Interview mit Oliver Reichenstein von Information Architects

"Schönheit wird genauso im Kopf wie im Körper wahrgenommen"

Christoph Ebert

Ein Umzug nach Japan im Jahr 2003 war das Schlüsselereignis im Leben von Oliver Reichenstein. Seitdem ist im Leben des 42-jährigen Baslers viel passiert: 2005 gründete er seine eigene Firma Information Architects (iA), die inzwischen Niederlassungen in Tokio, Zürich und Berlin unterhält und eine der weltweit führenden Agenturen für Website Design und Informationsarchitektur ist. iA hat sich unter anderem mit dem Design für Zeitungspublikationen (u.a. Zeit Online, Salzburger Nachrichten) einen Namen gemacht. Auch in der Welt der Apps hat man großen Erfolg zu verzeichnen. Die minimalistische Textverarbeitungsapp iA Writer für iPad und Mac bekam hervorragende Kritiken und viel Lob. In diesem Jahr ist iA Writer auch in der Kategorie „Business und Productivity“ für einen MobileTech Award nominiert.

Darüber hinaus genießt Oliver Reichenstein ein hohes Ansehen als visionärer Vordenker und Philosoph der digitalen Welt. Wir haben mit dem Schweizer, der auf der kommenden MobileTech Conference in München eine Keynote halten wird, unter anderem über den Einfluss der japanischen Kultur auf seine Arbeit, die App iA Writer und sein Verständnis von Design gesprochen.

Oliver Reichenstein auf der MTC

Allen, denen das Interview mit Oliver Reichenstein Lust auf Mehr macht, möchten wir den am 14. Februar auslaufenden Early Bird für die MobileTech Conference 2013 ans Herz legen. Wer sich bis zu diesem Datum für die Hauptkonferenz anmeldet, kann mit den Frühbucherpreisen bis zu 150 Euro sparen. Wer drei oder mehr Tage bucht, bekommt das neue Intellibook-Notebook (Windows-8-kompatibel,t 2 GB RAM, 320 GB Festplatte, Intel-Celeron-Prozessor, 14-Zoll-Display) im Wert von 450 Euro gratis als Goodie dazu.

Alle weiteren Infos zu Buchung und Sparmöglichkeiten gibt es auf der Anmeldeseite.

JAXenter: Herr Reichenstein, als Gründer der Design-Agentur Information Architects sind Sie zum Weltenbummler geworden, denn iA hat Büros in Zürich, Berlin und Tokio. Wo ist gerade Ihr Zuhause?

Oliver Reichenstein: In Zürich. Ich reise aber viel zwischen Zürich und Tokyo hin und her.

JAXenter: Welche Inspiraton haben Sie aus diesen japanischen Einflüssen gezogen und wie schlagen sich diese in Ihren Arbeiten nieder?

Oliver Reichenstein: Als ich in Japan lebte, hat man in meiner Arbeit vor allem den Schweizer Einfluss, also die Betonung des Typografischen, gespürt. Seit ich nicht mehr in Japan lebe, entwickelt sich mehr und mehr das Japanische in meiner Arbeit. Man sieht die Dinge ja aus der Distanz, von außen zugleich klarer und zugleich treibt einen auch das Heimweh, früher das Heimweh nach der Schweiz, jetzt das Heimweh nach Japan. Ich habe in den anderthalb Jahren in der Schweiz mehr über japanische Ästhetik verstanden als in den fast zehn Jahren, in denen ich dort war. Ich bin gespannt darauf, wie sich das weiter auswirkt.

JAXenter: Mit iA Writer hat Information Architects ein Schreibprogramm fürs iPad und den Mac veröffentlicht, das aufgrund seines Minimalismus internationale Beachtung und viel Lob eingeheimst hat. Wie viel Ihrer persönlichen Einstellung zu Design steckt in iA Writer?

Oliver Reichenstein: In iA Writer steckt mein halbes Leben als Designer und Schreibender drin. iA Writer funktioniert so, wie ich mir immer wünschte, dass Scheibprogramme funktionieren. Mein erstes Schreibprogramm habe ich mit 11 geschrieben. Mein Dragon 32 hatte zu wenig Raum für Text, also habe ich ein Schreibprogramm mit einer neuen, minimalen Pixelschrift entwickelt, die den Platz besser nutzt. In gewisser Weise, war mein erstes Programm fast genau die Umkehrung von dem was iA Writer ist.

Ich habe während meiner Studienzeit MS Office unterrichtet. Die Zeit als MS Office Lehrer hat mich alles gelernt, was man wissen muss, wenn man ein Schreibprogramm macht. Office war seinerzeit ein revolutionäres Programm. Es ist heute ein Musterbeispiel für Überladenheit und Disfunktionalität.

Mein Entschluss ein eigenes Schreibprogramm zu machen, hat sich verfestigt, nachdem ich mir eine gute Photokamera gekauft habe. Die Erfahrung mit der Kamera hat mir gezeigt, dass das Werkzeug, mit dem man arbeitet, nicht das Talent ersetzt, aber durchaus den Spass an der Arbeit steigern kann. Ich dachte immer, dass das Werkzeug keine so große Rolle spielt, wenn man sein Handwerk beherrscht. So kann nur einer denken, der mit Computern arbeitet, weil da die Freude an der Arbeit nur selten durch das Werkzeug positiv beeinflusst wird.

Was Awards angelangt.die sind mir eigentlich ziemlich egal. Unser größter Award sind die 500,000 User, die unsere App nutzen, und nicht mehr wechseln. Dass wir jetzt, wo der Hype um störungsfreies Schreiben schon lange abgeklungen ist, besser da stehen als je zuvor, das bereitet mir die größte Freude.

Geschrieben von
Christoph Ebert
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