Flexibilität versus Erfahrung

„Sie sind uns zu alt“ – Werden Programmierer jenseits der 30 diskriminiert?

Dominik Mohilo

© Shutterstock.com/eelnosiva

Viele Branchen haben mit Vorurteilen zu kämpfen, die Welt der Informationstechnologie ist dabei offenbar leider keine Ausnahme. Die Gender- und Altersstrukturen der IT-Angestellten legen nahe, dass es Vorbehalte gegenüber Leuten zu geben scheint, die nicht einem gewissen Muster entsprechen. Doch werden diese Vorurteile wirklich so intensiv gepflegt, oder gibt es für die einseitige Altersverteilung vielleicht ganz andere Gründe?

Ein undenkbares Szenario…oder?

Stellen Sie sich vor, Sie sind 50 (vielleicht müssen Sie das ja gar nicht). Sie arbeiten in einem IT-Konzern, der 500 Angestellte zählt, 499 davon sind unter 30. Eines Tages gehen Sie mutig auf Ihren Chef zu und fragen, warum dies so sei. Die Antwort, die er Ihnen gibt: Alte Menschen haben in der IT-Welt nichts verloren.

Das oben geschilderte Szenario ist in unserer modernen Gesellschaft eigentlich undenkbar. Diskriminierungen beim Bewerbungsverfahren stehen in Deutschland sogar unter Strafe. In Amerika ist das nicht anders. Und doch gibt es immer wieder Berichte, gerade aus der IT-Branche, in denen die Herabwürdigung und die Vorurteile gegenüber älteren Angestellten deutlich werden.

Diskriminierung an der Tagesordnung – und keiner stört sich daran?

In einem kürzlich veröffentlichten Artikel, hat der Autor Dan Lyons seine Erfahrung mit der IT-Branche geschildert. Der ehemalige Redakteur des Forbes Magazins berichtet darin unter anderem, dass bei dem Unternehmen HubSpot (für das er ab 2013 tätig war) jeder über 30 als „alt“ eingestuft. Ein weiterer Augenöffner für Lyons war der Kommentar des CEOs und Vizegründers von HubSpot, Brian Halligan, in der New York Times. Halligan gab an, dass die Altersimbalance in seinem Unternehmen etwas war, das er aktiv kultiviert habe. HubSpot wolle eine Kultur erschaffen, die die Mitglieder der Generation Y anspricht, in der IT-Welt seien graue Haare und Erfahrung überbewertet.

Die Vorurteile gegenüber Frauen und Menschen anderer Hautfarbe seien im Silicon Valley zwar auch vorhanden, aber wenigstens würde man, so Lyons, wenigstens Lippenbekenntnisse abgeben, aktiv dagegen vorzugehen. Doch die Diskriminierung von älteren Arbeitnehmern sei so trivial und allgegenwärtig, dass sich nicht einmal jemand die Mühe mache, zu lügen.

Oft sei die Begründung, dass die Technik sich heute so rasant verändere und weiterentwickle, dass ältere Menschen einfach nicht mehr mithalten könnten. Das Vorurteil, dass Programmierveteranen es nicht mehr schaffen, eine neue Sprache zu lernen, während Junge kein Problem damit hätten, weist Lyons von der Hand. Dennoch gelten „alte“ Coder in der Branche zuweilen als stur, was ihre Arbeit angeht, teuer und festgefahren. Jüngere Mitarbeiter haben dagegen den Ruf, innovativer und flexibler zu arbeiten; von den faktischen Kostenersparnissen, die Unternehmer durch die Anstellung billiger Arbeitskräfte haben, einmal abgesehen.

Ein weiterer Faktor, der für Lyons klar zeigt, dass ältere Angestellte im IT-Bereich immer weiter ins Abseits geraten, bezieht sich auf die Unternehmensstruktur. Bei HubSpot sei gar nicht so viel technisches Personal vorhanden, wie man meinen sollte: von den 500 Angestellten seien weniger als 100 Softwareentwickler. Das Gros sei in den Bereichen Marketing, Sales und Kundenbetreuung beschäftigt – Jobs, die nach der Meinung des Autors, Menschen jeden Alters machen könnten.

Der Mix macht’s!

Dan Lyons‘ Artikel, den er auf LinkedIn veröffentlichte, erhielt beinahe 2000 Kommentare in den ersten beiden Tagen. Viele Menschen haben ähnliche Erfahrungen in der IT-Branche gemacht, doch ganz so schlimm wie bei HubSpot scheint es nicht überall zu sein: Viele CEOs haben sich zu Wort gemeldet und der allgemeine Tenor ist, dass ein gesunder Mix aus möglichst vielen unterschiedlichen Menschen vorteilhaft ist. Cliff Anders, Gründer und Chairman bei LeoSat Enterpreises, Inc., sagt dazu:

In my experience there tends to be a bias toward the older more experienced people. My company will not be victim to this, as we will strive to fill our positions with a healthy mixture of all the diversification categories. We want a wide view that comes from a multi-age, nationality, gender and cultural group.

Dies gilt sicher für renommierte Unternehmen, doch gerade in der IT-Branche gibt es, zumindest was das Alter angeht, ein großes Problem: Viele junge Startups haben nicht genug Kapital, um erfahrene Programmierer anzuheuern. In unserem Artikel über Nachfrage und Gehalt von Programmiersprachen kam heraus, dass das durchschnittliche Jahreseinkommen von Programmierern bei etwa 48.000 Euro liegt. Man kann also bei erfahrenen Programmierern durchaus von einem Monatsgehalt jenseits der 4.000-Euro-Marke ausgehen. Für junge Unternehmen eine schwer aufzubringende Summe.

Jung = billig und willig

Natürlich kommt auch ein weiterer Aspekt, den Lyons anspricht, zum Tragen: Besonders in der IT-Branche gibt es extrem viele Startups. Der Traum von der Millionen-Idee, die ganz nach dem Vorbild Bill Gates in einer Garage umgesetzt wird, lebt heute in der Welt der Entwickler und Programmierer, trotz des fortschreitenden Erfolgs in der Open-Source-Bewegung, weiter.

Doch Erfolg ohne Investition (vor allem an Arbeitskraft) ist schwer vorstellbar und junge Unternehmen, die sich noch lange nicht zu einem Selbstläufer entwickelt haben und noch im Entstehen begriffen sind, verschlingen viel Zeit und verlangen von Angestellten eventuell auch ein massives Pensum an unbezahlten Überstunden. Junge Arbeitskräfte, die sich noch ihre „Sporen verdienen“ müssen, sind laut Lyons eher dazu bereit, dieses Opfer zu bringen als ältere. Diese Ansicht wird ebenfalls von vielen geteilt.

Mit Vorsicht zu genießen

Lyons Artikel ist dennoch ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite hat er sicher recht damit, dass es vor allem in der Welt der Technologie-Unternehmen zu den verschiedensten Vorurteilen kommt. Dies ist durch etliche Erfahrungsberichte und, wie oben erwähnt, Studien belegt. Trotzdem ist es sicher nicht gerecht, sämtlichen (jungen) Unternehmen vorzuwerfen, diese Vorurteile zu pflegen. In Bezug auf HubSpot mag es gerechtfertigt sein, die Aussagen des CEOs jedenfalls werfen kein besonders gutes Licht auf das Unternehmen, aber besonders junge Unternehmen haben in Bezug auf das Alter ihrer Angestellten kaum eine Wahl, rein aus ökonomischen Gründen.

Fakt ist jedoch, dass offenbar bei manchen Unternehmen der Branche bewusst die Altersfrage als Ausschlusskriterium genutzt wird, obwohl es nach geltendem Recht nicht zulässig ist. Unternehmen, egal welcher Branche und mit welchem finanziellen Hintergrund, sollten sich immer vor Augen halten, dass junge Arbeitskräfte zwar möglicherweise Vorteile in Sachen Innovationsbereitschaft und Kosten bringen, ältere Mitarbeiter diese aber durch Kontinuität und Erfahrung ausgleichen.

Worauf würden Sie setzen? Erfahrung oder Flexibilität? Lassen Sie es uns in den Kommentaren wissen!

 

Aufmacherbild: businessmen shouting through megaphones business conflict concept von Shutterstock / Urheberrecht: eelnosiva

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Dominik Mohilo
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo studierte Germanistik und Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Seit 2015 ist er Redakteur bei S&S-Media.
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3 Kommentare auf "„Sie sind uns zu alt“ – Werden Programmierer jenseits der 30 diskriminiert?"

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Dr. Nils Jena
Gast
Der verlinkte JAXenter-Artikel gibt nicht das wieder, was hier gesagt wird. „Für Deutschland sind leider keine gesonderten Zahlen verfügbar. Doch zumindest ein Gedankenspiel bietet sich an: Nimmt man den untersten internationalen Mindestdurchschnittswert von circa 60.000 US-Dollar – was knapp 48.000 Euro entspricht – als Maßstab, so erzielt selbst der am schlechtesten bezahlte Programmierer hierzulande ein deutlich höheres Einkommen als der Rest der Bevölkerung: Das durchschnittliche Jahreseinkommen belief sich in Deutschland im Jahre 2013 auf rund 31.000 Euro.“ Das *allgemeine* Durchschnittsgehalt liegt in D bei 31K€. BTW: Eine Firma, die für ihre wichtigsten Mitarbeiter kein Monatsgehalt jenseits der 3.000-Euro-Mark aufbringen kann,… Read more »
RR
Gast
Ich bin ein bisschen über 50 Jahre alt, seit 24 Jahren programmiere ich beruflich und habe seit 2013 schon eine Ahnung gehabt, das ich immer langsamer werde. Seit 2016 fällt mir auf, das ich quasi das Dreifache der Zeit brauche, wie damals im Alter von 30 Jahren – zudem kommt noch ein Problem mit den Augen hinzu. Trotz Brille werde ich nach spätestens 4 Stunden blind. Weiters kann ich mich dann auch nicht mehr konzentrieren, ich sehe den Quelltext, ich weiss was zu tun ist, aber kriege es einfach nicht gebacken. Ich sage dazu immer „Strippen ziehen“, man hat was… Read more »