Real World Android: Die erfolgreichste proprietäre Plattform der Welt?

Hartmut Schlosser

Wie offen ist Android? Dass das von Google als Open-Source-Projekt geführte Mobile-Betriebssystem in Wirklichkeit eine proprietäre Plattform sei, wird von Android-Kritikern immer wieder ins Feld geführt. Rückenwind erhalten diese Darstellungen jetzt durch einen Bericht von Harvard Professor Ben Edelman, der im Rahmen einer Untersuchung des Europäischen Kartellamtes Details aus Googles “Mobile Application Distribution Agreement” (MADA) offenlegte.

Demnach verpflichtet das von OEM-Partnern wie Samsung und HTC unterzeichnete MADA die Gerätehersteller dazu, Google Apps wie Maps und YouTube vorzuinstallieren und an prominenter Stelle auf dem UI zu platzieren. Per Default muss die Google-Suche aktiviert sein und der Play Store nicht weiter als ein Wisch vom Homescreen entfernt liegen. Zudem werden Google Services nicht einzeln, sondern stets im Verbund gefordert, sodass beispielsweise bei einer gewünschten Installation von YouTube auf Android auch Google Search und Google Maps mit an Bord sein müssen.

Edelman urteilt nun, dass solche Vereinbarungen Google dabei helfen, Wettbewerber fern zu halten und in neue Markt-Bereiche vorzustoßen. Zwar könnten OEM-Partner zusätzlich andere Apps installieren, doch passiere das in der Praxis selten, da User Experience und Geräte-Ressourcen gegen mehrere Apps für die selbe Funktion sprächen. Insgesamt urteilt Edelman: „These MADA restrictions suppress competition“. Und da Wettbewerb immer auch für bessere und günstigere Lösungen sorge: „These MADA restrictions harm consumers“.

Nun muss man wissen, dass Edelman ein Microsoft-Consultant ist, der sich schon zu früheren Gelegenheiten als Google-Kritiker hervorgetan hat. Dass Microsoft selbst nicht immer gegen Vorwürfe der Wettbewerbsverzerrung gefeit ist, relativiert Edelmans Kritik schnell. Handelt es sich bei Googles Vertragsbestimmungen mit OEM-Partnern nicht um gängige Praxis im hart umkämpften IT- und Mobile-Sektor?

Diese Position vertritt jedenfalls Steven J. Vaughan-Nichols in einem ZDNet-Artikel: Auch wer einen Red Hat PC mit Red Hat Enterprise Linux erwerbe, erwarte schließlich vorinstallierte Red-Hat-spezifische Services wie RHEL OpenStack. Vaughan-Nichols versucht, vier Mythen über Android auszuräumen. Seine Argumente:

  • Android wird nicht durch die Google Services definiert. Zwar hat heute jedes Device seinen präferierten Service-Provider: Microsoft für Windows; Apple für iOS; Google für Android. Doch besteht grundsätzlich Offenheit, sich andere Services auf sein Gerät zu holen (z.B. dank HTML5).
  • Android an sich ist Open Source. Das Android Open Source Project (AOSP) erlaubt es, eigene Versionen von Android zu erstellen. Zwar werden keine frühen Beta-Releases neuer Android-Versionen veröffentlicht, und OEM-Partner erhalten einen privilegierten Einblick auf Developer-Releases. Doch im Vergleich zu Konkurrenten Apple und Windows Phone ist Android als offene Software zu bezeichnen.
  • Das Gerücht, Google erhalte Lizenz-Gebühren für Google Mobile Services, entspreche nicht der Wirklichkeit. 
  • Android ist Linux – auch wenn ein Guardian-Artikel das Gegenteil behauptet.

Wer hat recht im Streit um die Offenheit Androids?

Nun, wir sind geneigt zu sagen: beide! Denn technisch gesehen ist der Android-Quellcode offen, wenn auch das Android Open Source Project nicht immer die Kriterien Richard M. Stallmans für eine „freie Software“ erfüllt. In den Verhandlungen mit OEM-Partnern geht es allerdings weniger um die quelloffene Android-Codebasis, sondern um den Zugang zur Google-Play-Plattform. Wie Joel West auf Seekingalpha.com schön beschreibt, ist diese Play-Plattform durch drei Punkte charakterisiert:

  • Wie Apples OS X oder IBMs WebKit kombiniert die Play-Plattform Open-Source- und proprietäre Elemente.
  • Wie Windows ist die Play-Plattform gegenüber Hardware-Herstellern Lizenz-pflichtig.
  • Wie OS X und Windows monetarisiert Google die Play-Plattform durch proprietäre, geschlossene Anwendungen.

In short, Real World Android is a proprietary platform: proprietary in that it is a mixture of open source and proprietary elements, but the complete platform (including application functionality and access to the Android app ecosystem) requires licensing proprietary technologies under a restrictive proprietary contract. (For a true open source system, the open source license would be enough).

Wenn man – wie Joel West -, diese Play-Plattform als „Real World Android“ bezeichnet, dann sind Aussagen wie „Android ist Open Source“ sicherlich inadäquat, und Google-Verantwortliche täten gut daran, sich nicht als Hüter der Open-Source-Idee in Szene zu setzen. Inwiefern sich „Real World Android“ indes von den Praktiken anderer proprietärer Plattformen unterscheidet, ist eine andere Frage. Letztlich ist Google eine Tech-Company wie jede andere, die ein Maximum an Gewinn aus ihren Technologien und Services ziehen möchte.

Ob Google hiermit bestehendes Wettbewerbsrecht bricht, müssen Gerichte entscheiden. Dem Verbraucher hat es freilich selten geschadet, wenn Monopole gebrochen werden. Doch wird die Diskussion um die „Offenheit Androids“ allzu oft von Sprachrohren der Tech-Giganten geführt, denen es nicht um die Sache, sondern um die politischen Interessen ihrer Brötchengeber zu tun ist, um sich im Mobile-Markt, in dem derzeit ja jeder jeden zu verklagen scheint, eine günstigere Ausgangsposition zu verschaffen.

Wie das Europäische Kartellamt auf die Ausführungen Edelmans reagieren wird, wird mit Spannung zu verfolgen sein. An der Markt-Dominanz Androids wird dies indes nicht viel ändern.

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Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser ist Redakteur und Online-Koordinator bei Software & Support Media. Seine Spezialgebiete liegen bei Java-Enterprise-Technologien, JavaFX, Eclipse und DevOps. Vor seiner Tätigkeit bei S & S Media studierte er Musik, Informatik, französische Philologie und Ethnologie.
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