Teil 12: Zuhause ist es anders, aber auch agil

Der Scrum Master: Gelebte Agilität daheim

Jürgen Knuplesch

© Shutterstock / Piyanat nethaisong

Wenn Agilität ein Mindset und keine Methode ist, macht sie auch vor dem eigenen Zuhause nicht halt. Die heimische Anwendung agiler Ideen birgt jedoch ganz eigene Herausforderungen, wie Jürgen Knuplesch im 12. Teil seiner sehr realen und doch erfundenen Geschichte des Scrum Masters aufzeigt.

Wir hatten es ja schon öfter davon, dass die agile Arbeitsweise ein Mindset und keine Methode oder gar ein Prozess ist. Oder vielleicht doch nicht? „Mindset“ ist ja so ein neudeutsches Wort und müsste wohl mit „innerer Einstellung“ übersetzt werden. Das hat einen entscheidenden Vorteil und einen entscheidenden Nachteil. Der Nachteil ist: Wenn jemand diese Einstellung nicht hat, nicht haben will oder nicht teilt, dann helfen alle agilen Methoden, alle Retrospektiven, alle agilen Tools nichts oder nur wenig.

Agilität kommt von innen

Du kannst einen Menschen nicht zwingen, agil zu denken und zu handeln, wenn er das Mindset nicht teilt. Und jemanden zu zwingen ist ja ein agiles Antipattern, das die Motivation nachhaltig zerstört. Du kannst geduldig versuchen zu überzeugen und warten, bis deine agilen Funken im anderen ein Feuer entfachen. Menschen, die sich aktiv dagegen wehren, die dir nicht zuhören, werden lange bis ewig brauchen, um zu verstehen, dass sie selbst die größten Gewinner eines agilen Mindsets wären, wenn sie es annehmen würden. Der Respekt vor der anderen Person hindert den Scrum Master daran etwas zu erzwingen, weil er weiß, dass es vom anderen kommen muss. Sonst wird es nicht funktionieren. „Man kann den Hund nicht zum Jagen tragen“, pflegte meine Mama zu sagen und das gilt auch für das agile Mindset. Lustigerweise sind viele, die lauthals „agil“ ablehnen, bei genauerem Hinsehen agiler als manche, die sich als agile Evangelisten ausgeben. Erstere sind mir sogar deutlich lieber als Letztere. Agil ist ja auch nicht jemand der mit agilen Fachbegriffen um sich wirft, sondern der selbstorganisiert, menschengerecht effizient und flexibel handelt und denkt, jemand der die agilen Prinzipien anwendet egal ob er sie kennt oder nicht.

Das Gute daran, dass Agilität ein Mindset ist, ist, dass jemand der dieses Mindset angenommen hat, gar nicht anders kann, als agil zu denken und zu handeln. Auch in einem Wasserfallprojekt wird er oder sie agil handeln, auch wenn er nicht alle Rahmenbedingungen ändern kann, denn Realitätssinn gehört ja auch zum agilen Mindset. Und das hört auch nicht in dem Moment auf, wenn er die Bürotür schließt und nach Hause geht. Ein agiles Mindset hat man oder man hat es nicht bzw. entwickelt es.

Zu Hause beim Scrum Master

Zu Hause stand bei uns ein großes Familienfest an. In einer Familie mit drei Kindern bedeutet das viel Arbeit. Meine liebe Frau nahm wie immer die Zügel in die Hand und ich hatte mir zwei Tage Urlaub genommen. Die Kids hatten Ferien, aber keine große Lust, sich an der Arbeit selbstorganisiert zu beteiligen. Das agile Mindset hatte bei ihnen noch nicht vollständig gezündet und ich war inzwischen auch bereit das zu respektieren, wobei dies bei den eigenen Kindern noch etwas schwerer fällt als bei den Kollegen bei der Arbeit. Aber auch daheim funktioniert das „Push“-Prinzip nicht wirklich, aber zum „Pull“ war es halt auch noch nicht gekommen. Meine Frau wiederholte bereits am Morgen gebetsmühlenartig, dass sie so viel zu tun hätte und man ihr doch helfen solle. Da ich aber zu Hause auch manchmal sehr unagil die Arbeit nicht sehe und es kein Backlog gibt, in dem ich nachschauen kann, wusste ich auch nicht so recht, was ich tun könnte. Zudem meldet sich daheim gerne auch mein Freund, der innere Schweinehund, der meint es wäre nun Zeit mich auszuruhen und zu chillen. Das ist natürlich kurz vor einem großen, von uns veranstalteten Familienevent fatal. So ein bisschen widerspreche ich damit natürlich dem oben Gesagten, denn man kann sein Mindset auch manchmal von „agiler Einstellung“ auf „jetzt schalte ich mal komplett ab und ignoriere was zu tun wäre“ umschalten. Genau genommen ist es aber auch agil, wenn man sich zwischendurch einmal Ruhe gönnt, denn sonst geht dem Menschen auch die Kraft aus.

Die Situation eskaliert

Es ist menschengerecht, dass wir Ruhe und Entspannung brauchen, um wieder in Höchstform zu kommen. In diesem Fall war es insgesamt aber wenig hilfreich, denn meine Frau stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch: „Kann mir mal jemand was helfen? Es ist noch so viel zu erledigen. Putzen, Kochen, einkaufen, das Silberbesteck muss poliert werden und noch viel, viel mehr.“ „Ja, wenn du mal genau sagen könntest, was zu tun ist! Dann könnte ich dir auch helfen!“ Inzwischen war ich auch etwas sauer geworden und fühlte mich persönlich angegriffen und abgewertet. Oh ja: Die Gefühle. Sie sind ein wesentliches Ausstattungsmerkmal des Menschen, das viel zu wenig Beachtung und Fürsorge empfängt. Stattdessen setzen wir den Verstand über alles und versuchen auf der Sachebene zu bleiben und komplexe Abläufe, wie Firmen und Familien zu rationalisieren, was bei deren Komplexität zum Scheitern verurteilt ist. Um es kurz zu machen: Der Streit und die Emotionen eskalierten und weder ich noch sonst wer in der Familie hatte sich dabei mit lösungsorientierten Vorschlägen hervorgetan. Was aber meist bei einem Familienstreit passiert, ist die „Ruhe nach dem Sturm“. Alle fünf Familienmitglieder saßen bedröppelt allein in einem Zimmer und wohl jeder überlegte, wie wir aus dieser Sackgasse wieder herauskommen könnten. Einer von den Fünfen war ich.

Angewandte Agilität in der Familie

„Mhmmm“, dachte ich, „da war doch was.“ Schritt 1 musste sein, dass ich zugab, dass ich überreagiert und dem anderen unnötigerweise Vorwürfe gemacht habe. Das war der erste Schritt zurück. Weg von der Suche nach dem Schuldigen, hin zu einer Lösung der Herausforderungen. Und Schritt 2 wäre dann ein Lösungsvorschlag, durch den wir den komplexen Prozess der Vorbereitung auf ein großes Familienfest besser managen können. Und auch da fiel mir sofort ein erster Schritt ein: Wir machen unsere Küchentür zum Kanban Board. Genau: Unser Product Owner ist meine Frau, denn sie hat alle Aufgaben bereits im Kopf. Wenn ich sie nur dazu bringe alles aufzuschreiben, dann kann jeder sich eine Aufgabe nach der anderen greifen und umsetzen. Zudem kann sie sich dann auf die Aufgaben konzentrieren, die keiner von uns erledigen kann. Gesagt, getan. Das mit dem auf den anderen zugehen und sagen, dass es mir leidtat, war der schwerere Teil der Übung. Aber nach einer Weile waren wir wieder auf einem konstruktiven Kurs zur Erfüllung der Aufgabe. Die Idee mit dem Kanban Board wurde zuerst etwas belächelt, aber am Ende fanden es alle ganz gut, auch wenn nicht alle Aufgaben ohne etwas nicht ganz so agilen Nachdruck ihren Abnehmer fanden. Auf jeden Fall gelang es unserem Team, die Vorbereitungen gemeinsam zu rocken und das Familienfest am nächsten Tag war ein voller Erfolg. Das agile Mindset und auch ein paar agile Methoden machen eben auch vor der eigenen Haustür nicht Halt.

Geschrieben von
Jürgen Knuplesch
Jürgen Knuplesch
Jürgen Knuplesch ist Scrum Master, agiler Berater, Autor, Mathematiker, Trainer, Theologe und Mensch und lebt mit seiner Familie in Stuttgart. Er ist agiler Enthusiast und agiler Pragmatiker und versucht jeden Tag die Welt ein wenig zu verbessern, was ihm aber nur selten gelingt. Er ist auch auf LinkedIn und Medium zu finden.
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