Interview mit Eric Horesnyi (Teil 1)

So sieht die Technologiezukunft der Banken aus

Sebastian Meyen

© Shutterstock / a-image

Eric Horesnyi ist Experte für Infrastrukturen im Hochfrequenzhandel und Speaker auf der JAX Finance. Wir haben mit ihm über die Fintech-Bewegung gesprochen und darüber, wie sie die Arbeitsweise traditioneller Banken beeinflusst.

„Software frisst die Welt auf“ sagt Marc Andreessen. „Wir fressen größere Teile des Finanz-Kuchens“ sagen die Fintechs. Die Finanzbranche erlebt eine echte Revolution, die von Technologie angetrieben wird. Fintechs inspirieren den Markt, während klassische Banken immer mehr Ansätze aus der Fintech-Welt übernehmen, um mithalten zu können. Was macht die Fintech-Revolution aber aus? Der Senkrechtstarter der Startups, Eric Horesnyi, diskutiert mit den Machern und treibenden Kräften der Fintech-Szene und gibt einen Einblick in diese Revolution.

JAXenter: Herr Horesnyi, Sie sind der Kurator des Fintech-Zweigs der JAX Finance in London. Sie haben die Zahlungswege als einen der zentralen Antriebe der Fintech-Revolution benannt. Wen sehen Sie als zentrale Figur dabei: Apple, Paypal oder jemand anders?

Eric Horesnyi: Die Zahlungswege sind das am weitesten fortgeschrittene Untersegment im Fintech und der Bereich mit der größten Abdeckung und den meisten Investitionen in den letzten paar Jahren. Es existieren inzwischen tausende Unternehmen, die sich auf Zahlungswege spezialisieren, inklusive Unicorn-Unternehmen wie Square und Stripe oder WorldRemit und Adyen in Europa. Wahrscheinlich liegt das in Europa an den rechtlichen Voraussetzungen, die sich als vorteilhaft erwiesen haben, mit dem neuen SEPA-Konzept, das zusammen mit dem europäischen Pass die Voraussetzungen für einen offenen Wettbewerb schafft und so Innovationen zum Wohle der Bürger vorantreibt.

Der Zahlungs-Markt hat sich von einem binnenländischen Markt zu einem europäischen gewandelt, ohne dass dafür Systeme an jedes Land angepasst werden müssen.

Alipay, Apple Pay und Google Wallet validieren den Markt nun, statt ihn zu zerstören und zeigen so, dass Web-Giganten im Bankensektor mitspielen können, indem sie nicht nur ihre technischen Möglichkeiten gewinnbringend einsetzen, sondern auch noch hunderte von Millionen an Bankdaten mitbringen, die sie aufgrund ihres Kerngeschäfts eh schon besitzen.

JAXenter: M-Pesa in Afrika ist ein spannendes Thema. Es fing dort alles mit SMS-basierten Zahlungen für die breite Bevölkerung an. Können Sie die Entwicklung hinter dieser Idee beschreiben und wo sie nun steht?

Eric Horesnyi: Nischenmärkte sind inzwischen wichtig genug geworden, um neuen Unternehmen zum Aufstieg zu verhelfen. In Afrika und Asien bauen sich ganz eigene Dynamiken auf, mit Technologien, die die traditionellen Modelle in westlichen Ländern einfach überspringen. Was mich am meisten fasziniert, ist der Aufstieg von Telekommunikationsunternehmen in Afrika, die ihre Netze nutzen, um Zahlungen und weitere Bank-Services anzubieten: Es fing mit M-Pesa in Kenya und Tanzania an, nun ist auch Orange auf diesem Markt aktiv. Diese neuen Modelle werden bald auch auf den westeuropäischen Markt gespült werden: Betrachten Sie nur Oranges neusten Schritt in Sachen Banking.

JAXenter: Was denken Sie, in welchem Ausmaß ist die traditionelle Bankenlandschaft auf diese branchenerschütternde Veränderung im Retail Banking vorbereitet?

Eric Horesnyi: Inzwischen haben die traditionellen Banken verstanden, dass ihre Wettbewerber auf lange Sicht aus den folgenden Bereichen stammen könnten: Web- oder Telekommunikations-Giganten mit profitablem Kerngeschäft auf anderen Gebieten oder schnell wachsende Nischen-Unternehmen, die ihre Geschäftsmodelle stören oder mit Sharding arbeiten, einer der Web-Techniken.

Alle haben verstanden, dass Technologie nicht mehr nur ein Tool, sondern eine Kernkompetenz ist. Nur wenige haben allerdings erkannt, dass Technologie eine so große Triebfeder geworden ist, wie es ihre Branche einmal war. Und nur die wenigsten haben auch nur damit angefangen in Erwägung zu ziehen, dass UX ein zentrales Thema für das Erhalten und Vergrößern ihres Geschäftsmodells sein könnte. Viele halten immer noch an alten Legacy-Systemen fest, die teuer erscheinen, träge – wie in Trägheit versus Agile – und in sich geschlossen. Um sich den neuen UX-Standards anzupassen, die Amazon oder Netflix gesetzt haben, sind Mut und Investitionen notwendig. Vor allem braucht es aber die Erkenntnis, dass der technologische Paradigmenwechsel – Continuous Delivery, Microservices, DevOps – eine neue Generation der User Experience ermöglicht hat, die nicht nur ein Extra ist, sondern eine ganz eigene Kultur darstellt.

Traditionelle Banken fühlen sich in ihren Kerngeschäftsfeldern von den digitalen Giganten bedroht, die Zugriff auf Milliarden von Nutzerinformationen haben und diese bereits jetzt monetarisieren, inklusive Bankinformationen. Es muss sich wie die Invasionsszene im Film Pixels anfühlen. Das ist die beste mir bekannte Illustration der Aussage, dass Software die Welt auffrisst.

JAXenter: Auch APIs haben Sie als zentrale Treibfeder der Fintechs ausgemacht. Denken Sie, dass traditionelle Banken durch den Schritt zum API-orientierten Geschäft zerfallen werden und kleinere, unabhängig arbeitende „Microservice-Banken“ sich zusammenschließen, um einen konsistenten Service anzubieten?

Eric Horesnyi:Wenn man von tausenden Konkurrenten verfolgt wird, ist es sehr schwer eine Strategie zu entwerfen und zu verfolgen. Traditionelle Banken könnten sich fühlen, wie Gulliver auf der Reise nach Liliput.

Das Bankenwesen ist eine der letzten Branchen – neben Regierungen und Verwaltungen –, die vom Internet beeinflusst wird. Manche nennen es die dritte industrielle Revolution und ich bin nicht qualifiziert genug, um das zu bestätigen. Aber nachdem diese Revolution die Musik- und Video-Industrie mit dem Streaming umgekrempelt hat, den Einzelhandel mit dem E-Commerce und die Bildungsbranche mit MOOC, gibt es keinen Grund zur Annahme, dass der Bankensektor nicht als nächstes auf den Kopf gestellt und neu erfunden werden wird, mit Modellen die vor zehn Jahren noch unvorstellbar waren.

Der Finanz-Sektor war immer zerrissen, voller Wettbewerb. Die Fintech-Revolution hat sich ganz natürlich in die traditionelle Landschaft eingefügt, in der Unternehmen schon immer einerseits Services aneinander verkauft haben, während sie andererseits auf anderen Märkten miteinander konkurrierten. Und APIs haben sich einfach als der beste Weg im Fintech erwiesen, um zusammenzuarbeiten, die neusten Entwicklungen aus UX und Analytics zu nutzen und sogar Services für traditionelle Banken zur Verfügung zu stellen.

APIs wurden erfunden, um die Möglichkeiten zur Zusammenarbeit zwischen Softwareteams sowie die Wiederverwendbarkeit von Code zu verbessern. Die APIs von Google und Amazon haben in den letzten paar Jahren bewiesen, dass APIs ein Kerngeschäftsmodell sein können. Im Programmable Web finden sich inzwischen 16.000 APIs und alleine im Jahr 2015 sind noch einmal 2.000 dazu gekommen. Es scheint, als würde es sich bei APIs um mehr als eine Modeerscheinung handeln.

APIs sind das neue Schaufenster.

JAXenter: Lassen Sie uns für einen Moment bei Gulliver als Symbol für die großen Banken bleiben, die von den kleinen und agilen Bewohnern Liliputs gefesselt werden. Wie können sich große Organisationen darauf vorbereiten, so agil, flexibel und kunden-orientiert zu werden wie ihre kleinen Herausforderer? Welche Rolle spielt Technologie in dieser Situation?

Eric Horesnyi: Technologie bleibt ein Tool. Um Technologie maximal gewinnbringend einsetzen zu können, ist eine bestimmte Kultur notwendig. Die heutigen Liliputaner sind API und UX-Anbieter, die sich auf Chancen an Nischenmärkten fokussieren. Um diese Agilität zu erhalten, stellen Microservices die beste Möglichkeit dar: Teams, die der Zwei-Pizzen-Regel folgen (sechs Personen) und für ein Feature verantwortlich sind, eine unabhängige Infrastruktur – unabhängig von der Cloud-Location –, die per APIs zugänglich ist und ihre States an anderen Microservices weiterleitet, sodass das ganze System immer aktuell ist. So, wie wir es innerhalb von Data Centers mit ESB und Middleware gemacht haben.

Der Weg von einer monolithischen Architektur zu einer Microservice-basierten ist eine Reise. Ich empfehle dazu einen Blick auf den Vortrag von Henk Kolk (ING) auf der letztjährigen JAX Finance. Auch ist der Weg nicht unbedingt für alle Organisationen gleich.

Sobald Microservices eingeführt wurden, ist es vorstellbar, dass sich ein Team, das sich auf ein KYC-Feature konzentriert, entscheidet, entweder runterzuskalieren und ihr API an andere Unternehmen zu verkaufen oder sich aufzulösen und andere aufzufordern, drittanbieter-APIs zu verwenden, die besser für KYC sind.

Eine weitere Implikation ist auch, dass die berüchtigten Legacy-Probleme umgangen und auf ihren Ersatz vorbereitet werden können, ohne dabei mehr als den erwünschten positiven Einfluss auf das gesamte System zu nehmen. Legacy-Systeme werden häufig wie Heiligtümer behandelt, denen ein gemeinsames Interface verpasst wird – idealerweise mit einer REST API –, sodass sie mit anderen Komponenten zusammenarbeiten. Dazu habe ich in einem Artikel zu netzwerkbasierten Architekturen etwas geschrieben: Was die Pariser Geschichte uns über den Job eines Bank-Architekten im Vergleich zu einem Stadt-Architekten beibringen kann.

In den nächsten Teilen des Interviews berichtet Eric Horesnyi davon, wie besessen Unicorn-Unternehmen von UX sind und gibt Einblick in die Crowfunding-Bewegung und ihre wachsende Bedeutung.

Aufmacherbild: Predictive analytics via Shutterstock / Urheberrecht: a-image

Geschrieben von
Sebastian Meyen
Sebastian Meyen
Sebastian Meyen ist Chefredakteur des Java Magazins sowie des Eclipse Magazins. Außerdem trägt er die Verantwortung für Programm und Konzept sämtlicher JAX-Konferenzen weltweit. Er begleitet so die Java-Community journalistisch schon fast seit ihren Anfängen. Bevor er zur Software & Support Media GmbH kam, studierte er Philosophie in Frankfurt.
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