Soft Skills Toolbelt - Teil 1

Soft Skills in der Praxis: Wie ich der Opferrolle im Drama-Dreieck entkomme

Dr. Jörg Preußig

Soft Skills sind Fertigkeiten, die es uns ermöglichen, das soziale Miteinander im Arbeitsalltag positiv zu gestalten. Diese Kompetenzen werden von Arbeitgebern zunehmend vorausgesetzt. Die gute Nachricht ist: Man kann sie sich nach und nach aneignen. Letztlich sind Soft Skills Werkzeuge, um Probleme zu lösen. Je mehr Werkzeuge man zur Verfügung hat, desto gezielter kann man auf die Probleme eingehen. Anhand konkreter Projektsituationen beleuchtet Jörg Preußig in dieser JAXenter-Serie einzelne Aspekte des sozialen Miteinanders und stellt jeweils passende Werkzeuge aus dem Bereich der Kommunikationswissenschaften vor. Aus der Praxis für die Praxis. Werkzeug für Werkzeug.

Vielleicht kennen Sie die folgende Situation aus Ihrem Arbeitsalltag: Ihr Chef kommt in Ihr Büro gestürmt und fragt, ob Sie sich bereits um dieses und jenes gekümmert haben. Sie sind gerade mit einer anderen Sache beschäftigt und etwas überrumpelt. Sie beginnen zu erklären, wie der Stand der Dinge ist. Da fragt Ihr Chef schon nach dem nächsten Thema. Noch bevor Sie dazu kommen, auch darauf zu antworten, gibt Ihr Chef Ihnen Anweisungen, was Sie als nächstes tun sollen. Das verpackt er als gute Ratschläge, z.B. wen Sie anrufen können. Schon rauscht er wieder raus, und Sie bleiben mit einem negativen Gefühl zurück.

Vielleicht tröstet es Sie ja, zu erfahren, dass es sich bei diesem Ablauf um eine Implementierung eines wohlbekannten Grundmusters handelt. Und hat man dieses Grundmuster durchschaut, dann weiß man auch, wo die Hebel liegen, um sich dagegen zu wehren. Nennen wir die obige Implementierung „Chef klärt Arbeitsstand“ (Abb. 1).

Abb.1: „Chef klärt Arbeitsstand“ als Implementierung des Drama-Dreiecks

Das Grundmuster beginnt sich abzuzeichnen, wenn wir noch eine weitere Implementierung betrachten, die man „Kollege kennt sich aus“ nennen könnte (Abb. 2). Während eines Meetings wird Ihr Redebeitrag von einem Kollegen aufgegriffen, und er weist darauf hin, dass es an dieser Stelle eine viel bessere Lösungsmöglichkeit mit dieser und jener Technologie gibt. Aus Erfahrung wissen Sie, dass er das häufig macht, ohne damit zu Lösungen beizutragen. Nach einer kurzen oberflächlichen Diskussion greift dann der Projektleiter ein und entscheidet, dass Sie sich das Thema gemeinsam mit dem „hilfreichen“ Kollegen anschauen. Da Sie wissen, dass bei der Sache vermutlich wieder nichts herauskommt, schließt die Diskussion für Sie mit einem negativen Gefühl.

Abb.2: „Kollege kennt sich aus“ als eine Implementierung des Drama-Dreiecks

Wo steckt nun das Grundmuster? In beiden Fällen begann der Ablauf damit, dass jemand Sie in die Enge getrieben hat, zum Beispiel indem er Ihre Handlungsfähigkeit oder Ihr Wissen anzweifelt. In dem abstrakten Muster bekommt dieser jemand den Namen “Verfolger”. Der Verfolger hat Sie dann in eine passive Rolle gedrängt, die hier als “Opfer” bezeichnet wird. Anschließend bekamen Sie von jemandem einen Ausweg aufgezeigt. Diesen Jemand nennen wir “Retter” (Abb. 3). Jetzt haben wir das abstrakte Muster, bestehend aus drei Objekten bzw. Rollen und Operationen zwischen den Objekten bzw. Interaktionen zwischen den Rollen. Sie sehen schon, wir haben hier ein soziales Design Pattern. Dieses Muster ist aus der Theorie der Transaktionsanalyse [1] des Psychologen Eric Berne unter dem Namen “Drama-Dreieck” bekannt. Nach dieser Theorie spielen alle Beteiligten im Drama-Dreieck mit, weil sie einen Vorteil davon haben (siehe Abb. 3). Der wichtige Unterschied zwischen den Rollen ist aber, dass Verfolger und Retter den Ablauf mit einem positiven Gefühl beenden, das Opfer hingegen mit einem negativen.

Abb. 3: Das Drama-Dreieck. Ein “soziales Design Pattern”

Natürlich gibt es unzählige Implementierungen des Drama-Dreiecks. Wenn Sie genauer nachdenken, werden Ihnen zwei Dinge auffallen. Erstens, dass Sie selbst bereits einmal in allen Rollen an einem Drama-Dreieck beteiligt waren. Zweitens, dass Sie eine eigene (unbewusste) Lieblingsrolle im Drama-Dreieck haben. Über diesen Zusammenhang und über die Theorie der Transaktionsanalyse gäbe es noch viel zu sagen. Hier wollen wir aber jetzt statt dessen einer anderen Frage nachgehen: Wie wehre ich mich gegen die Opferrolle im Drama-Dreieck?

Der Schlüssel dazu ist die Erkenntnis von Eric Berne, dass auch das Opfer einen Vorteil aus dem Ablauf zieht. Dieser Vorteil besteht darin, dass das Opfer sich relativ passiv verhalten kann und sich darauf verlassen kann, dass es am Ende gerettet wird. Diese Rolle ist bequem, denn das Opfer trägt wenig Verantwortung für das Geschehen. Ein Ausstieg aus der Opferrolle ist möglich, wenn man bewusst Verantwortung übernimmt und dadurch das Geschehen lenkt. Im Drama-Dreieck gesprochen, schnappt man also jemand anderem einfach die Rolle des Retters weg. Bei “Kollege kennt sich aus” könnten Sie zum Beispiel den Kollegen zunächst nach Details der erwähnten Technologie fragen. Nicht unbedingt, weil Sie die Antwort interessiert, sondern um durch das Fragen die Führung zu übernehmen. Dann unterbrechen Sie seine Ausführungen und schlagen vor, die Sache nach dem Meeting genauer zu besprechen.

Bei “Chef klärt Arbeitsstand” könnten Sie Ihrem Chef zunächst in einem Satz erklären, woran Sie gerade arbeiten (natürlich etwas Wichtigem) und dann sofort einen zeitnahen Termin nennen (z.B. nach der Mittagspause), zu dem Sie aktiv auf Ihren Chef zukommen werden, um ihm den Arbeitsstand zu präsentieren. Durch diese Unterbrechungen des Drama-Ablaufs bringen Sie den anderen um die Retter-Rolle, also um das Gefühl “Gut, dass es mich hier gibt.” Und damit bringen Sie ihn um seinen Vorteil im Drama-Dreieck.

In jedem Fall wird Ihnen der Ausstieg nur gelingen, wenn Sie das Moment der Überrumplung ausschalten, indem Sie das Muster des Drama-Dreiecks bereits vorher erkannt haben. Und auch dann verschafft Ihnen der Ausstieg nur kurzzeitig Luft, bis der nächste Versuch gestartet wird, Sie in ein Drama-Dreieck hineinzuziehen. Sie können aber sicher sein: Je öfter Ihnen der Ausstieg gelingt, desto seltener wird man versuchen, Sie hineinzuziehen. Denn Sie bringen den Verfolger ja durch Ihren Ausstieg um seinen Vorteil, was Sie als Opfer unattraktiv macht. Es lohnt sich also, Verantwortung zu übernehmen.

Jörg Preußig ist selbständiger Trainer und Coach. Sein Schwerpunkt liegt in der Personalentwicklung für IT Fach- und Führungskräfte. Er war mehrere Jahre als Software Architekt bei einem internationalen Großkonzern tätig und hat als Dozent an der Fachhochschule Nord-West Schweiz unterrichtet. Er ist als Sprecher auf Konferenzen aktiv und bietet gemeinsam mit der Entwickler Akademie offene Soft Skill Trainings an.
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Dr. Jörg Preußig
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