Software ohne Lizenz: Der Anfang vom Ende der Open-Source-Ära?

Claudia Fröhling
©shutterstock.com/Tashatuvango

Gut sechs Jahre ist es her, dass drei findige Entwickler aus San Francisco den Hosting-Dienst GitHub mit Ruby on Rails und Erlang aus der Taufe hoben und zum erfolgreichen Geschäftsmodell machten. Seitdem hat das Prinzip des Social Coding die Entwicklerwelt im Sturm erobert und Millionen Nutzer angezogen. Der Erfolg von GitHub brachte ein neues Phänomen hervor: Software ohne Lizenz. Denn 85 Prozent der auf GitHub gehosteten Projekte haben keine dedizierte Lizenz. Sehen wir hier (mal wieder) das Ende des Open-Source-Zeitalters herannahen?

Open Source in die Jahre gekommen?

Es ist mehr als zwei Jahrzehnte her, dass kluge Köpfe wie Richard Stallman oder Linus Torvalds den Grundstein für Open-Source-Software gelegt haben. Der Begriff „Open Source“ existiert seit 1998 und ist wie so vieles in unserer Welt eigentlich ein Marketing-Clou.

Zu Beginn war Open-Source-Software meist eine nachgebaute kostenlose Version eines ansonsten nur kommerziell erhältlichen Produkts. Heutzutage werden Open-Source-Technologien um ihrer selbst willen entwickelt oder aber Start-ups bauen ihre Anwendungen und Technologien komplett auf bereits existierenden OS-Projekten auf.

7 Jahre Open Source Java

Der Erfolg der Java-Programmiersprache ist übrigens eng verbunden mit ihrer Open-Source-Verfügbarkeit. Java war nicht von Anfang an Open Source. Sun Microsystems begann Ende 2006 mit der Gründung des OpenJDK-Projekts und der Bereitstellung des Compilers und der HotSpot VM. Ein Jahr später folgten große Teile von Java SE. Natürlich war aber auch hier nicht alles Eitel Sonnenschein, wie die Apache-Harmony-Problematik zeigte. Doch zurück zu Github.

Wo ist das Problem?

Bereits 2012 brachte James Governor mit einem Tweet das „Problem“ der GitHub-Generation zur Sprache:

Von diesem Tweet und der dadurch angestoßenen Diskussion inspiriert prüfte Aaron Williamson vom Software Freedom Law Center über 1,5 Millionen GitHub-Repositories und fand dort gerade einmal 219.000 Repositories, die eine Software-Lizenz für den gehosteten Code angaben – 14,9 Prozent. Aber selbst unter diesen 14 Prozent waren nicht alle Lizenzangaben vollständig oder rechtlich gesehen zulässig.

Lizenz? tl;dr!

Ein vor kurzem erschienener Beitrag auf Javaworld.com sieht hier einen Trend unter jungen Entwicklern, den nächsten logischen Schritt zu gehen: Wenn eine freizügige Open-Source-Lizenz etwas Gutes ist, dann muss eine Software ohne jegliche Lizenz noch besser sein? Offen bleibt dabei die Frage, ob junge Entwickler heute einfach keinen Bezug mehr zu den teilweise verwirrenden Regeln der unterschiedlichen Software-Lizenzen herstellen können (Stichwort: tl;dr). Um dem entgegenzuwirken, hatte GitHub die Seite choosealicense.com gelauncht, die einen mit „Choosing an OSS license doesn’t need to be scary“ in großen Lettern begrüßt.

Screenshot Choose a License

Auf dieser Seite, etwas versteckt, findet sich dann auch die Erklärung für das zugrundeliegende Problem: Das Fehlen einer Lizenz bedeutet im Umkehrschluss nämlich, dass die generellen Copyright-Gesetze gelten. Diese bestimmen, dass der Entwickler der Software (oder sein Arbeitgeber) alle Rechte am Code hat und kein anderer Entwickler ohne Erlaubnis berechtigt ist, den Code zu forken und weiter zu entwickeln. Denn Software ist geistiges Eigentum (Intellectual Property, kurz IP).

The Bigger Picture

Bei all der Schwarzmalerei sollten wir aber nicht davon ausgehen, dass die GitHub-Repositories das Ende des Open-Source-Zeitalters einläuten. Open Source hat Konjunktur:

Weshalb sonst würden Unternehmen wie SAP auf quelloffene Technologien wie Eclipse Virgo oder Eclipse Orion setzen? Und weshalb sonst würden Hazelcast oder Hortonworks, die sich ganz auf Open-Source-Technologien spezialisiert haben, großzügige Finanzspritzen erhalten?

… schrieb Diana Kupfer in ihrem Heartbleed-Kommentar hier auf JAXenter. Erst im April hatten wir sechs Gründe vorgestellt, warum wir gerade im goldenen Open-Source-Zeitalter leben.

Open Source entsteht aber nicht aus dem Nichts und reguliert sich auch nicht selbst. Es braucht Aufklärung und Pflege. Und das sollten wir nach 15 Jahren Open-Source-Erfahrung auch eigentlich schon gelernt haben.

Aufmacherbild: Licensing Concept. Waymark on Blue Background. 3D Render. von Shutterstock / Urheberrecht: Tashatuvango

Geschrieben von
Claudia Fröhling
Claudia Fröhling
Claudia Fröhling hat in verschiedenen Redaktionen als TV- und Onlineredakteurin gearbeitet, bevor sie 2008 zur Software & Support Media GmbH kam und sich bis 2014 um alle Projekte des Verlages im Ressort Java kümmerte. Claudia hat einen Abschluss in Politikwissenschaften und Multimedia Producing. Ihr Google+ Profil findest du hier.
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