Standortvorteil Europa

Ob beruflich oder privat, IT ist überall präsent. Wie sieht es da mit der Profilierung der IT-Industrie aus? Warum hat sie nicht eine so starke Lobby wie die Automobilindustrie?

Streibich: Drei Antworten dazu. Erstens: Sicherlich, unser Branchenverband – der BITKOM – ist jetzt sechs Jahre alt. Der Verband der Automobilbranche – der VDA – ist viel älter. Die sind natürlich entsprechend etablierter und präsenter. Zweiter Punkt: In der Automobilbranche gibt es in Deutschland weniger als zehn Player.

Im BITKOM, in der ITK-Branche, gibt es tausende von Unternehmen. Wir haben 800 bis 1000 Mitglieder. Was ich sagen will: Wenn fünf Firmen 90 Prozent des Volumens ausmachen, dann können die sich schneller abstimmen, was gemacht werden muss. Aber die Tatsache, dass es einen IT-Gipfel gab, zeigt auch, dass es in die richtige Richtung geht.

Brauchen wir einen CIO für die Bundesrepublik?

Streibich: Das haben wir auf dem IT-Gipfel im Dezember vergangenen Jahres vorgeschlagen. Es gibt bereits gute Beispiele, Martin Schallbruch ist im Innenministerium für IT zuständig, Harald Lemke für Hessen, das sind sehr positive Beispiele. Solche Beispiele helfen natürlich enorm und wir empfehlen das auch für andere Ministerien und für die Bundesregierung.

Sie haben bereits die Vorteile des Standorts Deutschland genannt. Wie sieht es beim Thema IT-Innovationen aus?

Streibich: Es ist eine Katastrophe, eine totale Katastrophe. Wenn wir nicht aktiv werden, werden wir in Deutschland den gleichen Weg gehen wie die Unterhaltungselektronik. Da gibt es jetzt noch ein paar, ohne Zweifel, aber das ist minimal im Vergleich zu dem, was es schon einmal gab. Und wenn Sie sich jetzt vor Augen führen, dass IT und Software in den USA 60 Prozent Anteil an den Produktivitätsgewinnen der letzten fünf Jahre hatten – in Europa dagegen nur 40, dann können Sie sich vorstellen, was es bedeutet, dieses Intellectual Capital selbst zu besitzen. Das sind die modernen Produktivitätstreiber, sprich, Treiber des Lebensstandards. Deshalb ist es von äußerster Wichtigkeit, dass wir in Europa diese Kompetenz nicht verlieren.

Ich will Ihnen ein Beispiel geben: BenQ-Siemens. Siemens hat mit Sicherheit gute Absichten gehabt, die Mobilfunkthematik zu BenQ zu übertragen, dort zu bündeln. Leider ging es schief, mit der fürchterlichen Auswirkung auf die Arbeitsplätze. Aber, wovon niemand gesprochen hat, ist Folgendes: GSM wird ein Weltstandard. Siemens hat es erfunden – hat alle Patente, hunderte von Patenten.

Diese Patente gehen auch nach Taiwan in dem Zusammenhang. Ich meine, es ist langfristig ein enormer Verlust, dass wir da in einem wesentlichen Technologiefeld das Intellectual Property so nebenbei auch verloren haben. Da müsste aus meiner Sicht der Staat früher einschreiten und sagen: Wir treffen die Entscheidung aus staatspolitischer Sicht, aus strategischer Sicht, dass diese Technologien als Intellectual Property im Land erhalten bleiben. Basta.

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