Teil 11: Der Scrum Master engagiert sich für einen Arbeitsrat

Der Scrum Master: Agilität braucht Mitbestimmung

Jürgen Knuplesch

© Shutterstock / Piyanat nethaisong

Beim Wunsch nach einem Betriebsrat können Interessen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern aufeinanderprallen. In Teil 11 seiner Serie geht Jürgen Knuplesch darauf ein, wie der Scrum Master vermitteln kann – und warum er das tun sollte. In dieser erfundenen und doch sehr realen Geschichte wird ein Arbeitsrat gegründet.

Agilität hat viele Facetten. Ein ganz wesentlicher fortschrittlicher Gedanke ist es, die Mitarbeiter zu „empowern“, also zu ermächtigen, ihre Arbeit selbst zu gestalten. Dieses Prinzip steht im Widerspruch zu den Prinzipien traditioneller Organisationen. Es wurde von weisen Leitern schon immer praktiziert und gelebt, jedoch im Großen und Ganzen nicht umgesetzt. Empowerment selbst hat wiederum auch viele Facetten. Eine davon ist die Mitarbeitermitbestimmung.

In Deutschland sind Betriebsräte im Betriebsverfassungsgesetz recht detailliert beschrieben und vorgeschrieben. Ab einer recht moderaten Größe von 5 Mitarbeitern muss ein Betriebsrat eingeführt werden, sofern es die Mitarbeiter einfordern. Auch das ist im Gesetz geregelt. Durch dieses Gesetz ist der Mitarbeitermitbestimmung in vielen Betrieben ein Rahmen gegeben. Wie das Ganze gelebt wird und ob es ein Miteinander oder ein Gegeneinander mit der Geschäftsführung ist, unterscheidet sich von Firma zu Firma. In vielen Firmen gibt es trotz beachtlicher Größe und etlicher Jahre des Bestehens trotzdem keinen Betriebsrat.

Aus irgendeinem Grund fühlen sich die Firmenbesitzer vom Betriebsrat bedroht und versuchen seine Einführung mit Erfolg zu verhindern. Auf der anderen Seite fürchten die Mitarbeiter nicht ganz grundlos um ihren Arbeitsplatz, wenn sie sich für die Einführung eines Betriebsrats gegen den Willen der Geschäftsführung einsetzen. Und dann gibt es auch nicht gerade viele, die Lust haben, sich in den Betriebsrat wählen zu lassen, denn schließlich wurde keiner der Mitarbeiter als Betriebsrat eingestellt, also liegen die beruflichen Interessen meist anderswo. Und dann stehen in diesem Gesetz Dinge, die gemacht werden müssen, die aber in etlichen Unternehmen, insbesondere der kreativen Softwarebranche, wenig nützlich sind. Doch was hat das Ganze mit dem Scrum Master zu tun?

Der Ruf nach einem Betriebsrat wird laut

Bei wabelTech war die Stimmung im Keller. Die Geschäftsführung hatte einige „nette“ Änderungen eingeführt, ohne die Mitarbeiter dazu zu fragen, geschweige denn auf sie zu hören. In der Mittagspause und an der Kaffeemaschine entwickelten sich wut- und schmerzerfüllte Diskussionen über die neu eingeführten „Verbesserungen“, die vor allem eine Verbesserung für die Geschäftsführung waren, aber nicht für die Mitarbeiter, die Kunden oder die zu erledigende Arbeit. Schließlich packte Günther die „EmailAnAlle-Keule“ aus und schlug vor, endlich einen Betriebsrat zu gründen. Es sei Zeit dafür. Günther hatte die Geschäftsführung nicht aus der Liste der Empfänger entfernt, und so kam diese Email auch in den höheren Stockwerken an. Mehrere Kollegen meinten, drei Stockwerke tiefer noch einen Aufschrei der Geschäftsführerin gehört zu haben, aber das mag Einbildung gewesen sein.

Zwei Tage später war ein „wabtrunk“-Event, also ein Treffen in einer nahegelegenen Bar, bei dem man ein Bier oder eine gesunde Limonade auf Kosten der Firma trinken durfte, um sich dabei bereichsübergreifend zu unterhalten. Eine tolle Sache und für mich als Scrum Master ein wichtiges Event, um Entscheidungsträger zu treffen, zu verstehen und zu beeinflussen. Also machte ich mich auf den Weg zur Bar und bestellte bei Evi ein mir noch unbekanntes italienisches Bier. Auf einmal strich ein kalter Windstoß über meine Haut, denn unsere Geschäftsführerin Adelheid Schabratzki betrat die Bar. Die Gespräche wurden merklich leiser und Adelheid bestellte sich einen Whisky. Bei mir wurde die Adrenalinzufuhr beschleunigt und ich freute mich riesig, dass Adelheid endlich mal wieder da war. Ich war bereit zum Gespräch und überlegte mir bereits einige spannende agile Fragen, um Adelheid und wabelTech weiter in eine agile Richtung bringen zu können. Doch Adelheid, die wir alle nur Heidi nannten, kam mir zuvor: „Ich habe gehört, dass Günter einen Betriebsrat gründen will. Was denkt ihr darüber?“

Der Scrum Master vermittelt

Jetzt drücken wir kurz mal „Pause“. Wow! Puh! Was für eine Frage! Was würdest du antworten? Das ist eine üble Falle. Wenn du jetzt sagst, „das ist gut“, dann bist du vielleicht bei Heidi um 7 Stufen gesunken. Sagst du aber, „das ist eine blöde Idee“, dann verrätst du deine Kollegen. Doch ein Scrum Master ist jemand, der mutig ist, sich bereits in vielen Fragen gebildet hat und dazu etwas sagen kann. Seit einer Weile schon hatte ich nach Alternativen zum Betriebsrat gesucht und dabei auch ein Modell einer Firma ähnlicher Größe gefunden, die einen „Arbeitsrat“ gegründet hatte, der aus Mitgliedern der Geschäftsführung und gewählten Vertretern der Mitarbeiter bestand. Ihre Verfassung hatten sich die Mitglieder des Arbeitsrats selbst gegeben. Über verbindliche Regelungen hatten sie Veränderungen vereinbart, die den Mitarbeitern zugutekamen, z.B. eine anonyme psychologische Beratung auf Kosten der Firma.

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Also konnte ich im Bruchteil einer Sekunde eine geniale Antwort auf diese Frage formulieren: „Betriebsrat finde ich etwas sperrig. Ich würde viel lieber etwas Eigenes installieren, einen Arbeitsrat. Ich kenne eine Firma in Berlin, die das bereits so macht.“ Heidi war beeindruckt: „Arbeitsrat… Das klingt gut. Bitte komm‘ morgen um 10.00 Uhr in mein Büro, dann sprechen wir über das weitere Vorgehen.“ Offensichtlich war Heidi klar, dass sie etwas tun musste, und der Arbeitsrat schien ihr wohl eine weniger schmerzhafte Alternative als die Installation eines Betriebsrats. Der Rest des Abends plätscherte dahin und ich ging nach Hause.

Um 10.00 Uhr stand ich bei Heidi auf der Matte, doch sie war noch nicht vor Ort. Der Sekretär meinte, dass Heidi eigentlich nie vor 10.30 im Büro gesichtet wird. Also übte ich mich in Geduld, und tatsächlich – um 10.35 Uhr war Heidi da. Ich setzte mich und nahm eine Cola. Ich erklärte noch einmal das Konzept und versprach, Links zu der Berliner Firma zu schicken. Nach 25 Minuten waren wir fertig und ich erhielt den Auftrag, einen Arbeitsrat zu gründen und dafür eine Wahl zu organisieren. Zwar hatte ich das ungute Gefühl, dass Heidi mich gebrauchte, um einen Betriebsrat zu vermeiden, aber dafür durften wir endlich etwas einführen, das uns helfen würde, die Bedürfnisse der Mitarbeiter zu kommunizieren.

Arbeitsrat für die agile Transformation

Wie wir die Einführung des Arbeitsrats umsetzten, war eigentlich „straight forward“. Ich sendete eine Email an alle, um die Kollegen über die bevorstehende Gründung zu informieren, und um Ideen zur Wahlorganisation zu bitten. So konnten wir eine Wahlkommission gründen. Zusammen mit Ralf und Tanja fuhren wir nach Berlin und durften uns dort den Arbeitsrat anschauen und von deren Erfahrungen hören.

Ein Scrum Master ist auch an der agilen Transformation des ganzen Unternehmens beteiligt. Mitarbeitermitbestimmung, Empowerment, Kommunikation zwischen Geschäftsführung und Mitarbeitern und die Einsetzung von Mitarbeitern, denen man vertraut, und die sich für die Interessen der Kollegen einsetzen, sind im Sinne einer agilen Transformation. Ob Betriebsrat oder individuelle Lösung, wird je nach Kontext des Unternehmens sicher anders entschieden, und diese Gefäße sind immer nur so erfolgreich wie die Menschen, die dazu beitragen. Auf dem Weg zu gesünderen und hilfreichen Organisationen ist der Scrum Master häufig ein motivierter Aktivist.

Ich wünsche euch allen viel Erfolg dabei, eure Organisationen in Orte zu verwandeln, die mehr dem entsprechen, wie moderne diverse Menschen gerne arbeiten wollen. Und ich bin zutiefst davon überzeugt, dass solche Organisationen die Zukunft sind.

Geschrieben von
Jürgen Knuplesch
Jürgen Knuplesch
Jürgen Knuplesch ist Scrum Master, agiler Berater, Autor, Mathematiker, Trainer, Theologe und Mensch und lebt mit seiner Familie in Stuttgart. Er ist agiler Enthusiast und agiler Pragmatiker und versucht jeden Tag die Welt ein wenig zu verbessern, was ihm aber nur selten gelingt. Er ist auch auf LinkedIn und Medium zu finden.
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1 Kommentar auf "Der Scrum Master: Agilität braucht Mitbestimmung"

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Freng
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Günter hatte völlig recht, ein Betriebsrat ist das Beste zur Mitbestimmung. Gerade wer mit der Mitbestimmung anfangen will lernt besser von den Erfahrungen anderer (Shu Ha Ri 🙂 Ein gewisser Kündigungsschutz für die Betriebsräte, gesetztlich garantierte Freistellungen und Materialausstattungen erlauben erst wirkungsvolle Mitarbeitervertretung. Die fiktive Geschichte ist für mich Humbug, sagt der Autor schon selbst: Die Geschäftsführung will nur den Betriebsrat verhindern. Blöd, wer sich vom Scum Master von der BR Gründung abhalten läßt.