Rocket hui, Rhetorik pfui: Docker antwortet auf CoreOS-Kritik

Hartmut Schlosser
© shutterstock.com/drical

Ein grundlegend unzulängliches Sicherheits- und Kompositionsmodell, ein Verrat der ursprünglichen Docker-Philosophie – mit diesen scharfen Abqualifizierungen der Docker-Technologie hat das CoreOS-Team die Entwicklung ihrer Docker-Alternative Rocket begründet (wir berichteten). Die Reaktion von Docker ließ nicht lange auf sich warten: Im Blog Post INITIAL THOUGHTS ON THE ROCKET ANNOUNCEMENT schildert Docker CEO Ben Golub seine Sicht der Dinge. Das Fazit: Rocket hui, Rhetorik pfui!

Rocket hui, Rhetorik pfui!

Die Präsentation des Projektes Rocket, das derzeit in Version 0.1.0 auf GitHub vorliegt, kam für viele überraschend. CoreOS galt neben Docker Inc. als einer der aktivsten Mitstreiter an der Docker-Technologie und ist bis dato Mitglied des Governance Advisory Board. Dass die Auffassungen, in welche Richtung Docker weiterentwickelt werden soll, zuletzt doch auseinandergingen, macht Docker SEO Ben Golub in seiner Riposte auf die Rocket-Ankündigung deutlich.

Zunächst zählt Golub die in der Tat beeindruckenden Erfolge von Docker seit seiner Lancierung Anfang 2013 auf:

  • Mehr als 700 Committer, davon 95% außerhalb des Docker Inc. Angestelltenkreises
  • Mehr als 65.000 freie „dockerisierte“ Sprachen, Frameworks und Services
  • Ein robustes Ökosystem an Drittpartei-Tools
  • Über 175 Docker Meetup-Gruppen in über 40 Ländern.

Die Botschaft ist also klar: Docker ist längst kein Projekt mehr, das allein von einer einzigen Firma vorangetrieben wird, sondern lebt von einer aktiven Community.

Die zweite Botschaft: Docker ist offen. Sowohl im Sinne von Open Source (Docker wird unter der Apache-2.0-Lizenz entwickelt), als auch im Sinne der Partizipation. Eine offene Governance-Struktur zielt darauf ab, Usern, Anbietern und Entwicklern eine Stimme zu geben, welche Wege Docker zukünftig einschlagen soll.

Dass eine solche Masse an interessierten Parteien indes nicht immer auf einen Nenner zu bringen sind, liegt auf der Hand. Und so interpretiert auch Ben Golub die Kritik des CoreOS-Teams als natürliche Erscheinung im Open-Source-Business: Anforderungen und Zielsetzungen können auseinander gehen, Abspaltungen und Forks sind legitime Mittel.

As Docker is open source, and Apache-based, people are free to use, modify, or adapt Docker for their own purposes. They are free to use Docker as a single container format. They are free to build higher level services that plug in to Docker. And, of course, they are free to promote the notion of an alternative standard, as the folks behind Rocket have chosen to do.

Kritik an CoreOS

Kritik gibt es dennoch an CoreOS: Weder die aggressive Rhetorik, noch der Zeitpunkt der Ankündigung von Rocket direkt vor der DockerCon (4. bis 5. Dezember in Amsterdam) seien angebracht. Auch in der Sache stimmt Docker dem CoreOS Team nicht zu. Schließlich reagiere man auf die Anforderungen der Community, die sich durchaus für eine Erweiterung Dockers hin zu einer Art Plattform ausgesprochen habe. Dazu gehöre:

  1. Multi-container Orchestration, zugänglich über offene APIs.
  2. Keine monolithische, sondern eine flexible Architektur mit Support für Plug-ins.
  3. Jeder soll frei zwischen den gewünschten Services wie Scheduling, Clustering, Logging wählen können – ein Zwang zu den Docker-Varianten dieser Services gibt es nicht.
  4. Portabilität und die Möglichkeit, mit verschiedenen Infrastrukturen zu arbeiten, müssen gewährleistet bleiben.

So lautet also die angedachte Marschroute, die laute Ben Golub die Zustimmung der Community hat:

While Docker continues to define a single container format, it is clear that our users and the vast majority of contributors and vendors want Docker to enable distributed applications consisting of multiple, discrete containers running across multiple hosts.

Kritik an Docker

Doch wurde Kritik an diesen Docker-Plänen wohl auch schon innerhalb des Governance Board laut: Wenn Docker solche Features selbst hinzufügt, bleibe kein Raum mehr für kommerzielle Anbieter dieser Features, fasst Golub selbst die Gegenstimmen zusammen. Sogleich kontert er aber, dass zumindest einige dieser Bedenken von der Zielsetzung getrieben seien, Portabilität zu verhindern und mehr oder minder geschlossene Orchestrierungslösungen für die eigene spezielle Infrastruktur bereit zu stellen.

Im Falle von CoreOS bzw. Rocket kämen noch technische bzw. „philosophische“ Differenzen hinzu, die wohl jetzt zum Bruch geführt haben.

Dass durchaus mehr dran ist an der Docker-Kritik legt Timo Derstappen in unserem Interview: „Die Container-Welt wurde aufgerüttelt“ nahe. Docker habe sich nicht wirklich gut in CoreOS integriert, kommentiert Derstappen. Auch sei der zentrale Daemon von Docker ist ein großes architektonisches Problem. Außerdem tendiere man bei Docker dazu, neue Features zu implementieren, die sich zum Teil sogar überlappen.

Auch Docker Experte Peter Roßbach hält die Kritik-Punkte sachlich für gültig:

Eine weitere Veröffentlichung, die die Definition und die Bereitstellung von Container-Images beschreibt, ist hilfreich. Das Thema ist in der Tat noch nicht befriedigend gelöst. Es gibt mehrere offene Diskussions-Threads über dieses Docker-Thema.

Allerdings sei die Art und Weise der vorgetragenen Kritik unverständlich:

Warum das Team-CoreOS allerdings derartig verbal und frontal eine Platzierung der eigenen Vorstellung vornimmt, ist mir nicht transparent. Hier scheint sich die Firma  in ihrem Geschäftsmodell bedroht zu fühlen.

Die Ideen, eine einfachere Kombinierbarkeit und mehr Sicherheit zu ermöglichen, weitere Wege zur Verteilung von Images bereit zu stellen und für mehr Offenheit zu sorgen, sind indes alle nachvollziehbar und richtig.

Konkurrenz belebt das Geschäft

Wir werden sehen, wie sich das Thema weiter entwickelt. Als User kann man jedenfalls gelassen bleiben: Üblicherweise belebt Konkurrenz das Geschäft. Für die anstehende DockerCon hat CoreOS auf alle Fälle für genügend Diskussionsmaterial gesorgt!  

Übrigens: Das gesamte Interview mit Peter Roßbach – sowie Berichte über die weitere Entwicklung der Docker-Rocket-Debatte – finden Sie in den nächsten Tagen hier auf dem Portal. Stay tuned!

Aufmacherbild: Cargo ship sinking von Shutterstock / Urheberrecht: drical

Geschrieben von
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser ist Redakteur und Online-Koordinator bei Software & Support Media. Seine Spezialgebiete liegen bei Java-Enterprise-Technologien, JavaFX, Eclipse und DevOps. Vor seiner Tätigkeit bei S & S Media studierte er Musik, Informatik, französische Philologie und Ethnologie.
Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.