Soft Skills in der Praxis: Wie Sie Aussagen systematisch hinterfragen

Das Sprachmetamodell kennt drei Klassen von Mustern, nämlich Tilgung (fehlende Information), Generalisierung (fälschlich verallgemeinerte Information) und Verzerrung (falsch dargestellte Information). Zu jeder dieser Klasse gibt es eine ganze Reihe von Mustern.

Ein Beispiel aus der Klasse „Verzerrung“ ist das Muster „Nominalisierung“. Dieses Muster greift, wenn in einem Satz ein Verb in ein Substantiv umgewandelt wurde. Das ist in dem ersten Beispiel „Dies bewirkt die Initialisierung der Daten.“ der Fall. Eigentlich ist „initialisieren“ ja ein Verb. Durch die Umwandlung in das Substantiv „Initialisierung“ entsteht der Eindruck, dass es sich dabei um ein Ereignis handelt. Tatsächlich handelt es sich dabei aber um einen Prozess. Es gibt jemanden, der diesen Prozess auslöst, und es gibt einzelne Schritte in dem Prozess, die auf bestimmte Art und Weise durchlaufen werden. Diese Informationen fehlen, und es lohnt sich wahrscheinlich, sie zu hinterfragen. Also:

  • Wer initialisiert die Daten?
  • Welche Daten werden initialisiert?
  • Wie werden die Daten initialisiert?

Ein typischer Vertreter der Klasse „Tilgung“ ist das Muster „Prozessverben“. Bei Prozessverben, also Verben, die einen Vorgang beschreiben, fehlen oft grammatische Strukturen (z.B. Adverb, Objekt), die als Ergänzung zu dem Verb möglich wären. Dies gilt auch für das Prozessverb „protokollieren“ in unserem zweiten Beispiel: „Das System protokolliert einen Benutzerwechsel.“ Ihr Sprachgefühl und allgemeines Systemwissen hilft Ihnen, die passenden Fragen zu finden. In diesem Fall beispielsweise:

  • Wer protokolliert?
  • Wohin wird protokolliert?
  • Welche Daten werden protokolliert?

Ein typisches Muster aus der Klasse „Generalisierung“ sind „Universalquantoren“ wie „immer“, „nie“, „alle“, u.s.w. Diese verbergen in den meisten Fällen bestehende Ausnahmen. Fragen Sie also nach den Ausnahmen! Ihr allgemeines Systemwissen hilft Ihnen, einige plausible Hypothesen zu möglichen Ausnahmen aufzustellen und zu hinterfragen. In unserem dritten Beispiel „Die Druckfunktion kann immer aufgerufen werden“ sind dies etwa:

  • Wirklich immer, gibt es keine Ausnahmen?
  • Was ist während des Neustarts eines Systems?
  • Was ist, wenn kein Drucker angeschlossen ist?

Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass sich im ersten Satz auch das Prozesswort „bewirkt“ findet und im zweiten Satz die Nominalisierung „Benutzerwechsel“. Tatsächlich gibt das Metamodell mit seinen Mustern sehr viele Hinweisen auf mögliche Informationslücken. Natürlich lohnt sich das Hinterfragen nicht grundsätzlich bei jedem Zutreffen eines Musters. Auch nicht jeder „Bad Smell“ im Code erfordert unbedingt ein Refactoring. Das Muster gibt Ihnen lediglich einen Hinweis darauf, dass vielleicht etwas im Argen ist. Sie entscheiden dann auf Basis Ihrer Erfahrung und Ihres allgemeinen Systemwissens, ob und wie Sie nachfragen.

Fazit

Bei der Analyse von Anforderungstexten eines Kunden (siehe auch Requirements mit Metamodell in [2]) oder auch einfach beim Gespräch mit einem Kollegen über die Funktion einer bestimmten Klasse hilft es ungemein, wenn man die Muster des Metamodells im Hinterkopf hat. Dann fallen einem nämlich viel eher die Stellen in einer Beschreibung auf, die einem im Nachhinein Kopfzerbrechen bereiten, wenn man das Ganze umsetzen muss. Dann ist es zum Nachfragen womöglich zu spät, oder es wird zumindest erheblich aufwändiger und damit auch teurer.

Für die historisch Interessierten: Der Sprachwissenschaftler und Informatiker Noam Chomsky hat in den 50er Jahren ein Regelwerk (Generative Transformationsgrammatik) entwickelt, mit dem sich natürliche Sprache ganz ähnlich zerlegen lässt, wie ein Parser es mit Source Code macht. Auf Basis dieser Arbeit haben dann John Grinder und Richard Bandler in den 70er Jahren maßgeblich das Sprachmetamodell entwickelt.

Jörg Preußig ist selbständiger Trainer und Coach. Sein Schwerpunkt liegt in der Personalentwicklung für IT Fach- und Führungskräfte. Er war mehrere Jahre als Software Architekt bei einem internationalen Großkonzern tätig und hat als Dozent an der Fachhochschule Nord-West Schweiz unterrichtet. Er ist als Sprecher auf Konferenzen aktiv und bietet gemeinsam mit der Entwickler Akademie offene Soft Skill Trainings an.

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