Perspektivenwechsel Teil 4

Sackmann und Schneeohr – eine agile Weihnachtsgeschichte

Stefan Roock, Henning Wolf und Arne Roock

Vor langer, langer Zeit ereigneten sich Dinge. Diese Zeit liegt lange zurück – wirklich, wirklich lange. So lange, dass man damals nicht bereits im September weihnachtlich geschmückte Supermärkte fand! Auch Computer und agile Softwareentwicklung waren noch nicht erfunden. Auch agile Softwareentwicklung nicht? Wirklich? Werfen wir einen Blick in diese Vorzeit zurück.

Die Landschaft ist bedeckt von Schnee. So weit das Auge reicht: nur weiß! Genau genommen sieht man grau. Denn es ist um Mitternacht herum und nur der Mond spendet fahles Licht. Und es ist kalt – eiskalt. Das genaue Datum ist unklar. Wir befinden uns in der zweiten Dezemberhälfte, vielleicht um den 24.12. herum. Genau lässt sich das aber nicht bestimmen. Die vorherrschende Theorie der Zivilisationsentwicklung besagt, dass eine Kultur erst dann eine verlässliche Zeitbestimmung vornehmen kann, wenn man verlässlich im September Marzipanbrote und Lebkuchenherzen kaufen kann.

Und wie es sich in solchen Szenen gehört, ist es auch vollkommen still – vorerst. Langsam wird die Stille durchbrochen: Große Stiefel stapfen durch den Schnee und hinterlassen tiefe Abdrücke. In den Stiefeln stecken die Füße von jemandem oder von etwas? Wir sehen uns den Besitzer der Füße genauer an: Er ist einsachtzig groß, trägt einen langen weißen Bart und einen Mantel, der seinen mächtigen Bauch nur notdürftig kaschiert. Es ist eindeutig: Es ist ein Er und kein Etwas. Über die Schulter hat er sich einen großen Sack geworfen, gefüllt mit Geschenken. Er ist derjenige, dem Coca-Cola irgendwann einen roten Mantel angezogen und den Namen „Weihnachtsmann“ gegeben hat. Ursprünglich hat der Sackträger aber noch keinen echten Namen. Die wenigen, die ihn wirklich zu Gesicht bekamen, nannten ihn den „Sackmann“.

Der Sackmann ist nicht alleine, er hat einen Konkurrenten. Ein paar Kilometer vom Sackmann entfernt zeichnet sich ein zweites Paar Fußspuren im Schnee ab. Der Verursacher der Fußspuren trägt einen großen Korb auf dem Rücken, ebenfalls randvoll mit Geschenken. Im Gegensatz zum Sackmann handelt es sich bei ihm aber eher um ein Etwas. Die Füße stecken nicht in Stiefeln. Er ist Barfuss und auch sonst nicht bekleidet. Ein dickes braunes Fell überzieht seinen ganzen Körper, inklusive der riesigen Ohren, und schützt ihn vor der Kälte. Auch er hat noch keinen etablierten Namen. Wer ihn gesehen hat, nennt ihn „Schneeohr“. Während der Sackmann gemächlich durch den Schnee stapft, hoppelt Schneeohr sehr viel schneller seines Weges.

Sackmann und Schneeohr verfolgen dasselbe Geschäft: Sie beschenken Kinder – ganz ohne Gegenleistung. Wirklich ohne? Naja, sie versuchen zunächst, möglichst viel Traffic zu generieren. Der Rest wird sich dann schon ergeben.

Im Wesentlichen haben Sackmann und Schneeohr also dieselben Voraussetzungen – mit leichtem Vorteil für Schneeohr, weil er sich schneller fortbewegt. Warum erwarten wir denn heute, am 24.12., den Sackmann, alias Weihnachtsmann, und nicht Schneeohr? Der Sackmann hat Schneeohr verdrängt, jedenfalls aus der Weihnachtszeit. Denn der Sackmann hat immer pünktlich geliefert, Schneeohr nicht. Dessen Lieferungen fanden nach einem kaum nachvollziehbaren Muster irgendwann zwischen März und April ihre Empfänger. Wer verlässlich liefert, gewinnt.

Warum konnte der Sackmann verlässlich liefern und Schneeohr nicht? Eine Root-Cause-Analyse bringt Klarheit (bei der Root-Cause-Analyse fragt man fünf Mal nach dem Warum, um die ursprüngliche Ursache eines Problems zu identifizieren).

Geschrieben von
Stefan Roock, Henning Wolf und Arne Roock
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