Interview mit Eva Fulierova

Silicon Valley – The Promised Land?

Bernhard Löwenstein
© Shutterstock/Pincasso

Im Rahmen dieser neuen Rubrik wollen wir laufend Informatiker mit Java-Background zum Interview bitten, die aus unseren Breiten ins Silicon Valley ausgewandert sind, um dort das große Glück zu suchen. Den Anfnag macht Eva Fulierova, Java- und Dart-Entwicklerin bei Google.

Es war im Jahre 1848, als der Zimmermann James Wilson Marshall beim Bau einer Sägemühle am Südarm des American River im Cullomah Valley ein Goldnugget im Wert von fünf Dollar fand. Daraufhin setzte ein wahrer Goldrausch ein, der Tausende dazu bewegte, umgehend alles stehen und liegen zu lassen, um per Schiff, mit dem Wagen oder zu Fuß nach Kalifornien zu gelangen, um dort das große Glück zu finden. Der Sonnenstaat im Westen der USA erhielt in dieser Zeit den Beinamen „Golden State“ und galt ab sofort für viele als Land der Träume. Innerhalb eines Jahres verfünffachte sich die Bevölkerungszahl Kaliforniens von 20 000 auf 100 000 Einwohner. Tatsächlich reich wurden letztendlich nur sehr wenige der Forty-Niners, wie die Goldsuchenden genannt wurden, und schon bald verdrängten die Bergbaugesellschaften die privaten Goldschürfer. 1854 war der Boom dann endgültig vorbei.

Abb. 1: Als Silicon Valley gilt das Gebiet südlich von San Francisco bis hin nach San Jose

Heute herrscht in einer bestimmten Region Kaliforniens erneut Goldgräberstimmung, nämlich im Silicon Valley. Die Zuwanderer wollen nun aber nicht mehr durch den Fund von Gold zu Wohlstand und Reichtum gelangen, sondern durch die Umsetzung ihrer zumindest aus eigener Sicht einzigartigen Geschäftsidee. So gibt es heute im Gebiet südlich von San Francisco bis hin nach San Jose geschätzte 120 000 Start-ups, deren Inhaber auf den großen Durchbruch hoffen. Sie wollen es ihren großen Vorbildern wie Google oder Facebook, die ebenfalls ihre Hauptquartiere in dieser Region haben, gleichmachen oder zumindest von einem der Big Player um viel Geld aufgekauft werden. Im Schnitt nehmen täglich 47 Start-ups ihren Betrieb auf, rund 17 000 sind es pro Jahr. Allerdings lässt sich der amerikanische Traum vom schnellen Aufstieg nicht so einfach in die Realität umsetzen – und so enden nicht nur die Träume vieler recht schnell, die im südlicher gelegenen Los Angeles eine Schauspielkarriere anstreben. Auch so mancher einst mit großen Hoffnungen in die Bay Area ausgewanderte Informatiker kehrt dieser Region bald wieder den Rücken. Andere wiederum geben ihre heimatliche Existenz auf, um als Manager oder Entwickler bei einem der dort angesiedelten IT-Unternehmen anzuheuern und hoffen so auf die große Weltkarriere. Eine wichtige Rolle für die Region spielt die renommierte Stanford University, die die unzähligen Technologieunternehmen mit reichlich top ausgebildetem Nachwuchs speist.

Abb. 2: Die Stanford University gilt als die wichtigste Kaderschmiede für die im Silicon Valley angesiedelten IT-Unternehmen (Foto: Wikipedia)

Im Rahmen dieser neuen Rubrik wollen wir laufend Informatiker mit Java-Background zum Interview bitten, die aus unseren Breiten ins Silicon Valley ausgewandert sind, um dort das große Glück zu suchen. Sowohl Start-up-Gründer als auch Mitarbeiter, die für einen der Big Player tätig sind, sollen hierbei zu Wort kommen. So werden wir dann bald wissen, ob das Silicon Valley tatsächlich das gelobte Land für Informatiker ist. Den Anfang macht Eva Fulierova, Software Engineer bei Google.

Aufmacherbild: SILICON VALLEY signpost along a rural road von Shutterstock / Urheberrecht: Pincasso

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„Wir sind ein buntes Team – und das ist schön so!“

Eva Fulierova ist Java- und Dart-Entwicklerin bei Google in Mountain View. Davor arbeitete sie als Programmiererin und Consultant für das Wiener IT-Unternehmen CIIT/javatraining.at und realisierte Java-, Web-, Java-Enterprise- und Android-Applikationen. Zu ihren informatischen Lieblingsthemen zählen dynamische User Interfaces und effektive Algorithmen.

Löwenstein: Dürfte ich dich eingangs um eine kurze Vorstellung sowie ein paar Worte über deine Ausbildung und deine bisherigen beruflichen Tätigkeiten ersuchen?
Fulierova: Ich komme aus dem Osten der Slowakei und bin dann wegen des Informatikstudiums an der Comenius-Universität nach Bratislava übersiedelt. Schon während meiner Studienzeit habe ich als Java-Programmiererin gearbeitet und an Telekommunikations- und Finanzsystemen mitentwickelt. Da ich große Städte mag, weil es mir Energie und Kraft verleiht, wenn ich in der Früh durch so eine Stadt in die Arbeit fahre, bin ich nach dem Studium nach Wien übergesiedelt. Dort habe ich als Entwicklerin und Consultant für CIIT/javatraining.at begonnen und an Projekten für Kunden aus Österreich und Deutschland gearbeitet.

Löwenstein: Im Oktober 2013 hast du dann bei Google angefangen und bist ins Silicon Valley übergesiedelt. Wie bewirbt man sich eigentlich für einen Job bei Google, und wie läuft das konkrete Aufnahmeprozedere ab?
Fulierova: Am einfachsten ist es, wenn du jemanden kennst, der bereits für Google arbeitet und dich dort empfiehlt und viele schöne Dinge über dich sagt. Ansonsten ist es eher schwierig, da jeden Tag unzählige Lebensläufe geschickt werden. Zuerst hat mich eine Dame aus der Personalabteilung kontaktiert. Sie stand mir dann auch während des gesamten Aufnahmeprozederes zur Seite. Anfangs musste ich ein telefonisches Interview absolvieren, bei dem ich in einem verteilten Google Docs einige Zeilen Code schreiben sollte. Die weiteren Interviews fanden schon von Angesicht zu Angesicht statt. In meinem Fall in Kalifornien, da ich mir meinen potenziellen Arbeitsplatz vorher anschauen wollte. Ich hätte aber auch nähergelegene Büros in Europa besichtigen können. Es dauerte ein paar Wochen bis mir mitgeteilt wurde, dass die Kommission „Thumbs up“ gegeben hatte. Danach schickte mir ein Manager eines laufenden Projekts einen Vertragsvorschlag zu. Wegen der Arbeitserlaubnis verging noch ein weiteres halbes Jahr, ehe ich anfangen konnte.

Löwenstein: Unterstützt Google neue Mitarbeiter auch beim Übersiedeln und der lokalen Wohnungssuche?
Fulierova: Die „Relocation Benefits“ waren Teil des Vertrags. Google ist sehr großzügig. Das Unternehmen unterstützt die gesamte Familie und übernimmt auch alle Übersiedlungskosten. Für neue Mitarbeiter aus dem Ausland kümmert sich Google die ersten drei Monate um die Wohnung, das Auto und die Miete. Es stand mir auch eine Assistentin zur Verfügung, die mir bei der Wohnungssuche sowie weiteren Dingen wie der Fahrerlaubnis und der Sozialversicherung half.

Löwenstein: Wie verliefen dann deine ersten Tage im Unternehmen?
Fulierova: Meine ersten Tage waren komplett anders als sonst üblich. Normalerweise gibt es eingangs eine Einführung ins Unternehmen. Mein Manager kontaktierte mich aber mit dem Hinweis, dass das ganze Team für ein Summit nach Los Angeles fliegen würde, und fragte, ob ich nicht lieber dorthin mitkommen wollte. Klar wollte ich! Insgesamt dauert es aber ziemlich lange, bis man sich eingearbeitet hat, denn es gibt sehr viel Neues zu lernen.

Löwenstein: Welcher Tätigkeit gehst du nun bei Google nach?
Fulierova: Ich bin in einem Team, das die nächste Generation des Kundensupports entwickeln soll. Ich habe immer sehr gerne Frontends entwickelt und dazu nun ausreichend Gelegenheit. Zum Glück arbeiten wir aber nicht ausschließlich auf einem Teilgebiet. So durfte ich auch bereits die Programmiersprache Dart erlernen, die mir sehr gut gefällt.

Löwenstein: Man liest sehr oft über die paradiesischen Arbeitsverhältnisse bei Google. Kannst du diese bestätigen, und wie sieht ein klassischer Arbeitsplatz bei Google aus?
Fulierova: Es ist genau so, wie alle sagen. Am besten finde ich das kostenlose Essen. Es gibt unzählige Kantinen im Komplex, in denen man von frühmorgens bis spätabends viele leckere und sogar noch gesunde Sachen essen kann. Zusätzlich haben wir in der Nähe unseres Arbeitsplatzes eine kleine Küche mit Getränken, Obst und Süßigkeiten. Es gibt dort sogar Pudding im Kühlschrank, genau wie im Film „Internship“. In unserem Gebäude hält sich auch eine Masseurin auf, deren Dienste ich bislang aber noch nicht genutzt habe. Auch Ärzte und Friseure sind am Gelände tätig. Weiterhin kann man sich ein elektrisches Auto ausleihen, wenn man etwas zu erledigen hat. In die Arbeit fahren die meisten nämlich mit dem Bus. In Bezug auf die Ergonomie der Arbeitsplätze investiert Google ebenfalls viel. So haben wir Tische, die sich elektronisch verstellen lassen, damit wir von Zeit zu Zeit während der Arbeit stehen können. Teilweise gibt es auch Geharbeitsplätze, die mit einer Art Tretmühle ausgestattet sind. Die sind wirklich super!

Löwenstein: Hast du viele internationalen Kollegen und wenn ja, woher kommen sie?
Fulierova: Aus meinem Team kommt rund die Hälfte aus dem Ausland. So habe ich Kollegen aus China, Indien, Vietnam, Großbritannien, Russland, Weißrussland, der Ukraine, Israel usw. Wir sind ein buntes Team – und das ist schön so!

Löwenstein: Wie fällt dein Vergleich mit Europa nach einigen Monaten im Silicon Valley aus?
Fulierova: Ich sehe zwei große Unterschiede. Erstens wird den Menschen hier in den USA seit ihrer Kindheit beigebracht, dass sie im Leben alles, was sie sich wünschen, auch tatsächlich schaffen können. Im Gegensatz dazu wurde uns erzählt, dass das Leben sehr hart ist und dass man lange daran arbeiten muss, um etwas zu erreichen. Zweitens stehen viele Europäer neuen Dingen sehr skeptisch gegenüber. Es kann natürlich spezifisch für das Silicon Valley sein, aber die Menschen hier sind offener und probieren gerne technische Innovationen und Neuerungen aus. Beides führt letztendlich dazu, dass ständig neue Unternehmen gegründet werden, wenngleich natürlich nicht alle erfolgreich sind.

Löwenstein: Zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Hattest du bereits Zeit, das wunderschöne Kalifornien genauer unter die Lupe zu nehmen?
Fulierova: Es ist wirklich wunderschön in Kalifornien, da hast du Recht. Ich fahre oft nach San Francisco, zuletzt zu einem Baseballspiel. Auch den Yosemite-Nationalpark und das Weingebiet im Napa Valley habe ich schon besucht. Mein Mann und ich sind Fans von Francis Ford Coppola. Er hat dort einen Weinkeller inklusive Museum. Aber am besten ist immer noch der Ozean. Deswegen bin ich auch gleich nach Santa Cruz übersiedelt. Ich mache oft Ausflüge auf dem Highway 1 und fahre entweder nördlich zum Pigeon-Point-Leuchtturm und nach Half Moon Bay oder südlich nach Monterrey und Carmel. Demnächst möchte ich Santa Barbara und San Diego besuchen und im Winter dann in der Nähe des Lake Tahoe Skifahren.

Löwenstein: Vielen Dank für das interessante Interview.

Geschrieben von
Bernhard Löwenstein
Bernhard Löwenstein
Bernhard Löwenstein (bernhard.loewenstein@java.at) ist als selbstständiger IT-Trainer und Consultant für javatraining.at tätig. Als Gründer und ehrenamtlicher Obmann des Instituts zur Förderung des IT-Nachwuchses führt er außerdem altersgerechte Roboterworkshops für Kinder und Jugendliche durch, um diese für IT und Technik zu begeistern.
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