Softwareentwicklung im Zeitalter der Globalisierung

Sebastian Meyen

Die Softwareentwicklung im Zeitalter der Globalisierung hatte die erste Keynote des Tages, vorgetragen von Nicolai Josuttis, zum Thema. Josuttis, der als Softwarearchitekt in einigen großen, hochkomplexen und globalen Projekten involviert ist, stellte auf durchaus provokante Weise die Aspekte heraus, welche die Softwareentwicklung im 21. Jahrhundert nachhaltig verändern.

Traditionelle Tugenden der Softwareentwicklung, wie etwa Vermeidung von Redundanz, Konzentration auf ein einheitliches Datenmodell, müssen angesichts globaler Herausforderungen in den Hintergrund treten. Große Systemlandschaften in globalen Organisationen werden typischerweise von einer Vielzahl an Eigentümern betrieben, die sich mitunter durch unterschiedliche Geschäftsmodelle, Prioritäten, Budgets und Zeitplanungen voneinander unterscheiden. Die Stakeholer – häufig nationale Gesellschaften mit eigener Umsatzverantwortung, sind indes nicht daran interessiert,
ihre Daten in einen Konzern-weiten Datenbestand zu überführen. Vielmehr betrachten sie sich als Eigentümer ihrer Kundendaten – weswegen eine hohe Redundanz bei Integrationsprojekten eher die Regel als eine Ausnahme ist. Zudem sei Redundanz in derlei Integrationsszenarien häufig auch aus Performance-Gründen die bessere Wahl, so Josuttis.

Ein gesteigertes Maß an Komplexität wird erreicht, wenn in diesem Rahmen Geschäftsprozesse konsistent über Organisations- und Technologiegrenzen hinweg erstellt werden müssen. Testdaten müssen dann konzernweit organisiert werden und es bedarf intensiver, aufwändiger manueller Tests – in der Regel sind dann ebenso viele Tester wie Entwickler notwendig, merkte Josuttis an.

Eine weitere Herausforderung besteht in dem beständigen Wandel – kaum ein System unterliegt nicht kontinuierlicher Weiterentwicklung, „Volkswagen baut keine zwei Fahrzeuge, die miteinander identisch sind“, sagte er mit Verweis auf die beständige Innovation im Detail und „unter der Motorhaube“. Wandel – zu neudeutsch Change –
erzeugt allerdings stets Unruhe, und Change an vielen Stellen im System zur gleicher Zeit erzeugt Unruhe, die sich potenziert.

Wie lassen sich nun Projekte im Lichte solcher Komplexität bei gleichzeitigem erheblichem Kostendruck realisieren? Josuttis berichtet von guten Erfahrungen, die man mit Feature-Teams und Refactoring-Teams gemacht haben. Erstere realisieren
Geschäftsprozesse gewissermaßen „quick and dirty“ – und nehmen dabei nur wenig Rücksicht auf technische Belange wie Performance, Security, Skalierbarkeit. Ihnen obliegt es allerdings, ihre Ergebnisse in time und in budget zu liefern. Die Refactoring-Teams hingegen arbeiten asynchron und ohne Deadlines. Hier arbeiten die
wahren technischen Experten und ihre Aufgabe besteht darin, asynchron und ohne Deadlines die entwickelten Systeme auf technisch solide Beine zu stellen – „die Experten werden zur Putzkolonne in großen Unternehmen“.

Das Fazit der Keynote: Der Kampf mit dem Ziel, dass die IT in der Hand von Experten liegen sollte, ist verloren. Experten werden als Putztruppe und zur Krisenintervention herbeigerufen – spielen im täglichen Geschäft zunehmend eine untergeordnete Rolle. Dies gilt zumindest für die großen global aufgestellten Konzerne. „Willkommen zur großen Desillusionierung“ – damit schloss Nico Josuttis seine Keynote.

Ob er damit vor allem seine eigene Desillusionierung meinte oder tatsächlich einen großen Trend erblickt, das wurde in anschließenden Diskussionen noch heftig erörtert. Gewiss resultieren seine Beobachtungen in erster Linie auf den Erfahrungen in Großkonzernen, weshalb eine Generalisierung in Richtung Mittelstand
mit Vorsicht zu genießen ist.

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Sebastian Meyen
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