Interview mit Dr. Johannes Mainusch

„Software-Architektur ist (nicht) die Kunst alter Männer, Bilder von alter Software zu malen“

Hartmut Schlosser

Dr. Johannes Mainusch

„IT produziert in Deutschland eine Menge Chaos“, sagt Unternehmensberater Dr. Johannes Mainusch im Interview mit JAXenter. Im Rahmen des New Work Day der JAX 2016 wird Mainusch aber nicht nur über die destruktiven Effekte von Chaos sprechen, sondern auch die neuen Muster beleuchten, die entstehen, wenn alte Strukturen nicht mehr funktionieren. Was das alles mit Software-Architektur zu tun hat…?

JAXenter: Chaos steht im Zentrum deines Talks auf der JAX 2016 – genauer gesagt Chaos, das in IT-Abteilungen entsteht, wenn hoher Innovationsdruck auf ein planloses Management trifft. Fangen wir mal vorne an – was ist eigentlich Chaos, und wie wirkt es sich auf Unternehmen aus?

Johannes Mainusch: Chaos ist, wenn sich scheinbar bekannte und vertraute Abläufe plötzlich und unvorhersehbar ganz anders verhalten. Also bspw. wenn der
Dienstleister Dezimalstellen in der HOST – php Schnittstelle mit Punkt anstelle eines Kommas interpretiert und auf einmal die monatliche Kundenabrechnung 100 Mal mehr Umsatz erzeugt. Oder wenn ein neues SAP-System die komplette werksinterne Logistik eines Luftfahrtkonzerns für 8 Wochen blockiert.

Darauf reagieren Kunden in der Regel sauer, wenn die Kreditkarte dann wegen Deckungsmangel an der Hotelrezeption vor ihren Augen zerschnitten wird, oder wenn die Flotte des Luftfahrtunternehmens wegen Ersatzteilmangel am Boden steht.

IT produziert in Deutschland eine Menge Chaos, und wenn Unternehmen heute Cobol-Entwickler aus der Rente zurückholen, so sieht das für mich nicht so aus, als ob es in Zukunft weniger Chaos geben wird.

JAXenter: Du sagst, im Chaos versagen alte Strukturen und ein neues Muster entsteht. Wie könnte dieses neue Muster aussehen?

Johannes Mainusch: Kurz: Vertikale Organisationen wie bei otto.de. Kleine und unabhängige cross-funktionale Einheiten, die wie Unternehmen im Unternehmen agieren. Unabhängigkeit bedeutet, dass Chaos in einer Einheit nicht auf die Nachbareinheiten ausstrahlt.

JAXenter: Nun sind klassische Unternehmen ja oft gerade so strukturiert, um Chaos zu vermeiden – schön hierarchisch, in verschiedene Abteilungen gegliedert, alle Abläufe in fixen Business-Prozessen definiert. Würdest du sagen, dass solche klassischen Unternehmensstrukturen angesichts der aktuellen Entwicklungen zum Scheitern verurteilt sind?

Aus meiner Sicht sind klassische Unternehmensstrukturen mit dem anstehenden Veränderungsdruck komplett überfordert.

Johannes Mainusch: Die klassischen Stab-Linien-Organisationen funktionieren zusammen mit wasserfallartigen Projektmethoden unter zwei Voraussetzungen:

1. Die umzusetzenden Vorhaben sind für die übergeordneten Planungsstellen so verständlich und vorhersehbar, dass ein Plan überhaupt erstellbar ist.
2. Ein einmal gemachter Plan kann mehrfach verwendet und optimiert werden.

In diesem Szenario brilliert die Stablinienorganisation. Das hundertmillionste Gummibärchen kommt effizient und in perfekter Form. Der kritische Pfad ist nach zigfacher Optimierung ganz kurz. Alles läuft richtig gut und immer gleich. Mit Veränderungen kann diese geschaffene Struktur nun aber nur sehr schlecht umgehen. Und falls die neue Herausforderung für die zentralen Planungsstellen zu komplex oder komplett unverständlich ist, dann scheitern diese Organisationsformen vollständig.

Agilität bedeutet ja, eine Form zu finden, die sich schnell auf veränderte Situationen einstellen kann. Eine Organisationsform, die schnell aus Scheitern lernen kann. Aus meiner Sicht sind klassische Unternehmensstrukturen mit dem anstehenden Veränderungsdruck komplett überfordert und werden scheitern, wenn sie an bestehenden Strukturen und Verfahrensweisen festhalten.

JAXenter: Was bedeutet das für Software-Architekturen?

Wir brauchen eine neue oberste Direktive für Software-Architektur.

Johannes Mainusch: Software-Architekturen haben wir immer nur in Schichten, in Layern steigender Abstraktion aufgebaut. Schlagworte sind OSI/ISO-Schichtenmodell oder  3-Tier-Architektur. In Wikipedia steht dann auch fast wörtlich, dass Software-Architektur die Kunst alter Männer ist, Bilder von alter Software zu malen. Das ist alles Mist. Wir brauchen ein neues Paradigma, eine neue oberste Direktive für Software-Architektur. Und die muss lauten: „Make IT changeable!“

Das heißt konkret, IT Produkte müssen jederzeit und schnell änderbar sein. Etwa von Fehlerfindung bis Bugbehebung in 10 Minuten mit komplett abgefahrenem Testszenario. Wer heute noch denkt, zweiwöchige Deploymentzyklen seien OK, der hat in der Regel ein massives IT-Problem und eine verstopfte Produktpipeline. Und wer glaubt, ohne IT-Architektur-Organisation auszukommen, der fährt den Karren mit Kraft in den Schlick. Ich empfehle hier den otto dev Blog mit dem Stichwort „Triade“.

JAXenter: Der Titel deiner JAX-Session lautet:  Icebergs right ahead! – IT, Management and Chaos. Welche Kernbotschaft sollten alle Teilnehmer mit nach Hause nehmen?

Johannes Mainusch: Management und IT machen richtig viel Spaß, denn hier ist das innovative Zentrum des Geschehens. Ähnlich dem Lebensraum an einem Tiefseevulkan. Hoher Druck, hohe Temperaturgradienten und ätzende Umgebung. Was könnte es besseres für neue Lebensformen geben. 😉

JAXenter: Vielen Dank für dieses spannende Interview!

56c737cabd48f5f84fe69415version100sizefullJohannes Mainusch war von August 2014 bis Juni 2015 als CTO der E-Post für den Erfolg in der Zukunft der Post verantwortlich. Zuvor hat er als Leiter der Softwareentwicklung bei Otto mitgeholfen, die E-Commerce-Plattform von Otto auf neue Beine zu stellen. Zwischen 2007 und und 2012 hat er bei XING als VP Operations und davor als Director Engineering mit daran gearbeitet, das Unternehmen aus der Start-up-Phase mit etwa fünfzig Mitarbeitern zu einer AG mit über vierhundert Mitarbeitern und über zehn Millionen Kunden zu bringen. Vor 2007 sammelte Johannes Mainusch zehn Jahre Erfahrung im Bereich agiler Projektmethoden, als Projektleiter und Manager für zahlreiche Unternehmen der Industrie- und Logistikbranche. Dinge, die ihn immer wieder begeistern, sind innovative Techniken, Röhrenradios und sehr schnelle Webseiten. Und wenn er und Menschen in seiner Umgebung lernen, besser zu werden.

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Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Content-Stratege, IT-Redakteur, Storyteller – als Online-Teamlead bei S&S Media ist Hartmut Schlosser immer auf der Suche nach der Geschichte hinter der News. SEO und KPIs isst er zum Frühstück. Satt machen ihn kreative Aktionen, die den Leser bewegen. @hschlosser
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