Business Case für Agilität

Rechnet sich der Einsatz von agilen Methoden?

Andreas Ebbert-Karroum und Mirko Novakovic

Agile Methoden wie Scrum [1] oder Kanban [2] etablieren sich zunehmend als Alternative zu klassischen Vorgehensmodellen in der Softwareentwicklung. Ist das alles nur ein großer Hype oder steckt mehr dahinter? Gibt es vielleicht sogar einen echten Business Case? An Hand einer idealisierten Geschichte soll verdeutlicht werden, welche Chancen die Agilität bietet und warum sich ein Umstieg rechnet.

Heute ist ein entscheidender Tag für Frau Schneider. In den letzten Wochen hat die Bereichsleiterin für Vertrieb bei einer großen deutschen Versicherungsgesellschaft viel Zeit investiert. Sie hat ihre Ideen von einer besseren Unterstützung der Agenturen und höheren Kundenbindung mit Vorstand und Kollegen diskutiert. Jetzt hat Sie endlich das benötigte Budget bekommen. Die Zeit drängt. Entscheidend wird auch sein, mit dieser innovativen Idee als erster im Markt zu starten. Jeder Außendienstmitarbeiter soll mit einem iPad ausgestattet werden. Auf diesem soll eine Vertriebssoftware laufen, die neben dem normalen Angebots- und Antragsgeschäft vor allem multimediale Elemente zur Vertriebsunterstützung enthält. Gerade junge Vertriebsmitarbeiter sollen dadurch eine bessere Servicequalität und höhere Abschlussraten erzielen können. Zudem lässt sich über eine dynamisch veränderbare Software auch besser steuern, was und wie verkauft wird. Entscheidende Vorteile in einem hart umkämpften Markt. Außerdem soll es eine direkte Verbindung zwischen Agentursoftware und den Kunden geben. iPhone und das Web 2.0 mit seinen sozialen Netzwerken sollen genutzt werden, um einen Dialog mit dem Kunden herzustellen und Mehrwertdienste anzubieten. So soll die Kundenbindung erhöht und die Cross-Selling-Rate optimiert werden.

„Live“ in sechs Monaten

Nur eine Hürde liegt noch vor Frau Schneider. Aber ein Hürde, über die sie in den letzten Jahren sehr häufig gestolpert ist. Gleich hat sie ein Gespräch mit Herrn Müller, dem Bereichsleiter der Anwendungsentwicklung. Sie muss mit ihm über den Einführungstermin und die Anforderungen der Software sprechen. In sechs Monaten möchte Frau Schneider dem Außendienst eine erste Version der Software inklusive iPad bereitstellen. Parallel dazu soll das neue Kundenportal im Internet und für mobile Plattformen präsentiert werden. Gerade für das Kfz-Versicherungsgeschäft ist es wichtig, pünktlich vor dem Jahresendgeschäft ab Oktober zu veröffentlichen, da ansonsten das Geschäft für ein Jahr gelaufen ist.

Das aktuelle Außendienstsystem ist erst vor einem Jahr produktiv gegangen. Aus den ursprünglich geplanten drei Jahren Projektlaufzeit sind mehr als sechs Jahre geworden. Gesetzliche Änderungen wie die EU-Vermittlerrichtlinie und marktbedingte Produktänderungen hatten zu hohem Änderungsaufwand geführt. Die Mitarbeiter von Frau Schneider hatten zu Beginn des Projekts alle Anforderungen im Detail spezifiziert. Dabei wusste man selbst noch gar nicht genau, wie die neue Anwendung aussehen und funktionieren sollte. Aber die Methodik wollte es so und die IT garantierte dafür Termin und Budget zu halten. Am Ende war man dann im Termin drei Jahre nach hinten gerutscht – trotzdem war der Projektstatus immer „grün“. Wie sollte man jetzt in sechs Monaten eine ganz neue Software bauen?

Geschrieben von
Andreas Ebbert-Karroum und Mirko Novakovic
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