht von jedem erlernt werden – zumindest werden die meisten schlichtweg kein brauchbares Niveau erreichen.

Erst wenn man diese Tatsache akzeptiert hat, kann man Hadlow zufolge das Nachwuchs-Problem effektiv angehen. Eine der größten Hürden bei der Nachwuchsgewinnung ist seiner Ansicht nach, dass sich Programmierer im Gegensatz zu altehrwürdigen Professionen wie der Medizin oder der Rechtswissenschaft keinem klaren, formal festgelegten Karriereweg gegenüber sehen, sondern sich vielmehr an vage umrissenen Schritten wie beispielsweise „eine Sprache lernen“ und „an einem Open-Source-Projekt mitarbeiten“ orientieren müssen. Im Zweifelsfall, so Hadlow, wählen viele talentierte Kandidaten lieber die Sicherheit – also einen Beruf, bei dem ein hoher Status und guter Verdienst praktisch garantiert erscheinen.

Zwar gibt es Bestrebungen, die Softwareentwicklung auf eine vergleichbare Stufe wie Medizin und Co. zu hieven, sie zu einer „sicheren Sache“ zu machen. Doch wie Hadlow anmerkt, gibt es dabei gleich mehrere Probleme: Zum einen spielt die Softwareindustrie – zumindest bislang – noch nicht wirklich mit. Zum anderen stellt sich die Frage, wie man das Wissen abprüfen sollte – immerhin ist die Branche für ihren extrem raschen Wandel bekannt, welche Technologien, Standards etc. sollten also ins Curriculum aufgenommen werden und welche nicht? Und wie lange könnten sie sich dort halten? Im Grunde, so Hadlow weiter, wäre die letztgenannte Frage im Grunde von nachrangiger Bedeutung, sofern die zentrale Frage – „können die Studenten programmieren?“ – beantwortet wird; alles andere könnte Hadlow zufolge auch zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden.

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Hadlows Fazit fällt schlussendlich eindeutig aus: Man solle aufhören, das Märchen zu verbreiten, dass jeder das Programmieren erlernen kann. Nicht jeder bringe die notwendige Begabung mit – zumindest nicht in einem Maße, das einen zu einem guten Job in der Branche befähigt. Anstatt auf die Beseitigung angeblicher Einstiegshürden sollte man sich Hadlows Meinung zufolge deshalb darauf konzentrieren, die wahren Talente aufzuspüren und zu überzeugen, sowie das soziale Ansehen von Programmierern zu verbessern.

Aufmacherbild: talent von Shutterstock.com / Urheberrecht: Marko Tomicic

Geschrieben von
Michael Thomas
Michael Thomas
Michael Thomas studierte Erziehungswissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und arbeitet seit 2013 als Freelance-Autor bei JAXenter.de. Kontakt: mthomas[at]sandsmedia.com
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