Software in 2014: Reife auf dem Server – Kindergarten auf dem Client

Hartmut Schlosser

Bestandsaufnahmen der aktuellen Lage gibt es am Jahresanfang naturgemäß viele – manche verbreiten mehr, manche weniger Banalitäten. Doch mitunter gelingt es einem Vertreter des Genres, die Oberfläche zu durchbrechen und in die Tiefe vorzudringen. Bemerkenswert beispielsweise, was IT-Urgestein Tim Bray über den aktuellen Zustand der Software-Industrie zu sagen hat.

Tim Bray ist aktuell bei Google unter Vertrag, landläufig aber bekannt als einer der Väter von XML und langjähriger Director of Web Technologies bei Sun Microsystems. In seinem Blogpost „Software in 2014“ zieht er eine positive Bilanz der aktuell verfügbaren Technologien auf dem Server – stellt dieser serverseitigen Abgeklärtheit aber das Chaos auf dem Client gegenüber.

Der gute (alte) Server

Kunst und Wissenschaft der serverseitigen Programmierung hätten nach Jahren der stetigen Weiterentwicklung einen guten Zustand der Reife erreicht, schreibt Bray: Http sei der allgegenwärtige Protokoll-Standard, Abstraktionen wie das MVC-Pattern seien fast überall anzutreffen, gute Frameworks und Programmiersprachen erleichterten die Arbeit (auch wenn Bray von Spring und PHP nicht sonderlich angetan ist). 

Fortschritte seien auch auf dem Feld der nebenläufigen Programmierung zu verzeichnen – funktionale Programmierung mit Clojure, Erlang, Scala sieht Bray im Kommen; Frameworks wie Node.js und innovative Technologien wie Google Go, Rust, Elixir und Dart zeigten neue Potenziale auf. Und auch die „post-relationalen“ Datenbanken stellen für Bray eine große Bereicherung dar – von leichtgewichtigen Caching-Lösungen bis zu ausgewachsenen NoSQL-Datenbanken wie Cassandra.

Diesen positiven Entwicklungen stellt Bray nun aber den Schmerzpunkt der Industrie gegenüber: The client-side mess! Client-seitige Programmierer müssten alles drei Mal schreiben: für’s Web, für Android, für iOS – laut Bray ein riesiger Kräfteverschleiß im von Talent-Knappheit geprägten Sektor der Software-Entwicklung.

Mobile sucks

Besonders kritisch sieht Bray den Mobile-Bereich:

 – Mobile-Entwickler seien mit langsamen Update-Zyklen konfrontiert (statt sekundenschnelle Updates für Browser-basierte Apps Tage bei iOS, Stunden für Android).

 – Myriaden von Form-Faktoren ständen in Kontrast zur faktischen Alleinherrschaft der beiden Sprachen Java und Objective-C.

 – Eine gute User Experience werde verlangt, sei aber nicht einfach zu erreichen.

 – Und schließlich sei mit der Entwicklung von Mobile-Apps nicht wirklich in großem Maßstab Geld zu verdienen.

Browsers suck too

Allen, die nun HTML5 als Lösung aller Probleme propagieren, hält Bray entgegen:  

JavaScript is horrible.
> [5, 10, 1].sort();
[ 1, 10, 5 ]
Et cetera.

Auch die Browser APIs taugten nichts, was schon allein durch die Tatsache belegt sei, dass niemand mehr unterhalb von einem Framework wie JQuery programmieren wolle – dem neuen Web Assembler. Higher-Level-Frameworks gebe es hingegen in einer solch ausufernden Vielfalt, dass man nicht mehr positiv von einer Optionsvielfalt, sondern eher von einer kambrischen Explosion sprechen könne: Jeder erfindet das Rad neu – was vor 12 Monaten galt, ist heute veraltet: „I’m sure the software archeologists of 2113 will enjoy studying it, but it’s a problem.“

Reifezeit

Und wie sieht nun Brays Prognose für die kommenden Jahre aus?

Nun, auf der Server-Seite werden sich keine dramatischen Veränderungen abspielen, sagt Bray:

Everything gets smoother and better. These are the good old days.

Doch auf dem Client? Bray bedient sich eines Vergleichs: Wir erlebten derzeit eine historische Periode der farbigsten, Rokoko-artigen Auswüchse an gedoppelter und verdreifachter Komplexität. Solche Auswüchse mündeten üblicherweise in etwas Einfacheres – Technologien, mit denen das Paretoprinzip der 80/20-Regel besser erreicht werden könne: 80 % der Ergebnisse sollen in 20 % der Gesamtzeit eines Projekts erreicht werden.

Doch bei der Frage, von woher eine solche technologische Reifezeit kommen könnte, muss Bray passen:

But if that’s what’s coming, it’s not coming from any direction I’m looking, so color me baffled. Maybe we’re stuck with clients-in-triplicate for the long haul.

Sehen Sie einen Ausweg aus dem Chaos der Client-Seite? Oder sind Tim Brays kritische Töne nur Indiz für den schwindenden Elan eines IT-Dinosauriers?

Geschrieben von
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Content-Stratege, IT-Redakteur, Storyteller – als Online-Teamlead bei S&S Media ist Hartmut Schlosser immer auf der Suche nach der Geschichte hinter der News. SEO und KPIs isst er zum Frühstück. Satt machen ihn kreative Aktionen, die den Leser bewegen. @hschlosser
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