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Scrumban, Kanban-Ace oder Water-Agile-Fall?

Scrum richtig anpassen: Vor- und Nachteile von Agile Hybrid-Frameworks

Ann-Cathrin Klose

© Shutterstock / SUWIT NGAOKAEW

Agile ist nicht gleichzusetzen mit Scrum – und Scrum ist gleichsam beliebt und umstritten. Die einen schwören drauf, die anderen halten es für zu stark reglementiert. Wie kann Agile also jenseits von Scrum aussehen, wenn das Framework nicht zum Team passt?

Scrumban, Water-Scrum-Fall und Kanban-Ace sind nur drei der Namen, die einem begegnen, wenn man nach agilen Arbeitsmethoden jenseits von Scrum sucht. Scrum ist natürlich an sich ein gutes Framework und für sehr viele Teams ein solider Weg zum agilen Arbeiten. Dank der großen Verbreitung können agile Teams von vielen Scrum-Erfahrungen anderer profitieren; auch ein großes Ökosystem an Tipps und Tricks für die Arbeit mit Scrum hilft dabei, die Methode richtig umzusetzen.

Und doch passt auch Scrum nicht zu jedem Team. Das gilt genau so natürlich für andere agile Methoden: Nicht jedes Team wird mit Kanban glücklich, nicht jeder braucht Prinzipien aus dem Lean Management, um agil arbeiten zu können. Was also tun, wenn der Schuh drückt?

 

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Lebendige Agilität erfordert es, sich für eine kontinuierliche Weiterentwicklung sowie einer steten Bereitschaft zur Veränderung zu öffnen. Der Agile Day der JAX 2017 präsentiert interessante Erfahrungen aus agilen Teams, zeigt auf, welchen Herausforderungen sich agile Unternehmen stellen und beschäftigt sich mit der Kraft der agilen Werte, wenn es um die Transformation von Geschäftsprozessen und Strukturen geht.

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Der Scrum-Schuh drückt: Probleme identifizieren

Die wichtigste Frage ist dann zuerst einmal, wo denn das Problem liegt. Wer mit den vielen strukturierenden Meetings in Scrum nicht zurechtkommt, hat ein anderes Problem als jemand, der eigentlich noch immer weit in die Zukunft planen möchte. Genau letzteres wird jedoch im Netz als Argument für agile Hybride, also die Vermischung einer agilen Methode mit anderen Arbeitsweisen, angeführt. Man solle nicht auf die Planung verzichten, lautet der Rat, sondern einfach agil arbeiten und in die Zukunft planen!

Wer sich ein wenig mit Agile auskennt, wird bereits daran erkennen, dass hybride Methoden durchaus problematisch sein können. Dann nämlich, wenn sie aus einer derartigen Motivation heraus entstehen. Wer mit einer langen Vorausplanung dafür argumentiert, lieber noch ein paar Wasserfall-Elemente beizubehalten, statt vollständig agil zu arbeiten, hat Agile nicht verstanden.

Inkonsistent gescheitert

Das schlägt sich auch im 10. State of Agile Report nieder, der im vergangenen Jahr von VersionOne veröffentlicht wurde. 3.880 Personen haben an der Befragung teilgenommen und Auskunft über ihre Erfahrungen mit agilen Arbeitsmethoden gegeben. Die Frage nach den Ursachen für das Scheitern agiler Projekte stellte 13 mögliche Antworten zur Wahl; die Befragten durften mehrere Optionen auswählen. 36 Prozent gaben an, dass der Druck zur Beibehaltung von Wasserfall-Methoden zu Misserfolgen führe, 38 Prozent benannten inkonsistente Methoden als Ursache für gescheiterte Projekte.

Inkonsistent werden agile Arbeitsmethoden aber natürlich nicht nur durch die besonders unschöne Vermischung von Agile und Waterfall-Methoden. Dieser Methoden-Mix hat viele Namen, beispielsweise Water-Scrum-Fall und liegt dann vor, wenn vordergründig agile Arbeitsweise wie Sprints mit langen Planungszyklen oder wenig Freiheit für die Teams kombiniert werden. Inkonsistenzen  können sich aber auch subtiler zeigen.

Scrum but: Aber so nicht!

Ein Beispiel für solche Brüche in der Arbeitsweise wird ScrumBut genannt Dieser Ausdruck bezieht sich auf die typische Formulierung von Teams, die sich so verhalten: „We use Scrum, but…“. Damit sind agile Methoden gemeint, die nicht zwingend durch einen von außen aufgezwungenen Wasserfall gestört werden und doch nicht vollständig dem Scrum-Standard entsprechen. Manchmal werden zwar tägliche Standups gehalten, dort wird jedoch dem Scrum-Master Bericht erstattet. Oder das Team hat Angst davor, Fehler zu machen und hält sich lieber an vertraute, bekannte Konzepte. Das alles führt in der Regel nicht zu einem überzeugenden Projekterfolg.

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Heißt das nun also, dass agile Methoden-Mischungen oder Modifizierungen der bekannten Frameworks keine gute Idee sind? Im 10. State of Agile Report gaben ganze 58 Prozent der Befragten an, dass sie mit Scrum arbeiten. 25 Prozent arbeiten jedoch mit hybriden Methoden. Machen all diese Teams etwas falsch, wenn ScrumBut und Water-Scrum-Fall also keine so guten Ideen sind?

Mischen für den Erfolg?

Hybride Methoden sind so vielfältig, dass man sie nicht insgesamt als gut oder schlecht beurteilen  kann. Auch Scrum ist ja nur eine Methode, um agil zu werden und keinesfalls die einzige. Es muss also nicht immer Scrum oder Kanban sein, um richtig gut agil zu arbeiten. Sogar ScrumBut muss nicht immer Probleme verursachen, sondern kann auch zu einem positiven Effekt führen, wenn die Anpassungen auf die richtige Weise vorgenommen werden. Agile Hybride können also sowohl Problem als auch Lösung sein.

Wenn es um die Lösung individueller Probleme geht, ist die Anpassung agiler Methoden durchaus gerechtfertigt. Allerdings sollte dafür der Kern der agilen Arbeitsweise erhalten bleiben. Insofern kann eine Anpassung agiler Methoden nur als Ergebnis eines Lernprozesses erfolgreich sein. Wenn ein Team eine Methode erlernt hat und feststellt, dass sie nicht passt, sind Anpassungen daran in höchstem Maße agil. Wenn sie dazu dienen, agile Kernkompetenzen wie den Verzicht auf lange Planungszyklen über den Haufen zu werfen, nicht.

Agile ganz individuell

Im Rahmen der Anpassung agiler Methoden können Teams also einfach selbst herausfinden, was zu ihnen passt. Scrumban ist ein Name für diese Art der eigenen agilen Arbeitsweise. Dabei könnten beispielsweise die starren Sprints von Scrum durch das flexiblere Work-in-Progress-Limit von Kanban ersetzt werden, während die Tagesstruktur mit dem Standup am Morgen erhalten bleibt. Oder die Lösung sieht ganz anders aus: Scrumban ist nicht der Name eines festen Frameworks, sondern ein Sammelbegriff für alle individuellen agilen Methoden, die Scrum und Kanban kombinieren.

Wie steht es aber um festgelegte Frameworks, die verschiedene Methoden mischen? Im Netz finden sich diverse Methoden-Mixe, die in sich selbst ein eigenes, definiertes agiles Framework darstellen. Sie alle behaupten von sich, die eine oder andere Schwäche der agilen Methoden auszugleichen, auf denen sie aufbauen.

Typische Probleme – neue Frameworks

Kanban-Ace soll beispielsweise dabei helfen, einige der typischen Probleme zu lösen, die immer wieder mit Scrum auftreten. Zu den Lösungen gehört beispielsweise die Vorhaltung des gesamten Produkt-Backlogs auf dem Scrum-Board, um den Überblick nicht zu verlieren. Auch wird die Denkweise des Lean Managements aufgegriffen: Was nicht hilfreich ist, muss weg – Waste wird eliminiert. Die vielen Meetings von Scrum können also ganz nach dem eigenen Geschmack reduziert werden.

Braucht es dafür allerdings ein neues Framework? Ob möglichst viele oder möglichst wenige Backlog-Items auf dem visuellen Board angeschlagen werden sollen, das der tagtäglichen Arbeitsorganisation dient, ist wohl Geschmackssache. Scrum in seiner Reinform spricht sich stark gegen dieses Vorgehen aus, damit das Team sich voll auf die gerade anliegenden Aufgaben fokussiert. Wenn es einem Team jedoch schwer fällt, den Gesamtüberblick zu behalten und die Produktvision nicht aus den Augen zu verlieren, könnte ein umfassenderes Board helfen.

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Zurück zum agilen Ursprung

Waste zu eliminieren ist jedoch ein Konzept, für das es eigentlich kein zusätzliches Lean Management innerhalb des agilen Prozesses brauchen sollte, also auch kein eigenes Framework. Bereits die vier Grundwerte des agilen Manifestos beginnen mit dem Satz „Individuals and interactions over processes and tools“ – und schließen damit ausdrücklich das Festhalten an nicht funktionierenden Prozessen aus. Dafür braucht es also eigentlich keine Scrum-Anpassung mit eigenem Namen und neuen Regeln.

Ein spezialisiertes agiles Framework kann natürlich durchaus hilfreich sein, wenn es beispielsweise um die Skalierung von Agile geht. Scrum ist primär auf wenige, kleine Teams ausgelegt. Sollen ganze Unternehmen agil arbeiten, kann sich ein Blick auf die entsprechenden Alternativen lohnen. Jenseits solcher Spezialfälle könnte es jedoch sinnvoller sein, sich tatsächlich auf die Kernwerte des Agile zu berufen und ein ganz eigenes Vorgehen zu entwickeln. Nur so kann es gelingen, die Arbeitsweise ganz und gar den eigenen Bedürfnissen anzupassen. Jedes feste, vorgegebene Framework wird nämlich nur erneut dazu führen, dass es irgendwo zwickt und drückt.

Strategisch nach Lösungen suchen

Um nun zu einer solchen Lösung zu gelangen, lohnt sich eine strategische Vorgehensweise. Wer bereits lange agil arbeitet, kennt natürlich die eigenen Methoden und Schwächen bereits gut; wer eine neue Methode einführt, kann jedoch durch ein gestaffeltes Vorgehen viele Probleme vermeiden. Natürlich hat eine Big-Bang-Einführung, die auf einen Schlag alle alten Methoden gegen neue Arbeitsweisen ersetzt, ihre Vorteile. Wer Schritt für Schritt vorgeht, kann sich jedoch bereits auf dem Weg zur agilen Arbeitsweise selbst reflektieren und alles einfach mal ausprobieren. Was nicht funktioniert, muss auf diese Weise nicht erst mitgeschleppt werden.

Mehr zum Thema: Die Infografik – Agil als Spiel

Auch dieses Vorgehen ist aber selbstverständlich kein Allheilmittel gegen Probleme mit der gewählten agilen Methodik. Viele agile Ansätze brauchen etwas Zeit und Geduld, bis sie richtig gut funktionieren; die große Freiheit agiler Teams muss geübt werden, bevor Teams sich damit wohlfühlen. Wer ein gestaffeltes Vorgehen also nutzt, um nach einem Versuch alles über Bord zu werfen, wird nie am Ziel ankommen. Vielmehr sollte es darum gehen, Agile richtig zu erlernen. Dafür ist es durchaus sinnvoll, erst einmal streng dem Konzept von Scrum zu folgen, um herauszufinden, was Agile eigentlich ist. Und wer dann weiß, was er tut, braucht kein hybrides Framework, um zu einem eigenen, passenden Methodenmix zu kommen. Hybride Methoden sollten sich nämlich immer individuell an den Anwendern orientieren, nicht am nächsten starren Rahmen, wenn die erste Variante eines Gerüsts sich als zu unflexibel erwiesen haben sollte.

Geschrieben von
Ann-Cathrin Klose
Ann-Cathrin Klose
Ann-Cathrin Klose studiert allgemeine Sprachwissenschaft, Geschichte und Philosophie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seit Februar 2015 verstärkt sie als redaktionelle Mitarbeiterin die Redaktion bei Software & Support Media. Zuvor war sie als freie Autorin tätig und hat erste redaktionelle Erfahrungen bei einer Tageszeitung gesammelt.
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