"Schönheit wird genauso im Kopf wie wie im Körper wahrgenommen"

JAXenter: Mit welchen Projekten befassen Sie sich derzeit?

Oliver Reichenstein: Wir haben einiges an Projekten am Laufen, die wie ich hoffe, aufhorchen lassen werden. Ich rede nicht mehr über Dinge, die in Planung sind. Aus Strategie, Aberglaube und Erfahrung. Nur so viel: Wir arbeiten an neuen Technologien zum Thema lesen, Schreiben und Farbe. Das Thema Farbe ist stark beeinflusst von meiner Auseinandersetzung mit japanischer Ästhetik.

JAXenter: Manch ein Web Designer vertritt die Meinung, man muss im Web Design den Mut zur Hässlichkeit haben, um wirklich gute Ergebnisse zu erzielen. Was ist für Sie wichtiger? Gute User Experience, Ästhetik oder ein Kompromiss aus beidem?

Oliver Reichenstein: Es gibt da keinen klaren Unterschied, sondern einen nur ganz feinen. Schönheit wird genauso im Kopf wie wie im Körper wahrgenommen. Eine unsichtbare Balance beider ist, was wir als Designer anstreben.

JAXenter: Schaut man sich die Arbeiten Ihrer Agentur an, beispielsweise das Design für Zeit Online, beschleicht einen der Verdacht, dass es zuweilen schwierig gewesen sein muss, die Auftraggeber von Ihren mutigen, innovativen Konzepten zu überzeugen. Wie sind Ihre Erfahrungen? Sind im Laufe der Jahre auch Ihre Kunden mutiger geworden?

Oliver Reichenstein: Ja. Am Anfang war es schwierig. Jetzt haben wir den Namen und die Zahlen, die belegen, dass wir wissen, wovon wir reden. Auf Kundenseite haben wir es mit immer kompetenteren Leuten zu tun. Das hat sowohl damit zu tun, dass wir uns aussuchen können, mit wem wir arbeiten, als auch damit, dass man auf Kundenseite grundsätzlich immer mehr darauf schaut, wer für die Technik zuständig ist. Bis noch vor kurzem war es Teil unserer Arbeit den Kunden zu überzeugen, dass die Qualität seines Interfaces ein Hauptbestandteil der Markenerfahrung ausmacht. Heute scheint das oft fast selbstverständlich.

JAXenter: Auf der MobileTech Con halten Sie eine Keynote mit dem Titel „Web Design today: The good, the bad, the nice and the ugly“. Können Sie uns einen kleinen Vorgeschmack geben? Was sind für Sie die Grundbedingungen für gutes Web Design?

Oliver Reichenstein: Die Spannung zwischen Nutzbarkeit und Ästhetik, Logik und Emotion, Funktion und Form in ein Gleichgewicht zu bringen ist eine Grundherausforderung in jeder Designdisziplin. Im Webdesign ist die Herausforderung besonders groß, weil man so wenig Kontrolle über den Formfaktor hat. Im Lauf der Zeit ist die Spannung immer grösser geworden. Fast zeitgenau mit den Webfonts und einem bedeutend größeren Spielraum in CSS tritt nun die Herausforderung an uns heran, Inhalte auf verschiedenen Geräten mit verschiedenen Formfaktoren und technischen Bedingungen darzustellen. Wie wir bei iA damit umgegangen sind, umgehen und umgehen werden ist das Thema meines Vortrags. Mehr möchte ich noch nicht verraten.

JAXenter: Wenn Sie jungen, aufstrebenden Webdesignern drei wichtige Tipps mit auf den Weg geben sollten, welche wären das?

Oliver Reichenstein: Technik, Design und Geschäftsprozesse. Fokussiere auf eines, behalte alles im Auge. Man kann nicht in allen drei Disziplinen brillieren, eine reicht, aber man muss in allen dreien ein gutes Verständnis entwickeln um eine der Disziplinen beherrschen zu können.

JAXenter: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Reichenstein.

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