Sag mal...

Status quo der Agilität

Niko Köbler, Carina Schipper

© shutterstock.com | Karashaev

 

Agilität begegnet uns an jeder Ecke. Ob im Alltag oder im Unternehmen, überall, wo es etwas zu verbessern gibt, helfen agile Ansätze weiter. Das ist natürlich keine fundamental neue Erkenntnis. Allerdings hat sie uns dazu gebracht, ein wenig genauer hinzuschauen und mich dazu, Niko mit ein paar Fragen zur Agilität zu erfreuen.

Wir sind uns einig: Agilität ist für jedes Unternehmen anders zu definieren. Agilität ist erst einmal die Beweglichkeit und Flexibilität, um auf Änderungen zu reagieren. Wie das ein Unternehmen genau umsetzt, bleibt ihm überlassen – Hauptsache, es kann und will auf geänderte Anforderungen reagieren. Doch grau ist alle Theorie. In der Wirklichkeit treffen vielfach die starre und die agile Welt aufeinander. Wir haben einen Plan. Wir haben einen Wunsch. Wir glauben zu wissen, was der Kunde möchte. Noch schlimmer: wir denken, wir verstehen ihn. Solange wir den Kunden aber außen vor lassen, können wir noch soviel Scrum und Co. machen – agil sind wir deswegen trotzdem nicht. Agil sein heißt, auf den Kunden einzugehen, ihn zu verstehen und ihn vom Anfang bis zum Ende mit ins Projekt zu nehmen. Wenn der Kunde nicht Teil des Projekts ist, kann das Projekt nicht agil umgesetzt werden (von Scheitern wollen wir hier nicht reden).Oft ist der Mitarbeiter des Kunden willig, im Projekt mitzuarbeiten, bekommt aber von oben keine Kompetenz, keine Zeit und kein Budget, um im Projekt mitzuarbeiten.

Carina: Ich kann nicht und ich will nicht, sind zwei Paar Schuhe – stimmt das? Wenn Leute sagen: „Ja, ich wäre ja echt gern agil, aber ich kann es einfach nicht, weil …“, gibts dann Gründe, warum sie es wirklich nicht können, oder können sie es eigentlich doch?

Niko: Wer will, findet Wege, wer nicht, findet Ausreden. Der Fisch fängt ja bekanntlich am Kopf an zu … riechen. Und Agilität muss als Haltung und Kultur eben auch wie alles andere von oben vorgelebt werden. Eine agile Revolution von unten wird nur in den allerwenigsten Fällen funktionieren, aber bestimmt nicht in einem Konzernumfeld.

Carina: Okay, leuchtet ein. Aber was meinst du, wie viel Agilität herrscht da draußen in den Unternehmen vor? Wie weit sind die? Bei denen, bei denen es klemmt: Was machen die verkehrt?

Henrik Kniberg erklärt den MVP-Prozess grafisch (Quelle: Henrik Kniberg)

Niko: Scrum geht einfach ganz oft schief. Dailies verkommen zu täglichen Status-Reports, statt als Micro-Planning in die Zukunft gerichtet (= 1 Tag) eingesetzt zu werden. Eigentlich sollte am Sprintende eine lauffähige (und potenziell produktiv einsetzbare) Version des Produkts bereitstehen, oftmals wird aber die Projektgesamtlaufzeit einfach in kleinere Abschnitte unterteilt, um „nicht so weit planen zu müssen“. Henrik Kniberg erklärt den MVP-Prozess grafisch (Abb. 1).

Da sind dann auch noch diese Klebezettel: In vielen Unternehmen hängen die Wände voll mit kleinen, bunten Klebezetteln (optional mit vielen unterschiedlichen Variationen von Smileys). Eigentlich ist der Sinn und Zweck der Post-its, dass die Arbeit (unterschiedliche Farben = unterschiedliche Arten von Arbeit) sichtbar und damit beherrschbar wird. Was es damit konkret auf sich hat, ist sehr schön und obendrein unterhaltsam im Roman „Projekt Phoenix – Der Roman über IT und DevOps“ nachzulesen. Ist die Wandfarbe vor lauter Zettel nicht mehr zu sehen und nimmt die Anzahl der mobilen Whiteboards exponentiell zu, ist das ein sicheres Zeichen für das Nichtbeherrschen des Arbeitsaufkommens. Retros werden leider allzu oft vergessen oder bewusst nicht durchgeführt, da hier die größten Schwachstellen in der (Projekt-)Organisation ans Tageslicht kommen. Man müsste dann ja was ändern. „IMHO“ ist allerdings das beste Instrument im gesamten Agilitätsumfeld! Für gelungene Retros gibt es verschiedene Methoden oder Spiele.

Carina: Hm, ich verstehe, was in Unternehmen oder, eine Ebene darunter, in Teams schief läuft. Aber lass uns doch mal in den Mikrokosmos gehen: die einzelne Person. Ich kenne das von mir selber ja auch ganz gut. Ich glaube, agil muss man leben, sonst wird das nichts und ist alles vergebene Liebesmüh. Kann ich das wirklich bis ins Letzte? Ich meine, da gehört ja schon viel Arbeit und Selbstdisziplin dazu …

Niko: Ja! Und? Du willst diese „Life-Life-Balance“, von der alle reden? Voller Lohnausgleich bei minimaler Arbeit? Good Luck.

Carina: Mal weg von der Softwarewelt: Die Ansätze sind ja auch ganz grundsätzlich im echten Leben nicht verkehrt.

Niko: Der agile Ansatz, Lean Production etc. kommt ja ursprünglich gar nicht aus der Softwarewelt, sondern aus der (Automobil )Industrie. Ich coache sogar eine Zahnarztpraxis mit agilen Ansätzen. Da ist sicherlich kein Scrum möglich, aber es gibt einige Methoden (vor allem Retros), die sich überall sehr gut für einen Verbesserungsprozess anwenden lassen.

Carina: Ah! Du meinst das Toyota Produktionssystem. Eigentlich geht einem ja schon ein Licht auf, wenn man liest, was Toyota selbst dazu sagt: „Das Toyota Produktionssystem versetzt Mitarbeiter in die Lage, die Qualität durch ständige Verbesserung von Prozessen und Vermeidung der Verschwendung von natürlichen, menschlichen und unternehmerischen Ressourcen zu optimieren. Das TPS wirkt sich auf jeden Aspekt unserer Organisation aus und beinhaltet eine gemeinsame Basis an Werten, Wissen und Verfahren. Die Mitarbeiter werden mit gut definierten Verantwortlichkeiten in jedem Produktionsschritt betraut, und jedes Teammitglied wird ermutigt, nach Verbesserungen zu streben“.

Sag mal…
In der Reihe „Sag mal…“ kommentieren Java-Magazin-Redakteurin Carina Schipper und Software-Architekt Niko Köbler verschiedene Themen aus der Welt der Softwareentwicklung.
Geschrieben von
Niko Köbler
Niko Köbler
Niko Köbler ist freiberuflicher Software-Architekt, Developer & Trainer für Java & JavaScript-(Enterprise-)Lösungen, Integrationen und Webdevelopment. Er ist Co-Lead der JUG Darmstadt, schreibt Artikel für Fachmagazine und ist regelmäßig als Sprecher auf internationalen Fachkonferenzen anzutreffen. Niko twittert @dasniko.
Carina Schipper
Carina Schipper
Carina Schipper ist seit 2017 Redakteurin beim Java Magazin, Business Technology und JAXenter. Sie hat Germanistik und Europäische Ethnologie / Volkskunde an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg studiert.
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