Teil 13: Die drei Siebe der Agilität

Der Scrum Master: Agilität in drei Fragen prüfen

Jürgen Knuplesch

© Shutterstock / Piyanat nethaisong

Wann ist etwas agil und wie lässt sich das auf die Schnelle prüfen? Dieser Frage geht Jürgen Knuplesch im neuen Teil seiner sehr realen und doch erfundenen Geschichte des Scrum Masters nach. Die Antwort fällt dem Scrum Master dieses mal im Schlaf ein: Die drei Siebe von Sokrates!

Es gibt eine beliebte Strategie, die im Umfeld von Scrum und in Sekten Anwendung findet: die Kunst der Verdrehung von Begriffen zum Zwecke der Manipulation oder, in abgeschwächter Form, der Beeinflussung anderer Menschen. Sie wird angewendet, indem man dem Scrum Master und anderen erklärt, wie Scrum und Agile eigentlich gedacht sind und warum sie dieses oder jenes Tun müssen. Bereits in Sekten hat es sich bewährt, Menschen mit dem Hinweis auf komplexe Begriffe zu manipulieren, in dem man den Begriffen Bedeutungen gibt, die man erstens angeblich selbst voll und besser als jeder andere versteht und die man zweitens auch immer bei anderen, aber nie bei sich selbst anzuwenden hat. Die Worte „agil“ und „Scrum“ sind bestens geeignet, um diese Strategie umzusetzen. Man muss einfach alles, was man gerne durchsetzen will, mit Nachdruck agil nennen und das, was man ablehnt, als nicht Scrum-konform bezeichnen. Wenn man die richtige Klientel trifft, dann will sie nicht als inagil abgestempelt werden und folgt erstaunlich lange den Worten eines solchen Magiers.

Es war einer dieser Tage, an dem ich unheimlich viele Vorschläge bekam, was ich als Scrum Master und Agilist alles zu tun und zu lassen hätte, an dem mich die Frage beschäftigte: Wie kann ich mir und meinem Team helfen zu prüfen, ob eine vorgeschlagene Aktivität zum Manifest der agilen Arbeitsweise (wie ich es gern nenne) passt oder nicht? Da fiel mir der Philosoph Sokrates ein:

Die drei Siebe des Sokrates

Vor langer Zeit stand Sokrates vor einer ähnlichen Herausforderung. Von ihm ist uns eine Erzählung überliefert (hier ist eine Version davon: https://mymonk.de/3-siebe/), in der er über drei Siebe herausgefunden hat, ob er eine ihm angebotene Geschichte hören will oder nicht. Diese „Siebe“ hat er in der Form von Fragen benutzt. Seine drei Siebe waren die Fragen „Ist es wahr?“, „Ist es gut?“ und „Ist es notwendig?“. Sokrates weigerte sich eine Geschichte zu hören, die durch keines seiner 3 Siebe hindurchrutschte. Sokrates war also der erste „Softword“-Tester der Welt und stellte klare Akzeptanzkriterien auf, welche Geschichten er akzeptieren würde und welche nicht.

Die drei Siebe der agilen Arbeitsweise

Aber irgendwie passten seine drei Siebe nicht so ganz zu meiner Fragestellung, wenngleich ich die Geschichte an sich sehr mochte. Ich grübelte und grübelte und kam nicht so recht auf einen grünen Zweig. Zuhause konnte mir auch niemand helfen und so ging ich an diesem Abend früh zu Bett. In der Nacht hatte ich einen erstaunlichen Traum, der mir die Antwort zu meiner Frage lieferte:

Ich träumte ich wäre ein Teammitglied des Sokrates und wir standen im antiken Griechenland herum und philosophierten über Scrum, agil und modernes Management. Sokrates sah aus, wie ich ihn mir eben vorstelle: Ein älterer Mann, mit langem weißem Bart und einem weißen griechischen Gewand.

Auf einmal kam ein anderes Teammitglied zu unserem Team und sagte: „Ich habe da etwas extrem agiles gelesen, das wir unbedingt in unserem Team einführen sollten!“ Sokrates war der Scrum Master unseres Teams und fragte ihn: „Hast du diese Aktivität, die so agil ist, auch durch die drei Siebe der agilen Arbeitsweise geprüft?“

Der Mitarbeiter wurde still und antwortete: „Nein! Ich kenne die drei Siebe der agilen Arbeitsweise gar nicht“. „Dann“, so antwortete der alte und weise Sokrates, „will ich dich durch die drei Siebe leiten:

Die erste Frage lautet: Ist es gut für Menschen? Passt diese Aktivität zu dem, wie wir Menschen geschaffen sind? Basiert es auf Erkenntnissen der positiven Psychologie, neuen Erkenntnissen der Soziologie oder anderen Erkenntnissen, die uns zeigen was gut für Menschen ist und was nicht? Oder anders gesagt: Ist es menschengerecht?“

Der Mitarbeiter begann nachzudenken. „Hmmm“, antwortete er, „ich bin mir nicht ganz sicher. Vielleicht ist es ein bisschen unmenschlich, aber es ist sehr innovativ!“

Sokrates schüttelte sein weißes Haupt. „Alles, was agil ist, muss an sich alle drei Siebe überstehen. Darum weiß ich schon jetzt nicht, ob ich hören möchte, was du da vorschlagen willst, wenn du selbst es für ein wenig unmenschlich hältst. Aber was soll‘s? Lass uns noch die anderen zwei Siebe anwenden: Erzeugt es einen Nutzen für unser Projekt? Macht es uns effizienter, verbessert es die Qualität oder hat es einen sonstigen Mehrwert für uns? Oder verbessert es unseren Prozess der Zusammenarbeit?“

Wiederum war der Kollege etwas unsicher: „Es hat schon vielleicht einen Mehrwert. Aber es ist auch ziemlich teuer und wird uns Zeit kosten. Aber es ist sehr cool!“

Sokrates schüttelte nochmals seinen schlohweißen Kopf. „Du weißt also nicht ob es menschengerecht ist und du bist dir auch nicht sicher ob es für uns einen Mehrwert hat. Damit es agil ist, muss es alle drei Siebe passieren. Immerhin bist du dir nur unsicher, was die Antwort ist und du kannst nicht eindeutig sagen, dass es nicht durch die Siebe kommt. Also wenden wir das dritte Sieb an:
Ist es flexibel? Wenn wir es nicht einfach ändern können, nachdem wir es eingeführt haben, dann bekommen wir eventuell ein großes Problem. Um agil zu sein, brauchen wir die Flexibilität, Dinge schnell ändern zu können, wenn wir es für richtig halten. Ist es also flexibel? Ist es änderbar oder veränderbar?“

Dieses Mal schaute das Teammitglied ziemlich traurig drein und sagte: „Ich denke, wenn wir das einführen, woran ich gerade denke, dann können wir das nicht mehr so leicht ändern oder rückgängig machen. Wir müssten damit ziemlich lange leben. Aber die Sache ist super neu!“

Aber Sokrates hatte nun seine Entscheidung getroffen: „Wenn es nicht menschengerecht ist und wenn es keinen ersichtlichen Mehrwert bietet und wenn es nicht flexibel ist, dann ist es auf gar keinen Fall agil. Damit irgendetwas agil ist, muss es menschengerecht sein, einen Mehrwert haben und änderbar sein. Ich bin mir sicher: Das will ich nicht im Team haben. Behalte deinen Vorschlag für dich! Und wenn du nächstes Mal mit einem Vorschlag kommst, dann prüfe ihn vorher mit den drei Sieben der agilen Arbeitsweise.“

Eureka!

Ich wachte am nächsten Morgen auf und zum Glück konnte ich mich noch an den Traum erinnern und schrieb ihn sogleich auf. Ja, das war der Weg, auf dem ich in Zukunft eine agile Schnellprüfung durchführen konnte und die jeder der es wollte auch anwenden konnte: Ist es gut für Menschen? Ist es nützlich? Ist es flexibel? Wenn nicht alle drei Fragen mit „ja“ beantwortet werden können, dann hat es mit „agil“ wahrscheinlich nichts oder nur wenig zu tun. Probiert es einfach aus!

Geschrieben von
Jürgen Knuplesch
Jürgen Knuplesch
Jürgen Knuplesch ist Scrum Master, agiler Berater, Autor, Mathematiker, Trainer, Theologe und Mensch und lebt mit seiner Familie in Stuttgart. Er ist agiler Enthusiast und agiler Pragmatiker und versucht jeden Tag die Welt ein wenig zu verbessern, was ihm aber nur selten gelingt. Er ist auch auf LinkedIn und Medium zu finden.
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