Software eats the world! - JAXenter
Warum Innovation in der IT jetzt wichtiger ist als Optimierung

Software eats the world!

Mirko Novakovic
© shutterstock.com/mania-room

Software ist die Basis für Start-ups oder Geschäftsmodelle, die Industrien aktuell nachhaltig verändern können – beispielsweise die Taxibranche durch das deutsche Start-up Intelligent Apps GmbH mit mytaxi. Unternehmen, die (in der IT) nicht schnell genug reagieren können, verlieren schnell große Marktanteile, müssen Innovation teuer einkaufen oder müssen Geschäftsbereiche schließen. Was bedeutet das für die IT?

Marc Andreessen, der Milliarden Dollar mit dem Verkauf seiner Firma Netscape an AOL verdient hat und heute einer der bedeutendsten Investoren in Internet-Start-ups ist, veröffentlichte im Wall Street Journal den Artikel „Why Software is eating the world“ [1], in dem er beschreibt, dass Software heute die Basis für fast jedes Geschäftsmodell ist und Unternehmen heute in der Lage sind, schnell und mit geringen Investitionskosten komplette Märkte nachhaltig zu verändern. Dieser These und den daraus abgeleiteten Konsequenzen für die IT geht dieser Artikel nach und versucht, Denkanstöße zu geben, um von einer „optimierenden IT“ hin zu einer „innovationsgetriebenen IT“ zu kommen.

Disruptive Zeiten

Das Buch „The Innovators Dilemma“ [2] beschreibt das Problem, warum Unternehmen, die nach den klassischen BWL-Theorien alles richtig machen, trotzdem große Marktanteile verlieren oder komplett vom Markt verschwinden. Dies passiert dann, wenn so genannte „Disruptive Technologien“ im Spiel sind – Technologien/Innovationen, die das Potenzial haben, eine bestehende Technologie oder Produkte vollständig zu verdrängen. Ein populäres Beispiel ist die digitale Fotografie, die die analoge, klassische Kleinbildfotografie komplett verdrängt hat. Einer der Marktführer, Agfa, setzte beispielsweise im Jahr 2000 noch 1,25 Milliarden Euro mit der Fotosparte um. Im Jahr 2004 waren es nur noch 693 Millionen Euro. Im Mai 2005 meldete die AgfaPhoto GmbH Insolvenz beim Amtsgericht Köln an. Innerhalb von fünf Jahren wurde also ein Milliardenmarkt von digitalen Kameras überrollt.
Waren die Zyklen für disruptive Technologien in der Vergangenheit noch relativ lang, werden sie jetzt immer kürzer. Globale Technologiemegatrends wie Smartphones, soziale Netzwerke oder Cloud Computing, die erst durch ein (mobiles) Breitbandinternet möglich wurden, ermöglichen disruptive Innovationen am Fließband. Nach Ansicht des Autors werden diese Technologien alle Wirtschaftsbereiche ähnlich nachhaltig verändern wie beispielsweise die Industrialisierung. Nur in einer viel höheren Geschwindigkeit.

mytaxi, ein Beispiel für disruptive Innovation

Am einfachsten ist es, mit einem Beispiel für so ein disruptives Geschäftsmodell zu beginnen: mytaxi [3]. Das Portal mytaxi wurde im Jahr 2009 mit der Idee gegründet, die Taxifahrer und Fahrgäste direkt zusammenzubringen. Der klassische Weg ein Taxi zu bestellen funktioniert so, dass man bei einer Taxizentrale anruft und dort seine Abholadresse und Zeit angibt. Die Taxizentrale leitet diese Anfrage dann in der Regel per Funk an ein angeschlossenes Taxi weiter und bekommt dafür eine Vermittlungsgebühr. Der Fahrgast erhält von der Taxizentrale eine ungefähre Ankunftszeit des Taxis und wartet, bis dieses dann bei der Abholadresse erscheint. Die Bezahlung der Fahrt erfolgt dann beim Taxifahrer direkt.

Abb. 1: mytaxi-App

MyTaxi stellt den direkten Kontakt zwischen Fahrgast und Fahrer her. Die Basis für diese Verbindung ist auf beiden Seiten eine App. Der Fahrgast kann über die App ein Taxi anfordern. Die App ermittelt über die im Smartphone vorhandene GPS-Einheit den Standort des Fahrgastes und übermittelt die Anfrage an Taxifahrer in der Nähe. Diese können die Fahrt dann über ihre App annehmen. Der Fahrgast erhält eine Info zum Fahrer (z. B. Name, Foto und Bewertungen) und eine erwartete Ankunftszeit. Mit der App kann der Fahrgast auf einer Straßenkarte sehen, wo sich sein bestelltes Taxi gerade befindet. Bezahlt wird entweder im Taxi oder über die App, sodass weder Bargeld noch Kreditkarte benötigt werden. Mittlerweile fahren 20 000 Taxis mit mytaxi – das entspricht jedem fünften Taxi in Deutschland. Millionen von Kunden nutzen die App in immer mehr Städten und Ländern. Es wird für die Taxizentralen schwer, dieser disruptiven Innovation etwas entgegenzusetzen!
In vielen anderen Branchen entwickeln sich gerade ähnliche disruptive Geschäftsmodelle. Netflix oder Lovefilm von Amazon haben Videotheken abgeschafft, YouTube bringt Fernsehsender in Bedrängnis, Spotify wird die Musikbranche verändern und Airbnb könnte der Hotelbranche das Fürchten lehren. Im Handel gibt es das Traditionsunternehmen Quelle nicht mehr und Karstadt kämpft um das Überleben, während Zalando in Rekordgeschwindigkeit wächst.

Und was machen wir in der IT?

Betrachtet man die oben erwähnten Unternehmen, dann stellt man fest, dass IT eine entscheidende Rolle bei der Umsetzung der neuen Geschäftsmodelle spielt. Ohne die aktuellen Innovationen wie Smartphones, Big-Data-Technologien, Social Media oder Cloud würde es viele dieser neuen Unternehmen nicht geben.
In den letzten Jahren waren wir in der IT allerdings größtenteils mit uns selbst beschäftigt oder haben geholfen, Prozesse im Unternehmen zu optimieren. Schaut man sich beispielsweise die Versicherungsbranche an, dann stellt man fest, dass die großen Budgets in den letzten Jahren in die Modernisierung und Zusammenführung von Bestandssystemen gegangen sind (wenn nicht Themen wie Euro oder SEPA dazwischen kommen) – dabei wurde in der Regel die Fachlichkeit nicht großartig verändert, und die Aufwände gingen in komplexe SOA-Architekturen mit Prozessmaschinen, Enterprise Service Buses und Portalen sowie in die Migration der Daten aus den alten Systemen in die neuen und die Anpassung von Schnittstellen zu den Randsystemen. Viele dieser Projekte kosten zweistellige Millionenbeträge, dauern viele Jahre und vergessen auf dem Weg häufig den Grund, warum sie überhaupt gestartet worden sind. Oft führen wir dann parallel auch noch komplexe Projektmanagementorganisationen und schwerfällige Prozesse ein, um die großen und lang andauernden Projekte besser zu beherrschen und uns vor den lästigen Anfragen der Kunden zu schützen (auch bekannt als Anforderungs- und Change-Management). Sicherlich eine etwas übertriebene und sarkastische Sicht auf die IT, aber leider mit viel zu viel realem Hintergrund.

Aufmacherbild: Business man tactics for success von Shutterstock / Urheberrecht: mania-room

[ header = Seite 2: Innovation statt Optimierung ]

Innovation statt Optimierung

Wir stecken als IT gerade im „Innovators-Dilemma“ und müssen schnell handeln, wenn wir nicht bald auf dem Abstellgleis landen wollen. Unsere Kunden (das Business) werden neue, innovative Technologien aktuell oft nicht anfordern, sondern weiterhin auf Optimierungen von Prozessen beharren. Bis der Tag kommt, an dem ein Start-up oder ein innovatives Produkt eines Marktbegleiters den Druck erhöht und die Spielregeln verändert. Dann müssen wir vorbereitet sein und innovative Lösungen in der „Schublade“ haben – ansonsten ereilt uns das Schicksal von AgfaPhoto oder Quelle. Wir müssen also JETZT mit Innovation beginnen, denn die disruptiven Veränderungen wie sie mytaxi für die Taxizentralen gebracht hat, werden alle Branchen treffen.

Es gibt zwei Möglichkeiten, um das Budget für Innovationen in der IT zu bekommen:

1. Man verwendet einen Teil seines Budgets (<10 Prozent) für Innovation: Um der Innovation auch Freiraum zu geben, ist es am besten, eine eigene Einheit zu schaffen, die nach dem Lean-Startup -Prinzip [4] neue Produkte und Lösungen entwickelt – unabhängig von bestehenden Rahmenbedingungen, um das Team nicht auszubremsen. Die Teams sollten mit „Minimum Viable Products“ (MVP) starten und dann gemeinsam mit dem Kunden am Markt entwickeln. Dies erfordert agile Vorgehensmodelle, Continuous Delivery und moderne Technologien. Diese können mit geringem Risiko erprobt werden, und der Mehrwert für die gesamte IT aus den Erfahrungen rechtfertigt oft schon die Investition. Der CIO wird zum „Chief Innovation Officer“ und muss dies auch so verkaufen, um das Budget zu rechtfertigen. Nicht immer funktioniert das auch, dann muss man zur zweiten Option greifen.

2. Man nutzt schlafende Budgets für die Innovation: In diesem Fall nutzt man die Optimierung von bestehenden Lösungen für Innovation. Es schlummern häufig riesige Reserven in unseren Systemen, wenn man diese durch moderne Technologien ersetzt. Aktuell kostet ein „Standard“-Server mit 24 Cores, 128 GB RAM und 48 TB Plattenplatz auf zwei Höheneinheiten ca. 7 000 EUR – das ist unvorstellbare Leistung zum Preis einer Workstation! Nutzt man eine RAIN-(Redundant-Array-of-Independent-Nodes-)Architektur auf Basis solcher Server und baut Software, die damit umgehen kann, dann ergeben sich Einsparpotenziale z.B. bei klassischen SAN-Systemen oder im BI-Umfeld, die sehr schnell Faktor 10 erreichen. Man sammelt dadurch Erfahrungen mit neuen Architekturen und verschafft sich gleichzeitig das Budget, um darauf basierende Innovationen zu beginnen.

Abb. 2: OpenStack – The Open Source Cloud Operating System

Hat man das Budget und ein Lean-Startup-Team aufgesetzt, dann ist die Frage, wie man mit der Innovation beginnt. Hier gibt es vier Themenfelder, mit denen man sich aktuell beschäftigen muss:

1. Cloud: Nach den aktuellen PRISM-Diskussionen wird es sicherlich schwierig, sich mit Amazon und Co. zu beschäftigen, ohne dass Datenschutz und Rechtsabteilung einschreiten. Deshalb sollte man damit beginnen, eigene Erfahrungen mit den Technologien und Architekturen im Cloud-Umfeld zu sammeln. OpenStack [5] entwickelt sich zum Standard und einer Blaupause für den Aufbau von Cloud Services auf Basis von günstiger Standardhardware, beispielsweise auch Block und Object Storage, um teure Systeme damit zu ersetzen und Ressourcen besser einzusetzen (Abb. 2).

2. Big Data: Big Data ist ein Buzzword, das sehr unterschiedliche Themen vereinigt. Die Zeit titelte diese Jahr „Wer hebt das Datengold?“ [6] und macht klar, dass Unternehmen, die in der Lage sind, Daten richtig zu nutzen, heute und in Zukunft einen Wettbewerbsvorteil haben werden. Es geht also darum zu lernen, welche Möglichkeiten es gibt, um Daten zu sammeln, auszuwerten und zu speichern.
Wenn man beispielsweise wie mytaxi die GPS-Daten von tausenden Kunden in nahezu Echtzeit mit den Positionen der verfügbaren Taxifahrer in der Nähe korrelieren muss, dann kann das ein Big-Data-Thema sein. Für viele Unternehmen kann es ähnliche Services geben, wenn man Location-Based-Produkte anbieten möchte – beispielsweise könnte Ihre Versicherung feststellen, dass Sie gerade den Lift einer Skipiste hochfahren und Ihnen für genau diesen Tag eine Unfallversicherung anbieten, die Sie per Knopfdruck kaufen.
Ein anderes Beispiel kann die Auswertung von großen Datenmengen sein, die ggf. sogar unstrukturiert sind. Beispielsweise könnte man die Briefe von Kunden, die einen Schaden melden, analysieren und mit Betrugsfällen vergleichen, um so ggf. auf Basis der Formulierung oder semantischer Zusammenhänge zu bewerten, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass es sich bei einer Schadensmeldung um einen Betrugsfall handelt. Dieses Wissen könnte man dann auch in Call-Centern nutzen, um dem Servicemitarbeiter Hilfestellungen zu geben. Das Wissen schlummert meistens ungenutzt in den Archiven. Man benötigt dafür natürlich sowohl Know-how zum Speichern und Auswerten dieser Datenmengen und Erfahrung in den Bereichen Natural Language Processing und Machine Learning.

3.Mobile: Smartphones haben die Welt verändert und werden das in Zukunft noch viel mehr machen. Immer mehr Menschen haben diese mobilen Endgeräte in der Tasche. Sie verfügen über so viel Technologie, dass man vor ein paar Jahren noch viele teure Spezialgeräte haben musste, um ähnliche Funktionen zu haben: Navigation per GPS, E-Mail und Kommunikation per Facebook, WhatsApp und Viber, Bezahlung per NFC, digitale Fotografie, Videokamera und Videotelefonie, Gyrosensor zur Erfassung von Bewegungen, Abspielen und Streamen von Musik – ach ja und telefonieren kann man damit auch. Neben Telefonen gibt es aber auch viele andere Geräte, die über eine Internetanbindung verfügen und Daten liefern können. Dazu zählen Waagen, die Körpergewicht und BMI an eine App versenden, Armbänder, die Schritte zählen und den Schlaf analysieren, aber auch Küchengeräte mit Internetanbindung oder digitale Stromzähler. Die meisten Branchen werden Produkte anbieten (müssen), die sich dem mobilen Leben der Menschen anpassen und sich besser integrieren.

4. Social Media: Hiermit ist die Möglichkeit gemeint, die sich ergibt, wenn man mit Milliarden Menschen kommunizieren kann, statistische Informationen der Community bekommt und die Multiplikatorenfunktion von Menschen in Netzwerken für seine Produkte nutzt. Friendsurance [7] nutzt den „Gruppen“-Gedanken beispielsweise für eine neue Art der Versicherung. Um eine Rückzahlung zu erhalten, schließen sich Friendsurance-Mitglieder zu kleinen Gruppen zusammen. Ein Teil der Versicherungsbeiträge fließt dann in einen gemeinsamen Topf. Passiert kein Schaden, bekommt jeder am Ende des Jahres seinen Teil aus dem Topf als Rückzahlung auf sein Konto überwiesen. Kleine Schäden werden aus dem Topf gezahlt. Bei größeren Schäden springt die Versicherung ein.

Wie Dr. Stephan Kepser und Uwe Friedrichsen in ihrem Artikel „Cloud, soziale Netzwerke & Co.: vernetzte Trends erkennen und bewerten“ [8] feststellen, kann man diese Trends und Technologien nicht isoliert betrachten, sondern muss sie in einer vernetzten Form bewerten, was die nachstehende Grafik der beiden Autoren verdeutlicht.

Abb. 3: Abhängigkeiten zwischen Technologietrends

Als Fazit lässt sich festhalten, dass es wichtig ist, sich in der IT auf neue innovative Geschäftsmodelle vorzubereiten. Dies kann man nicht (nur) durch eine Modernisierung, Optimierung oder Migration von bestehenden Systemen erreichen, sondern die IT muss selbst innovativ werden. Dies passiert am besten in Teams, die isoliert von bestehenden „Altlasten“ arbeiten können und mit dem Kunden Lösungen ausprobieren und am Markt weiterentwickeln. Dafür benötigt man agile Prozesse und Praktiken sowie den Mut, neue Wege mit modernen Architekturen und Technologien zu gehen!

Geschrieben von
Mirko Novakovic
Mirko Novakovic
Mirko Novakovic ist Mitgründer der codecentric AG, einem agilen Beratungsunternehmen, sowie Mitgründer der CenterDevice GmbH, einem Start-up für eine Cloud-Collaboration-Llösung mit Dokumenten. Er ist Softwareentwickler aus Leidenschaft und interessiert sich für innovative Geschäftsmodelle im Internet sowie moderne IT in Versicherungsunternehmen.
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