So sieht die IT-Realität aus

Studie zeigt: Technische Skills vieler reichen nur zur Weiterleitung einer E-Mail

Kypriani Sinaris

© shutterstock.com / Andrey_Popov

Mit einem Computer umgehen – das kann doch jedes Kind! Das meinen Sie vielleicht, als Leser eines Tech-Portals. Eine aktuelle Studie zeigt: Nur die wenigsten bewegen sich sicher im digitalen Umfeld. Das sollten Sie im Hinterkopf behalten, wenn Sie Ihre nächste Anwendung entwickeln.

In einer Welt, in der fast das ganze Leben digital festgehalten wird, in der ein großer Teil der Kommunikation über digitale Kanäle verläuft und in der Kinder gar nicht ahnen, dass man früher mal in eine Bibliothek gehen musste, um sich Informationen zu beschaffen – in so einer Welt leben wir heute. Gerade für Sie, als Leser eines Tech-Portals, ist das die Realität. Gilt das aber auch für den Rest der Bevölkerung?

Die aktuelle Studie „Skills Matter“ der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, kurz OECD, zeichnet ein anderes Bild. Die Studie zeigt, dass nur fünf Prozent der erwachsenen Befragten höhere technische Fähigkeiten haben. Dazu gehört beispielsweise das Buchen eines Meeting-Raums über eine Business-Applikation.

Die Studie

Für die Studie wurden 215.942 Personen, in 33 Ländern, zwischen 16 und 65 Jahren befragt. Die Daten wurden in einem Zeitraum von 2011 bis 2016 gesammelt. Bei der Studie wurden verschiedene Skills getestet, die im Zusammenhang mit der Arbeit der Probanden stehen, unter anderem auch technische Skills. Um ein besseres Bild davon zu bekommen, in welchem Schwierigkeitsbereich sich die Aufgaben bewegten, ein Beispiel: Eine einfach Aufgabe bestand darin, in einem Mail-Programm das Feature „Allen antworten“ zu entdecken und so eben allen Teilnehmern einer Konversation zu antworten. Eine schwere Aufgabe sah so aus, dass man in einer Anwendung zur Planung von Meetings einen neuen Termin anlegt und dafür auch gleich einen Raum reserviert. Die Informationen dazu wurden in mehreren verschiedenen E-Mails übermittelt, der Proband musste mehrere Anwendungen nutzen, um alle Informationen zusammenzusetzen.

Ist doch Pipifax? Für Sie vielleicht

Die Ergebnisse der Studie sehen folgendermaßen aus: Level 1, für das man beispielsweise auch sein Postfach nach einem Absender durchsuchen musste, haben 29 Prozent der Probanden erreicht. Eine Stufe höher, im zweiten Level, konnten sich 26 Prozent der Befragten einordnen. Dafür mussten sie z. B. ein Dokument in einer E-Mail eines bestimmten Absenders finden. Fünf Prozent der erwachsenen Befragten haben unter anderem die Meeting-Raum-Aufgabe gemeistert und sind damit in Level 3.

Die restlichen 40 Prozent teilen sich so auf: 26 Prozent der erwachsenen Studienteilnehmer können gar keine Computer benutzen, 14 Prozent liegen unter Level 1. Das bedeutet, dass sie nur ein bestimmtes Feature in einer bestimmten Anwendung nutzen können, ohne wissen über die Funktionsweise der Anwendung zu haben. Im Alter von 25 Jahren waren die Teilnehmer im Schnitt am besten in der Lage, technische Aufgabe zu lösen. Am besten schneiden in der Studie Schweden, Neuseeland, die Niederlande und Finnland ab.

Fassen wir zusammen: Im Schnitt können 69 Prozent nicht oder nur basal mit einem Computer und einer digitalen Anwendung umgehen. Im Ländervergleich zeigt sich, dass das die Situation in den USA gut widerspiegelt. Deutschland schneidet minimal besser ab. Und auch andere Industriestaaten wie Australien, UK und Kanada schneiden nur etwas besser ab. Aber kein Grund, sich zurückzulehnen, denn in diesen Ländern ist nicht etwa das Level-3-Niveau stärker vertreten, sondern Level 2. Der prozentuale Anteil der Leute, die keinen Computer nutzen können, ist vor allem in Japan und Singapur überraschend hoch. Hier ist aber auch der Anteil an „Level-3-Absolventen“ vergleichsweise hoch.

Entwickler müssen umdenken

Wenn man sich täglich mit den neusten Technologien beschäftigt, findet man sich schnell in einer Blase wieder, dem Trugschluss, dass das doch ein gängiges Niveau und quasi „Maß an Technologie“ ist. Die Studie zeigt, dass dieses Niveau von einer großen Gruppe der Anwender nicht geteilt werden könnte.

Natürlich könnte man jetzt argumentieren, dass man bei der Entwicklung einer Anwendung eine bestimmte Zielgruppe im Sinn hat. Aber selbst dann ist diese Nutzergruppen heterogen. Was ein Entwickler immer im Hinterkopf behalten sollte: Selbst wenn die Zielgruppe einer Anwendung auch Entwickler sind, so sind diese nicht so sehr vertraut mit dem Produkt wie man es selbst ist. Sie starten also auf einem ganz anderen Level. Diesen Start kann man vereinfachen, wenn man Faktoren wie ein intuitives UI als entscheidenden Faktor einplant.

Dahingehend argumentierte auch Alexander Casall (Saxonia Systems AG) in seiner Session auf der W-JAX 2016: Entwickler müssen bei der UX eine Schippe drauflegen. Denn die Nutzung und damit die Effektivität und Produktivität von Business-Anwendungen wird davon maßgeblich beeinflusst. Dabei spielen nicht nur technische Usability-Regeln eine Rolle, ein ganz wichtiger Faktor ist eben auch der Mensch. Und so sollte die Navigation innerhalb einer Anwendung auch den unerfahrensten User zum Ziel führen.

Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist der hohe Anteil an Menschen, die gar nicht erst dazu kommen, Ihre Anwendung zu nutzen, da sie gar keinen Computer benutzen können. Zur Erinnerung: Das sind im Schnitt 26 Prozent der Teilnehmer. Woran liegt das? Auch wenn diese Gruppe vor allem die älteren Befragten repräsentieren sollte, so sollten diese mit maximal 65 Jahren auch in ihrem Berufsleben schon mal mit einem Computer in Kontakt gekommen sein.

Ein Blick in die Zukunft

Ganz aktuell traf sich die – vermutlich in den oberen fünf Prozent anzutreffende – Elite in Saarbrücken zum nationalen IT-Gipfel. Das Motto: „Lernen und Handeln in der digitalen Welt“. Hier wurde die erste Smart School Deutschlands präsentiert, in der Schüler in einem sogenannten digitalen Lernpark experimentieren können. Was das mit der Studie zu tun hat? Die Digitalisierung kann nur voranschreiten, wenn auch die Menschen, die dahinter stehen, mithalten können. Und so könnte beispielsweise eine stärker Einbindung digitaler Themen in den Lehrplänen der Schulen dafür sorgen, dass das Weiterleiten einer E-Mail einen Nutzer nicht mehr an seine Grenzen bringt.

Übrigens: Skandinavien ist bei der IT-Ausstattung seiner Schulen ganz vorne mit dabei. Ein Zufall?

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Geschrieben von
Kypriani Sinaris
Kypriani Sinaris
Kypriani Sinaris studierte Kognitive Linguistik an der Goethe Universität Frankfurt am Main. Seit 2015 ist sie Redakteurin bei JAXenter und dem Java Magazin.
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