Soft Skills Toolbelt - Teil 3

Soft Skills in der Praxis: Warum nerven mich manche Kollegen?

Dr. Jörg Preußig

Gibt es in Ihrem Projekt jemanden, der Sie des öfteren nervt? Vielleicht der chaotische Projektleiter? Eventuell fallen Ihnen ja sogar gleich mehrere Beispiele ein. Und haben Sie sich schon einmal gefragt, warum genau diese Leute Sie nerven? Im Folgenden geht es um die Frage, an welcher Stelle Sie im Projektalltag selber zu Konflikten beitragen und wie Sie mit „schwierigen Kollegen“ konstruktiv umgehen können.

Die Ursache für Reibereien mit Kollegen ist oft in Wertekonflikten zu finden. Werte an sich sind etwas sehr Grundlegendes, denn wir alle haben eine ganze Reihe von positiven Werten, nach denen wir unser Verhalten ausrichten. Dazu zählen z.B. Fairness, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Flexibilität. Vielleicht kennen Sie ja auch die Werte des agilen Manifestos, die den agilen Projektmethoden (etwa dem zur Zeit beliebten SCRUM) zu Grunde liegen: Effektive Kommunikation, gemeinsame Verantwortung und Offenheit für Änderungen. Die Aufzählung positiver Werte ließe sich noch lange fortsetzen.

Zwischen den positiven Werten gibt es Beziehungen. Schon Aristoteles ist aufgefallen, dass zu jedem positiven Wert ein anderer, positiver Gegenwert gehört. In der folgenden Abbildung finden sich ein paar Beispiele für solche Wertepaare.

Abb. 1: Beispiele für Wertepaare

Im Idealfall gehören beide Werte eines Paares in gleichem Maße zu unserer Persönlichkeit, und wir können uns je nach Situation optimal zwischen den beiden Werten (z.B. flexibel – strukturiert) bewegen. Da wir aber keine idealen Menschen sind, ist es normalerweise so, dass wir einen der Werte besonders schätzen und ausgeprägter leben als den anderen.

Nehmen wir als Beispiel den Wert „Strukturiertheit“. Der Wert äußert sich vielleicht darin, dass jemand klare Vorgaben für Schnittstellen, stringente Meetings und einen aufgeräumten Schreibtisch bevorzugt. Das hindert ihn nicht daran, bisweilen auch flexibel zu sein. So weit, so gut. Doch was ist nun, wenn jemand einen Wert übertrieben lebt und den Gegenwert vernachlässigt? Dann entsteht ein sogenannter Unwert. Aus Strukturiertheit wird durch die Übertreibung und den Mangel an der Fähigkeit zur Flexibilität Pedanterie. Genauso kann man Flexibilität ins Chaotische hin übertreiben. Diese beiden Unwerte ergeben gemeinsam mit den zugehörigen Werten ein Wertequadrat. Dieses Wertequadrat ist in der folgenden Abbildung dargestellt.

Abb. 2: Ein typisches Wertequadrat

Spannend wird es nun, wenn zwei Menschen mit gegensätzlichen Werten aneinander geraten. In Konflikten wird dann jeder der beiden dazu neigen, dem anderen den jeweiligen Unwert zu unterstellen. Dazu ein Beispiel: Jemand wird als „strukturierter“ Mensch einem anderen, für den „Flexibilität“ sehr wichtig ist, in Konfliktsituationen tendenziell „chaotisches“ Verhalten unterstellen. Umgekehrt wird der andere ihm tendenziell „Pedanterie“ unterstellen. Und damit sind wir wieder bei unserem Ausgangspunkt, nämlich dem chaotischen Projektleiter angekommen. Nun wissen Sie, welcher Wertekonflikt hinter dieser „Nervigkeit“ stehen kann.

Wie setzen Sie diese Erkenntnis nun konkret für sich um?

[ header = Erstellen Sie ein persönliches Wertequadrat! ]

Erstellen Sie ein persönliches Wertequadrat! Gehen Sie dabei quasi rekursiv vor.

Überlegen Sie, welcher Kollege (oder Kunde, Vorgesetzter,…) Ihnen öfters auf die Nerven geht. Welche Eigenschaft ist es, die Sie an diesem Kollegen nervt? (Übrigens auch ganz spannend im Privaten: Welche Eigenschaft nervt Sie an ihrem Partner am stärksten?) Aber bleiben wir im beruflichen Umfeld. Wenn Sie die nervige Eigenschaft Ihres Kollegen aufschreiben, haben Sie damit bereits den Unwert ihres Gegenwertes (links unten im Wertequadrat) festgelegt. Ihren eigenen positiven Wert (rechts oben im Wertequadrat) leiten Sie nun ab, indem Sie das Gegenteil des gefundenen Unwertes als positiven Wert formulieren, so dass er zu Ihnen passt. Die Übertreibung dieses Wertes hin zu dem Unwert (rechts unten im Wertequadrat) ist meist schon etwas schwieriger zu finden. Die größte Herausforderung liegt aber im letzten Schritt: Welches ist der positive Gegenwert (links oben im Wertequadrat)? An dieser Stelle steckt für Sie ein wesentlicher Lerneffekt. Denn nun können Sie überlegen, welche Stärken der nervige Kollege Ihnen voraus hat.

In unserem Eingangsbeispiel des chaotischen Projektleiters würden Sie vielleicht einräumen, dass er z.B. sehr zügig auf neue Requirements reagieren kann oder recht gut mit den unterschiedlichsten Stakeholdern klar kommt.

Auch in Ihrem speziellen Fall sollten sich solche positiven Aspekte finden lassen. Vielleicht können Sie sich da ja sogar etwas abschauen. Dann finden Sie den Kollegen schon nicht mehr ganz so nervig. Und im nächsten Konflikt mit dem Kollegen können Sie konstruktiver reagieren, indem Sie Unterstellungen im Sinne des Wertequadrates vermeiden.

Und bleiben Sie gelassen, wenn der Kollege Ihnen Ihren Unwert unterstellt. Vermutlich kennt er das Wertequadrat nicht!

Jörg Preußig ist selbständiger Trainer und Coach. Sein Schwerpunkt liegt in der Personalentwicklung für IT Fach- und Führungskräfte. Er war mehrere Jahre als Software Architekt bei einem internationalen Großkonzern tätig und hat als Dozent an der Fachhochschule Nord-West Schweiz unterrichtet. Er ist als Sprecher auf Konferenzen aktiv und bietet gemeinsam mit der Entwickler Akademie offene Soft Skill Trainings an.

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Dr. Jörg Preußig
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