Die Psychologie großer Refaktorisierungen

Refaktorisierung: Der Kampf im Inneren

Michael Thomas

© Shutterstock.com/Sergey Nivens

Die Refaktorisierung, zentraler Bestandteil der Agilen Softwareentwicklung, dient bekanntermaßen der Verbesserung der Lesbarkeit, Verständlichkeit, Wartbarkeit und Erweiterbarkeit des Code. Eines der größten Hindernisse liegt dabei allerdings nicht in diesem, sondern in uns selbst begründet – behauptet zumindest Ka Wai Cheung, Autor des Buches „The Developer’s Code: What Real Programmers Do“ in einem aktuellen Blogpost.

Da die meisten Systeme während der Refaktorisierung weiterlaufen müssen, verfügt man, so Cheung, in der Regel nicht über den Luxus, alles über den Haufen zu werfen und von Grund auf neu zu schreiben. Vielmehr hat man es meist mit graduellen Änderungen zu tun; dem Ergreifen günstiger Gelegenheiten, um Teile des Systems umzugestalten. Es muss gleichzeitig also sowohl mit altem als auch mit neuem Code jongliert werden – worin Cheung auch die größte Reibungsfläche sieht.

Denn eine große Refaktorisierung ist keine saubere Sache. Man kann nicht einfach wie bei einer Autoreparatur die Werkstatt ein defektes Teil gegen ein neues austauschen lassen. Stattdessen, so Cheung weiter, muss man sich mit einer Myriade von Zwischenlösungen, wie etwa kurzlebigen Methoden und Objekten, herumschlagen. Der Patient, um bei einem Bild von Cheung zu bleiben, muss sozusagen seinem Alltag nachgehen können, während er noch auf dem Operationstisch liegt.

Wie Cheung weiter schreibt, müssen häufig zwei widerstrebende Gegebenheiten unter einen Hut gebracht werden: Die Verbesserung der Codebasis einerseits, der Umstand, dass der Code sich vorübergehend deutlich schlechter anfühlt andererseits. Für Cheung ist dies der vielleicht entscheidende Grund, warum der Refaktorisierungs-Prozess bei vielen ein mulmiges Gefühl auslöst: Kurzfristige, unangenehme Faktoren müssen gegen langfristig gewinnbringende abgewogen werden. Sobald man die dadurch drohende mentale Blockade als solche realisiert und akzeptiert, werden Cheung zufolge auch große Refaktorisierungen um einiges erträglicher.

Aufmacherbild: Young businesswoman fixing gears mechanism with wrencht von Shutterstock / Urheberrecht: Sergey Nivens

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Michael Thomas
Michael Thomas studierte Erziehungswissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und arbeitet seit 2013 als Freelance-Autor bei JAXenter.de. Kontakt: mthomas[at]sandsmedia.com
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