Standortvorteil Europa

Was sehen Sie als Hauptgrund für den Nachwuchsmangel in der IT?

Streibich: Die Technikfeindlichkeit, die wir in der Bevölkerung haben, die Ablehnung gegenüber Unternehmertum, die ja auch einen 68er- und Grünen-Spirit darstellt, ist etwas, das auch in den Schulbüchern, in der Ausbildung Einzug gehalten hat. Ich bin überzeugt, dass mit dem Ausphasen der 68er-Generation, die Technikfeindlichkeit abgeschwächt werden wird.
Denn, wissen Sie, wenn immer nur Negativnachrichten kommen über Unternehmer, über Elektronik, über IT, über Technik und so weiter, dann studiert das Thema keiner. Das ist das Kernproblem.

BT: Was kann die Software-Industrie tun, damit sich diese Situation verändert?

Streibich: Ich bin auch im Präsidium des BITKOM. Da diskutieren wir diese Themen. Die ITK-Branche ist nicht nur die größte Branche in Deutschland, sondern sie findet sich darüber hinaus in gleicher Größenordnung in allen anderen Branchen wieder.

Wir als Branchenverband BITKOM müssen das Bewusstsein für die Bedeutung des ITK-Sektors fördern, wir müssen PR machen für eine positivere Stimmung gegenüber der Technologie und dann werden auch mehr Menschen Ingenieur werden und mehr naturwissenschaftliche Fächer studieren.

Muss nicht auch die Art der Ausbildung dem angepasst werden, was wirklich auf dem Markt gebraucht wird?

Streibich: Nein, die Ausbildung ist nicht das Problem! Das Problem ist die Motivation der jungen Menschen, das Thema zu studieren. Das ist die treibende Kraft hinter allem. Und wenn die Studiengänge genug Studenten haben, haben sie auch mehr Kohle und sind wichtiger. Ich habe vor dreißig Jahren angefangen zu studieren. Habe fünf Jahre studiert und bin dann Diplomingenieur geworden. Damals hatte Diplomingenieur für mich und für meine Umgebung ein gutes Sozialprestige, einen hohen Stellenwert.

Heute glaube ich, ist es für Ingenieure- wenn sie aus einer Arbeiterfamilie kommen – ein Aufstieg. Wenn sie aus einer Akademikerfamilie sind, eher ein Abstieg. Wenn Sie jetzt alles zusammenzählen, die Technikfeindlichkeit, die durch die 68er-Generation implantiert wurde, der höhere Bildungsstand insgesamt, der ein Ingenieursstudium eher unterdurchschnittlich als überdurchschnittlich positionieren lässt, plus die sich ausdünnende IT-Landschaft in Deutschland und Europa, dann ist die Ausbildungsqualität eher eine Konsequenz als eine Ursache.

Was würden Sie einem jungen Menschen raten, der Sie fragt, ob er sich in die technische Richtung orientieren soll oder nicht?

Streibich: Tja, das ist eine gute Frage. Ich würde ihm drei Dinge antworten. Ich würde ihm sagen: Schau mal, ich selbst habe eine Lehre gemacht als Radio- und Fernsehtechniker, habe über den zweiten Bildungsweg das Abitur gemacht. Habe dann ein Ingenieursstudium begonnen, als Softwareentwickler gearbeitet. Ich bin ins Ausland gegangen, habe jahrelang international gearbeitet.

Dann würde ich sagen: Schau mal, die Entwicklerjobs, die reinen Entwicklerjobs gehen nach Indien. Genauso, wie die reinen Fabrikationsjobs vielleicht nach China gehen. Wir in Deutschland müssen hohe Ausbildungsstandards haben, damit wir die höher aggregierten Systeme beherrschen, damit wir die Konzeptionisten, die Architekten von Lösungen sind. Und dann durch Import eben das, was die dort programmieren zu implementieren.

Ich würde ihm – oder ihr – auch sagen, du musst einen Job machen, wo es viele Zuarbeiter gibt für das, was du tust. Nur dann hast du einen Leverage-Effekt, nur dann ist dein höherer Lebensstandard zu rechtfertigen gegenüber dem, der nur eine Einzelleistung bringt. Ganz einfach. So wie der Fußballstar am meisten Geld erhält, der die meisten Zuschauer vor den Fernseher holt, weil er den höchsten Leverage-Effekt hat. Ganz einfach.

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