Digital Design als neues Rollenideal

Eine kurze Geschichte der Softwareentwicklung in drei Akten: Analog ist das neue Bio

Dr. Kim Lauenroth

© Shutterstock / Rawpixel.com

„Die Digitalindustrie ist die Zukunft Europas“, so hört man es oft aus Politik und Wirtschaft. Die richtig großen Würfe aber bleiben bisher aus. Realisierte Vorhaben stehen hinter den Erwartungen zurück, Beispiel elektronische Gesundheitskarte, einige Projekte scheitern sogar auf ganzer Linie. Wie passt das zusammen? Dieser Artikel versucht sich an einer Erklärung und stellt als Lösung den Digital Designer als neues und führendes Rollenideal für Digitalvorhaben vor.

Die Informationstechnologie hat in den letzten Jahren ein Niveau erreicht, das den Weg für schier unbegrenzte Möglichkeiten freimacht. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung steckt im Wort Digitalisierung das Potenzial, sich zum Wort der späten 2010er und bestimmt auch der frühen 2020er-Jahre aufzuschwingen. In den Medien finden sich Aussagen wie „die digitale Transformation sorgt für einen tiefgreifenden Wandel in allen Lebensbereichen“, „die Digitalindustrie ist die Zukunft Europas“ oder „Daten sind das Öl des 21. Jahrhunderts“. Glaubt man diesen Aussagen, steht eine rosige digitale Zukunft bevor (wie auch immer rosig im Zusammenhang mit digital ausschauen mag). Die digitale Zukunft ist allerdings schon heute keineswegs überall rosig. So fördert der Suchbegriff „digitale Tagelöhner“ Texte zutage, die eine durchaus dunkle Seite aufzeigen. Das Buch „Analog ist das neue Bio“ von Andre Wilkens bietet einen schönen Überblick über helle wie dunkle Seiten der Digitalisierung und lieferte die Inspiration für den Titel dieses Texts. Zahlreiche Berichte über mäßig erfolgreiche oder gescheiterte Digitalvorhaben vervollständigen das Bild [1].

Auf Konferenzen oder in Workshops zu Softwareentwicklung werden die Besucher stets mit neuen Methoden bombardiert, mit denen sie vermeintlich noch besser, schneller, effizienter oder kostengünstiger entwickeln können. Nicht selten fordern die Speaker dort ein radikales Umdenken, da die bisherigen Methoden oldschool sind und sich mit den Techniken der Vergangenheit die Probleme von heute nicht mehr lösen lassen. Dieser Wunsch nach Erneuerung und das Hinterfragen der eigenen Methoden sind durchaus wünschenswert. Nur erweckt es bei Außenstehenden schnell den Eindruck, dass die Softwarewelt ihre Projekte nicht wirklich in den Griff bekommt. Unter dem Strich steht ein verqueres Bild: Auf der einen Seite ist die IT in einigen Wirtschaftsbereichen erfolgreich wie nie, und Politik und Wirtschaft sehen in der Digitalisierung die Zukunft. Auf der anderen Seite stehen zahlreiche Berichte über Fehlschläge, recht kritische Stimmen zur Digitalisierung und ein fortlaufendes Ringen um die richtigen Methoden.

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Eine kurze Geschichte der Softwareentwicklung in drei Akten

Digitalisierung steht weit oben auf der Hitliste für das Buzzword-Bingo. Das Schöne an diesem Wort ist, dass es einerseits irgendwie modern klingt, aber andererseits dann doch so vage daherkommt, dass sich mit diesem Wort so ziemlich alles oder nichts verknüpfen lässt. Bei der präzisen Definition hilft die englische Sprache: Sie unterscheidet zwischen Digitisation und Digitalisation. Auch wenn die Unterschiede in den folgenden Definitionen spitzfindig erscheinen, sind sie doch hilfreich. Sie lassen sich nutzen, um eine kurze Geschichte der Softwareentwicklung zu beschreiben und helfen gleichzeitig dabei, die skizzierte verquere Situation zu erfassen.

Der Begriff Digitisation lässt sich präzise – wenn auch recht sperrig – mit Analog-Digital-Wandlung übersetzen. Gemeint ist damit die Übertragung von Informationen von einem analogen Träger auf einen digitalen Träger. Unmittelbar einsichtige Beispiele sind die CD oder das MP3-Format, beide Medien transportieren Musik in digitaler Form. Ebenfalls zu Digitisation zählt das Speichern von Texten, wie beispielsweise Adressen im Rechner.

Digitisation lässt sich als erster Akt in der Geschichte der Softwareentwicklung verstehen (ca. 1950er). Für die Softwareentwicklung bestand hier die Herausforderung, die zu übertragende Information und ihre Struktur zu verstehen, um sie dann geeignet in digitaler Form abzubilden und zu verarbeiten. Wichtig war, dass fachlich kompetente Ansprechpartner zur Verfügung standen, die auch schon in analoger Form mit dieser Information gearbeitet hatten. Banken und Versicherungen als frühe Nutzer der Computertechnik sind hierfür ein gutes Beispiel. Bankkonten und Versicherungen existierten schon lange vor dem Computerzeitalter und wurden in Papierform (also analog) betrieben. So existierte in diesen Branchen ein Expertenwesen, das bezüglich der Anforderungen an die Software befragt werden konnte. Für den Umgang mit diesen Personen haben sich in der Softwareentwicklung spezialisierte Rollen für die Anforderungsanalyse (Requirements Engineering) herausgebildet, deren primäre Aufgabe es ist, die Anforderungen der Stakeholder zu erheben und in geeigneter Form für die Softwareentwicklung verfügbar zu machen.

Mit der zunehmenden Verbreitung von Computern in den 1980er-Jahren und der Etablierung des Internets als Kommunikationsmedium in den 90er-Jahren begann der zweite Akt, der mit Digitalisation überschrieben werden kann. Digitalisation bzw. Digitalisierung geht einen Schritt weiter. Hier wird nicht nur ein analoges Medium durch ein digitales ersetzt, sondern hier werden vormals analoge Geschäftsprozesse in digitale Geschäftsprozesse überführt. Als Beispiel für erfolgreiche Digitalisierung dient der Handel im Internet, der einem realen Geschäft nachempfunden ist. Die Waren werden durch Bilder in regalartigen Strukturen präsentiert. Ausgewählte Waren legt der Käufer in einen virtuellen Warenkorb, und am Ende des Einkaufs steht die digitale Kasse. Natürlich bieten Onlineshops viele weitere Funktionen, die erst durch Software möglich werden, aber in der Essenz ist es eine Abbildung des analogen Einkaufs.

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Eine zentrale Herausforderung besteht darin, für die Digitalisierung geeignete (Teil-)Prozesse zu identifizieren. Mit dieser Herausforderung lässt sich die Entstehung der Businessanalyse als Erweiterung des Requirements Engineering erklären. Ihre primäre Aufgabe ist es, Geschäftsprozesse möglichst effektiv und effizient mit Software zu realisieren. Hinzu kommt ein weiterer Umstand: Die Systeme und die durch sie realisierten Geschäftsprozesse wurden häufig von technisch wenig versierten Benutzern verwendet. Somit musste die Bedienung stark vereinfacht und intuitiver werden, da die Akzeptanz durch den Benutzer ein wesentlicher Faktor für den Erfolg ist. Durch diese weitere Herausforderung lässt sich das Aufkommen des Usability Engineering in der Softwareentwicklung erklären.

Als Krönung darf die digitale Transformation natürlich nicht fehlen. Sie bezeichnet den aktuellen und dritten Akt in der Geschichte der Softwareentwicklung. Ermöglicht wird die digitale Transformation insbesondere durch die weltweite Verbreitung von Smartphones seit den späten 2000ern und die damit einhergehende allgegenwärtige Verfügbarkeit von Internet und Software in allen Situationen des Alltags. Mit der digitalen Transformation verlassen wir die Welt der analogen Entsprechungen im Wesentlichen, da durch die digitale Transformation vollkommen neue Geschäftsmodelle und/oder gesellschaftliche Strukturen entstehen, die erst durch Digitaltechnik überhaupt möglich sind. Als Beispiele dienen soziale Netzwerke und Unternehmen wie Spotify oder Airbnb. Hier wurde jeweils mithilfe der Digitaltechnik ein innovatives Geschäftsmodell realisiert.

Digitalisierung und digitale Transformation sind anders

Für viele Beteiligte – Kunden oder Nutzer der Systeme, Auftraggeber, aber auch für die IT-Branche beziehungsweise produzierende Unternehmen – sind Digitalisierung und digitale Transformation Neuland. Warum Neuland? Experten entwickeln doch seit über fünfzig Jahren erfolgreich Software.

Ein Großteil der frühen Erfolge von Software gehört zur Digitisation. Zusätzlich entstanden viele Methoden der Softwareentwicklung im Kontext der Digitisation. Typisch dafür war, dass verstandene analoge Daten oder stabile Prozesse in Software übertragen wurden. Es standen geeignete Fachleute zur Verfügung, die Entwickler bezüglich der zu realisierenden Anforderungen befragen konnten und damit eine für sie akzeptable Lösung gestalten konnten. Der Softwareentwicklung kam die Rolle eines technischen Umsetzers zu, die Verantwortung für den Erfolg lag bei der Fachseite.

Anders bei Digitalisierung und digitaler Transformation: In der Digitalisierung existieren zwar analoge Vorbilder, aber es ist keinesfalls sichergestellt, dass Nutzer das Digitale dem Analogen vorziehen. Beispielsweise war nicht klar, dass der Nutzer den Bücherkauf über das Internet dem Buchladen vorzieht. Folglich müssen die digitalen Prozesse nicht nur technisch gut gemacht sein, die Nutzer müssen diese auch akzeptieren und annehmen. In der digitalen Transformation existieren überhaupt keine analogen Vorbilder, da ja vollkommen neue Strukturen entstehen. Damit ist die Akzeptanz mindestens genauso unsicher. Ein Beispiel hierfür ist Second Life. Dieses Projekt war in den Anfangsjahren revolutionär, hat aber im Laufe der Zeit die Erwartungen nicht erfüllt und ist mittlerweile im Vergleich zu anderen Entwicklungen uninteressant geworden.

Für Unternehmen sind diese Digitalvorhaben schwierig zu planen und zu greifen. Die Verantwortlichen müssen nicht nur die Software, sondern meist ein neues Ökosystem planen und entwickeln. Zusätzlich ist das Risiko des Scheiterns wesentlich größer, da Digitalvorhaben wesentlich stärker auf Vermutungen und Annahmen über den Erfolg und die Auswirkungen des Vorhabens beruhen.

Agilität ist nur ein Teil der Antwort

Die agile Entwicklung ist zweifelsohne eine wichtige Errungenschaft in der jüngeren Geschichte der Softwareentwicklung. Auf die Herausforderungen von Digitalvorhaben hat die agile Entwicklung allerdings nur eine Antwort: Feedback auf Basis laufender Software. Dahinter steckt die Annahme der Digitisation über eine Fachseite, die die Anforderungen kennt oder zumindest anhand des Endprodukts sagen kann, ob es das Richtige ist oder nicht. Auch diese Form der Entwicklung kommt dann an ihre Grenzen, wenn sich auf Kundenseite kein konkretes Verständnis über die Nutzung der geplanten Software einstellen will beziehungsweise wenn die Kundenseite von falschen Annahmen über den Erfolg eines Digitalvorhabens ausgeht. In solchen Situationen können auch perfekt funktionierende Feedbackzyklen nicht zu einer erfolgreichen Lösung konvergieren.

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Eine neue Arbeitsweise muss her … Industriedesign als Vorbild

Für erfolgreiche Digitalvorhaben müssen alle Beteiligten die Prämisse über Bord werfen, dass es jemanden gibt, der die zu erstellende Software schon verstanden und durchdacht hat. Digitalvorhaben erfordern eine Herangehensweise, die keine präzise Vorstellung vom Ziel voraussetzt. Experten erarbeiten die Zielvorstellung als Teil des Vorhabens. Sie identifizieren und validieren dabei frühzeitig die relevanten Vermutungen und Annahmen. Industriedesigner können hierfür als Vorbild fungieren. Sie gestalten die funktionalen, interaktiven und ästhetischen Qualitäten industriell hergestellter Massenprodukte.

Auf den ersten Blick scheint das Industriedesign allerdings wenig mit der Problematik von Digitalvorhaben zu tun zu haben. Selbstverständlich besteht ein Unterschied zwischen der Herstellung eines Massenprodukts und der Entwicklung einer komplexen Software. Das Grundrisiko lässt sich jedoch durchaus vergleichen. Die Herstellung von Massenprodukten ist genauso wie die Entwicklung von Software mit hohen Kosten und einem entsprechenden Risiko verbunden. Analog konzentrieren sich Industriedesigner mit ihren Methoden darauf, die Wahrscheinlichkeit für einen Produkterfolg vor dem Produktionsstart zu maximieren. Industriedesigner setzen beispielsweise auf verschiedene Formen von Prototypen.

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Weiterhin verfügen Industriedesigner sowohl über technisches Wissen als auch über Gestaltungskompetenz: „… um erfolgreich zu sein, muss Industriedesign nicht nur technische Meisterschaft zeigen, sondern auch seine Produkte mit den unverwechselbaren sozialen Werten und optischen Eigenschaften ausstatten, die die Verbraucher dazu bringen, sie zu kaufen …“, heißt es im „Wörterbuch Design“ von Erlhoff und Marshall [2]. Diese Integration von technischer Expertise und Gestaltungskompetenz fehlt im Kanon der Rollen der Softwareentwicklung. Ansätze dazu finden sich im Usability Engineering und im Interaction Design. Allerdings fokussieren sich diese Disziplinen auf die unmittelbare Interaktion mit dem Benutzer und erheben keinen ganzheitlichen Gestaltungsanspruch vergleichbar dem Industriedesigner.

Digital Designer als neues Rollenideal

Softwareentwicklung wird heute primär technisch im Sinne des Software Engineerings und organisatorisch im Sinne des Projektmanagements gedacht. Eine führende gestaltende Rolle, wie sie die Industriedesigner oder die Architekten im Bauwesen verkörpern, fehlt. Dadurch werden Gestaltungsentscheidungen in Digitalvorhaben meist implizit getroffen und führen so nicht selten zu suboptimalen Ergebnissen. In Anlehnung an den Industriedesigner schließt das Rollenideal des Digital Designers diese Lücke. Digital Designer gestalten und optimieren digitale Produkte, Systeme und Dienstleistungen. Sie berücksichtigen dabei das Spannungsfeld zwischen den Wünschen und Bedürfnissen der Nutzer, den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und den technischen Möglichkeiten. Digital Designer führen den Entwicklungsprozess durch Skizzen, Modelle, Spezifikationen und Prototypen. Sie arbeiten dabei in multidisziplinären Gruppen mit dem Management, dem Marketing, der Entwicklung und dem Betrieb von Software zusammen.

Wesentliches Merkmal ist die Berücksichtigung des Spannungsfelds aus Nutzerbedürfnissen, Wirtschaftlichkeit und technischen Möglichkeiten in einer Rolle. Diese kombinierte Betrachtung macht den Digital Designer zur inhaltlichen Führungsrolle jedes Digitalvorhabens. Als Schnittstelle zwischen Entwicklung und Nutzer bzw. Fachseite kann er zwischen den drei Aspekten vermitteln und zur Schaffung nachhaltig erfolgreicher Produkte, Systeme und Dienstleistungen beitragen. Aus der Definition ergibt sich ein breit angelegtes und anspruchsvolles Kompetenzprofil, bestehend aus zwei Schwerpunkten (Gestaltung und Materialkunde) und einem breiten Querschnittskompetenzfeld.

Zur Gestaltung zählen u. a. die Arbeit mit Anforderungen (Requirements Engineering), die Konstruktion von Benutzungsschnittstellen (Usability Engineering/Interaction Design) und methodische Kompetenz zur Gestaltung (beispielsweise Design Thinking). Materialkunde ist als Begriff dem Industriedesign entlehnt und meint unter anderem Wissen um die Möglichkeiten und Grenzen von Software, Wissen über die technischen Möglichkeiten von Endgeräten (Desktop, Notebook, Tablet, Smartphone etc.), Wissen um den grundsätzlichen Aufbau von Software (Softwarearchitekturen, Frameworks etc.) und Wissen um Form- und Farbgebung. Zur Querschnittskompetenz gehören u. a. Wissen um Methoden und Vorgehensweisen zum Management von Entwicklungsvorhaben, Wissen um Methoden und Vorgehensweisen zur Entwicklung von Software, wirtschaftliche Aspekte zur Gestaltung/Entwicklung von Software, Fähigkeit zum Arbeiten in interdisziplinären Projekten sowie psychologische Grundlagen zur Realisierung von Software auf Nutzer- und Herstellerseite.

Der hier skizzierte Digital Designer ist zweifelsohne ein Idealbild und auch als solches zu verstehen. Ein solches Idealbild ist unumgänglich, um ein Leitbild für den Wandel in der Softwareentwicklung zu definieren. Es geht nicht um die Evolution bestehender Rollen, sondern um ein massives Umdenken in der Art und Weise, wie Software und damit auch Digitalvorhaben realisiert werden.

Was war nochmal mit „Analog ist das neue Bio“?

Wohin führt nun der Gedanke „Analog ist das neue Bio“? Nur weil etwas neu oder anders ist, muss es nicht zwangsläufig auch besser sein. Schallplatten als Inbegriff analoger Musik erleben gerade eine Renaissance, obwohl die CD doch so viel besser gewesen sein soll. Schiere Effizienz und Geschwindigkeit muss auch nicht das ultimative Ziel sein – Slowfood als Gegenbewegung zum Fastfood ist hier ein Beispiel. Ständige Vernetzung durch digitale Kommunikationsmedien wird in manchen Unternehmen dadurch begrenzt, dass die E-Mail-Server an Wochenenden und den Abendstunden heruntergefahren werden. Diese Beispiele könnte man dafür nutzen, digital zu verdammen. Aber Maschinenstürmerei und Früher-war-alles-besser-Nostalgie sind sicherlich genauso unsinnig wie unreflektierter Fortschrittsglaube. Die aktuellen Entwicklungen rund um die Digitalisierung sind kein unkontrollierbares Naturereignis, das über uns hineinbricht. Digitalisierung ist ein menschengemachtes Ding, und daher liegt es in der Hand vieler Menschen, wie die digitale Zukunft tatsächlich gestaltet wird. Hierzu benötigt es entsprechend kompetente Menschen. Das Idealbild des Digital Designers charakterisiert diesen Typ Mensch und soll die notwendige Kompetenz für die Realisierung von Digitalvorhaben definieren.

Das Motto „Analog ist das neue Bio“ soll als Leitspruch dienen, um eine nachhaltige digitale Welt zu realisieren, in der auch das Analoge seinen Platz findet und ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor wird oder sogar bleiben kann. Noch vor ungefähr fünfzehn Jahren wurden Biolebensmittel belächelt und gerne als Marotte einer gehobenen Gesellschaftsschicht abgetan. Heute gehört Bio in jedem Discounter zum Standardsortiment. Analog und digital sind kein Widerspruch, analog ist nicht automatisch schlecht oder oldschool. Umgekehrt ist digital nicht automatisch modern, effizient und erfolgreich. Analog und digital sollten vielmehr als ein Spektrum verstanden werden. Gut durchdachte analoge Prozesse können durch Digitaltechnologie noch besser und leistungsfähiger werden. Genauso können digitale Prozesse durch eine gute Portion analog erst ihr volles Potenzial entfalten. Wenn diese Gedanken Sie zum Nachdenken anregen, dann steckt vielleicht jede Menge Digital Designer in Ihnen. Die Softwareentwicklung kennt keine Führungsrolle nach dem Vorbild des Digital Designers. Aber genau diese Rolle braucht es: So wie im Bauwesen kein Gebäude von ernstzunehmendem Format ohne Architekt realisiert wird, sollte in Zukunft kein ernstzunehmendes Digitalvorhaben ohne einen qualifizierten Digital Designer realisiert werden.

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Geschrieben von
Dr. Kim Lauenroth
Dr. Kim Lauenroth
Dr. Kim Lauenroth leitet als Chief Requirements Engineer bei der adesso AG ein Competence Center mit dem Schwerpunkt RE und Produktgestaltung. Mit seiner breit aufgestellten Branchen- und Projekterfahrung und seiner breiten Ausbildung (Information, BWL und Psychologie sowie Promotion im Bereich RE/Produktlinienentwicklung) unterstützt er seine Kunden bei der strategischen Konzeption von Produkten und bei der Planung von Produktentwicklungsprozessen. Als Vorstandsvorsitzender des International Requirements Engineering Board (IREB) e. V. engagiert er sich in der Communityarbeit und für die Aus- und Weiterbildung im RE. Im Bitkom leitet er die Taskforce Software-Gestalter und arbeitet dort an einem neuen Rollenbild für die Softwareentwicklung, dem Digital Designer.
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