Von "Hochstaplern" und "echten Programmierern"

Stressfaktoren des Entwickleralltags: Wenn dich das Coden verrückt macht

Michael Thomas

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Gutes Gehalt, hohe Arbeitsplatzsicherheit und gute Jobaussichten bei einer beruflichen Neuorientierung – all das haben Programmierer in der Regel vielen anderen Berufsgruppen voraus. Doch erkauft werden diese Vorteile teils mit gesundheitsschädlichem Stress. Dieser ist allerdings nicht nur Vorgesetzten und nervtötenden Mitarbeitern zu verdanken, vielmehr können seine Ursachen auch in den Programmierern selbst liegen.

Die Gefahren von Stress, genauer stressbezogene Gesundheitsprobleme, sind in Zeiten von Burnout und Co. längst im gesellschaftlichen Bewusstsein angekommen. Die Business-Insider-Autorin Julie Bort hat sich bereits 2014 mit zwei insgesamt etwas weniger bekannten, die Betroffenen nichtsdestotrotz belastenden, Stressfaktoren beschäftigt.

Hochstapler-Syndrom

Zum einen ist dies das 1978 erstmals beschriebene „Hochstapler-Syndrom“: Kurz gesagt handelt es sich bei diesem um ein psychologisches Phänomen, das dafür sorgt, dass eine Person ihre Erfolge nicht ihren eigenen Fähigkeiten, sondern bloßem Glück, dem Zufall, oder der Überschätzung ihrer Leistungen durch andere zuschreibt. Aus diesem Grund lebt der „Hochstapler“ mitunter in der ständigen Angst, irgendwann „aufzufliegen“. Betroffen sind wohl vor allem Frauen und Angehörige von Minderheiten. Programmiererinnen vereinen in der nach wie vor männerdominierten IT-Welt also gleich beide Risikogruppen in einer Person.

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Worauf Bort insbesondere hinweist: Das Hochstapler-Syndrom schlägt vor allem dann zu, wenn die geleistete Arbeit einem wie auch immer gearteten Peer-Review-Prozess unterworfen wird, was beispielsweise bei Open-Source-Software zum Modus Operandi zählt. Eine kürzlich veröffentlichte Big-Data-Studie der Universitäten North Carolina State und Cal Poly fand heraus, dass Frauen in diesem Bereich sowieso eher benachteiligt werden: So sind die Pull Requests von Frauen in Open-Source-Projekten offenbar zwar erfolgreicher als die ihrer männlichen Kollegen – allerdings nur, so lange ihr Geschlecht nicht zu erkennen ist.

Real-Programmer-Syndrom und (Selbst-)Ausbeutung

Abgesehen von der ständigen mentalen Belastung, die das Hochstapler-Syndrom mit sich bringt, droht Bort zufolge noch eine weitere Gefahr: die des Real-Programmer-Syndroms. Sprich: Die Betroffenen glauben, doppelt und dreifach so hart arbeiten zu müssen als alle anderen, um endlich „gut genug“ zu werden. Im schlimmsten Fall bürden sie sich Projekt um Projekt auf und leisten zahllose Überstunden, bis sich schließlich das gesamte Denken um die Arbeit dreht und das Private immer mehr ins Hintertreffen gerät.

Nicht gerade hilfreich für die mit dem Real-Programmer-Syndrom Infizierten ist die in Teilen der Industrie auch heute noch herrschende Kultur, derzufolge ständige Überstunden und Arbeit bis zum Umfallen zum guten Ton gehören. Ganz abgesehen von der Frage, ob 80-Stunden-Wochen und ähnliche Arbeitsmodelle der Produktivität insgesamt nicht sogar eher abträglich sind (wofür es mehr als deutliche Hinweise gibt), steht in Zeiten von Burnout und Co. auch der gesundheitsschädliche Aspekt im Mittelpunkt: Auch wenn es bis dato nicht als offizielle Krankheit betrachtet wird, gilt Burnout für viele als typisches Branchenproblem. Und schlimmer geht bekanntlich immer: Der Programmierer Kenneth Parker etwa berichtete 2013 von einem scheinbar unermüdlichen Kollegen, der sich derart verausgabte, dass er schlussendlich einen kompletten mentalen Zusammenbruch erlitt und sich anschließend in einer psychiatrischen Klinik wiederfand.

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Bei aller Liebe zum Coden raten einem derartige Beispiele vor allem eines: Niemals die Work-Life-Balance – und damit schlussendlich die eigene Gesundheit – aus dem Blick verlieren!

Aufmacherbild: Funny and crazy man using a computer on gray background von Shutterstock / Urheberrecht: Master1305

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Michael Thomas
Michael Thomas
Michael Thomas studierte Erziehungswissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und arbeitet seit 2013 als Freelance-Autor bei JAXenter.de. Kontakt: mthomas[at]sandsmedia.com
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