Interview mit Niko Köbler

„Serverless ist nicht nur eine nette Randerscheinung, Serverless ist ein Evolutionsschritt“

Dominik Mohilo

Niko Köbler

Ist die Angst vor einem Vendor-Lock, wenn von der Cloud die Rede ist, ein reales Problem oder machen wir uns unnötig verrückt? Im Interview zur JAX 2019 ordnet Niko Köbler, freiberuflicher Softwareentwickler, die Gefahr realistisch ein und bespricht ausführlich das Hype-Thema Serverless. Dabei kommt er auf die Zukunft des relativ neuen Ansatzes zu sprechen und welche Vorteile bzw. Veränderungen er mit sich bringt.

JAXenter: Serverless als Begriff ist ein recht umstrittenes Buzzword: Server sind ja nach wie vor im Einsatz. Außerdem scheint jeder etwas anderes unter Serverless zu verstehen – zum Beispiel FaaS oder BaaS. Daher zunächst einmal die Frage: Was ist Serverless für dich persönlich?

Niko Köbler: Serverless ist zunächst einmal nur ein Name. Zugegeben, ein nicht sehr glücklich gewählter Name, aber finden wir uns damit ab und bemühen nicht mehr dieses „natürlich sind noch Server im Einsatz“. Das hat, denke ich, mittlerweile jeder begriffen.

Bei Serverless geht es für mich in erster Linie darum, dass ich mich nicht mehr um die Wartung der Infrastruktur kümmern muss und diese einfach verwenden kann. Verfügbarkeit, Skalierbarkeit, Sicherheit und Aktualität der Infrastruktur werden für mich gemanagt, mir in bestimmten Rahmen zur Verfügung gestellt und ich kann diese Zeit dafür verwenden, meine Software besser, schneller und flexibler auf den Markt zu bringen.

JAXenter: Aus Entwicklersicht bringt Serverless viele Vorteile. Einer davon ist, sich um die Infrastruktur praktisch gar nicht mehr kümmern zu müssen. Wie verändert Serverless in deinen Augen den Entwickleralltag?

Entwickler sollten sich sowieso nicht um die Infrastruktur kümmern müssen.

Niko Köbler: Der Entwickler sollte sich sowieso nicht um die Infrastruktur kümmern müssen. Hat er in der Vergangenheit nicht und sollte er meiner Meinung nach auch mit dem Kunstwort DevOps nicht. Der Entwickler fokussiert sich nach wie vor auf die Erstellung der Software selbst. Die Struktur der Software ändert sich allerdings durch das Modell Serverless dahingehend, dass es mehr Komponenten geben wird und diese deutlich lose gekoppelter voneinander betrieben werden. Eine der Herausforderungen ist derzeit noch (und wird es in Zukunft auch noch sein), hier den Überblick zu behalten. Sprich: ohne vernünftige Doku und Verwaltung der betriebenen Komponenten, wird nix gehen. Wer beim Thema Microservices schon Schwierigkeiten hat, den Überblick zu behalten, wird es mit Serverless nicht leichter haben.

JAXenter: Entwickler sind aber, gerade wenn man an DevOps denkt, nicht die einzigen, auf die sich das neue Modell auswirkt: Welche Folgen hat der Serverless-Ansatz für Operator/Admins?

Niko Köbler: Hier müssen wir zwischen Operations und Administration unterscheiden. Sollten wir grundsätzlich machen. (System-)Admins verwalten die Infrastruktur und schauen, dass diese funktioniert. Operations kümmert sich um den Betrieb der Anwendungen und darum, dass diese fehlerfrei und performant ausgeführt werden. In vielen Unternehmen läuft das in Personalunion, was nicht immer zielführend ist. Das ist ja auch, was DevOps beschreibt – Du entwickelst eine Software und musst sicherstellen, dass diese korrekt betrieben und stetig verbessert wird. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass ein Entwickler alles über den Betrieb wissen muss und umgekehrt, dass ein Ops-Mensch alles über Software-Entwicklung wissen muss. Die Menschen müssen halt mal miteinander reden – DAS ist es, was wir brauchen.

Die Serverless-Generation spricht dagegen gar nicht mehr von DevOps – sie lebt das Prinzip und die Kultur einfach, ohne sich dafür über einen Begriff zu definieren. Ganz nach dem Motto „we build it – we are responsible for it!“. DevOps ist hier also ganz und gar nicht überflüssig, es wird einfach gelebt, ohne darüber zu reden, da sich jeder bewusst darüber ist, dass es ohne nicht geht. Und dabei redet keiner von irgendwelchen DevOps-„Tools“.

JAXenter: Simon Wardley hat die wilde These aufgestellt, dass Container und Kubernetes nur eine Randerscheinung in der Geschichte der Softwareentwicklung darstellen und bald schon komplett obsolet werden könnten, da Serverless – wie einst Software – die Welt verschlingt. Wie stehst du dazu?

Niko Köbler: Das unterschreibe ich so voll und ganz. Das Einzige, was ich anzumerken habe, ist, dass dieser Ausruck „…is eating the world“ mittlerweile auch etwas überstrapaziert ist. Ja, auch ich habe diesen vor ca. einem Jahr in einem Artikel missbraucht, und es gleich darauf auch bereut. Nichts „verschlingt“ irgendwas anderes.

JAXenter: Bei Serverless geht es vor allem um die Skalierbarkeit und die damit verbundenen Kosten: Lohnt sich heute noch die Nutzung eigener Server oder ist das Preis-Leistungs-Verhältnis von Serverless unschlagbar?

Niko Köbler: Die mühselige Frage nach den Kosten. „Oh, es kostet was, das ist aber blöd…“ Diese Frage darf man nicht nur im Kontext von Serverless sehen und beantworten, sondern muss sie auf die gesamte Cloud ausdehnen. Für mich ist die Cloud kein Kostensparmodell. Die Cloud zu nutzen, ist erst mal per se teurer als irgendwas selbst zu betreiben. Wenn ich dann aber die Aspekte mit in die Betrachtung nehme, die die Cloud interessant machen, nämlich Verfügbarkeit, Skalierbarkeit, Managed Services, Sicherheit, etc., dann wird da ganz schnell wieder eine andere Rechnung draus. Mit anderen Worten, wer nur in die Cloud geht und das typische „Lift & Shift“ macht, also seine eigene (virtualisierte) Infrastruktur in der Cloud betriebt, ohne von den Services zu profitieren, weil er Angst vor diesem Pseudo-ominösen „Vendor-lock“ hat, dann wird er im Endeffekt immer mehr bezahlen, weil derjenige weiterhin seine gesamte Administrationskosten behält.

Wer dagegen Cloud richtig nutzt und nicht noch und noch einen Abstraktionslayer (aka Kubernetes et al.) selbst aufbaut und betreibt, der wird Vorteile von der Cloud haben. Nicht hinsichtlich der absoluten Kosten, aber auf Seiten des Ertrages, denn mit den Möglichkeiten der Cloud kann das Unternehmen sich auf sein Kerngeschäft fokussieren und diesen sog. „Business-Value“ generieren, in dem es schneller und flexibler auf Änderungen des Marktes uns seiner Anforderung reagieren kann.

JAXenter: Zum Abschluss vielleicht ein kleiner Blick in die Kristallkugel: Welche Rolle wird Serverless im Jahr 2020 spielen?

Serverless ist nicht nur eine nette Randerscheinung, Serverless ist ein Evolutionsschritt.

Niko Köbler: Sorry, meine Kristallkugel ist gerade in der Werkstatt… Im Ernst – Serverless wird nächstes Jahr sicherlich eine größere Rolle spielen als dieses Jahr. Serverless ist nicht nur eine nette Randerscheinung, Serverless ist ein Evolutionsschritt. Und die Evolution geht bekanntlich immer weiter. Leider wird Serverless in Deutschland weniger schnell Boden gut machen können, da die deutschen IT’ler bekanntermaßen doch eher konservativ sind und sich weniger schnell auf neue Dinge einlassen, die sie nicht kontrollieren können, bzw. die sie meinen, nicht kontrollieren zu können. Vielleicht muss man einfach mal die Kommunikation mit den Cloud-Providern suchen, die sind da recht offen, wenn es um Fragen und Wünsche geht. Wer nicht fragt, der nicht gewinnt.

JAXenter: Auf der JAX hast du über Anwendungen gesprochen, die nicht nur auf einer, sondern auf mehreren Clouds laufen. Ist der Vendor Lock-in also keine Gefahr mehr?

Niko Köbler: Ich stelle hier gerne die Gegenfrage – warum sollte ein Vendor-Lock eine Gefahr sein? Die Unternehmen nutzen ja auch eine Oracle-DB und betreiben SAP als ERP-Software. Hier scheint der Lock-in ok. Wenn es um Cloud geht nicht. Warum?

Es gibt in meinen Augen heute keine technischen Grund, nicht in die Cloud zu gehen. Nur regulatorische Gründe. Und hier können auch Lösungen gefunden werden, gemeinsam mit den Cloud-Providern (siehe vorherige Frage, die Sache mit der Kommunikation). Ich kenne Lösungen im Banken- und Gesundheitsbereich, die in der Cloud betrieben werden, mit voller Unterstützung der beteiligten Aufsichten.

Meist ist es nur die Bequemlichkeit der Unternehmen, sich kritisch mit ihrem Business und den Behörden auseinander zu setzen. Es wird keine Diskurs mehr gesucht, nur noch der Absolutismus „Ich will es aber so, weil das ist der einzig wahre Weg“. Das gilt leider für unsere gesamte Gesellschaft, nicht nur die IT.

Niko Köbler macht irgendwas mit Computern, On-Premises, im Web und in der Cloud. Er ist Co-Lead der JUG Darmstadt, Sprecher auf internationalen Konferenzen und Autor des Buchs „Serverless Computing in der AWS Cloud“.
Geschrieben von
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo studierte Germanistik und Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Seit 2015 ist er Redakteur bei S&S-Media.
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