Reactive Manifesto veröffentlicht: Die neue Schule der Softwareentwicklung

Hartmut Schlosser

Manifeste haben stets eine elektrisierende Wirkung, verbindet man mit ihnen doch den Ausdruck neuer Prinzipien, die meist gegen das Establishment gerichtet sind und nicht selten die Gründung einer Bewegung, einer neuen Schule nach sich ziehen. Allerdings wurden die Manifeste im Bereich der Software-Entwicklung in den letzten Jahren zu einer Art Mode – für jede belanglose Idee fanden sich garantiert Begeisterungsfähige, um ihre Unterschrift unter das Manifestchen X zu setzen.

Zu der potentiell wirkungsmächtigeren Sorte dürfte nun aber ein Manifest zählen, das den Titel „The Reactive Manifesto“ trägt und von Jonas Bonér auf den Weg gebracht wurde. Bonér ist der Java Community bestens als Gründer des Akka-Middleware-Frameworks bekannt. Weitere Mitstreiter am Reactive-Manifest sind u.a. Scala-Erfinder Martin Odersky sowie Erik Meijer, Greg Young, Martin Thompson, Roland Kuhn, James Ward und Guillaume Bort.

Weshalb sehen sich diese Herren nun motiviert, ein neues Manifest zu verkünden?

Bonér schreibt, dass sich die Anforderungen an Anwendungen in den letzten Jahren dramatisch verändert haben. Multicore-Architekturen und Cloud Computing gehören zur Norm, der Anwender erwartet schnelle Reaktionszeiten, einen hohen Durchsatz und allgemeine Verfügbarkeit sowie eine fast lineare Skalierbarkeit. Als Resultat dieser Anforderungsveränderungen müssten Anwendungen heute fundamental anders geschrieben werden, als die meisten Programmierer es gewohnt sind. 

Vier Prinzipien stehen hier im Vordergrund:

  • react to events: Anwendungen sollten Ereignis-getrieben sein.
  • react to load: Der Fokus sollte auf der Skalierbarkeit liegen und nicht auf der Performance für einzelne Anwender.
  • react to failure: Systeme sollten belastbar sein, in dem Sinne, dass Fehler auf allen Ebenen behoben werden können.
  • react to users: Die oben genannten Punkte sind zu kombinieren und mit einer interaktiven User Experience umzusetzen.

Das Manifest beschreibt diese Punkte noch einmal im Detail, bevor es zur Konklusion kommt:

Reactive applications represent a balanced approach to addressing a wide range of contemporary challenges in software development. Building on an event-driven, message-based foundation, they provide the tools needed to ensure scalability and resilience. On top of this they support rich, real-time user interactions. We expect that a rapidly increasing number of systems will follow this blueprint in the years ahead. Reactive Manifesto

Auf dem Typesafe-Blog gibt Bonér weiter an, dass das Manifest auf die Beobachtung reagiert, dass in der jüngsten Vergangenheit verschiedene Technologien relativ unabhängig voneinander entstanden sind, um einzelne Aspekte dieser neuen Anforderungen abzudecken. Um diesen Strömungen ein gemeinsames Vokabular und eine geteilte Vision zu geben, ganz ähnlich wie den „Bewegungen“ NoSQL, Big Data, SOA oder REST, hat man die Öffentlichkeit über das Reactive Manifest gesucht.

Nicht zu übersehen ist natürlich, dass das Unternehmen Typesafe, das ja den Software-Stack bestehend aus Scala, Akka und Play vertritt, maßgeblich für das Manifest verantwortlich zeichnet. Typesafe unterstützt das Manifest, weil das Unternehmen meint, damit die Architektur der Zukunft beschrieben zu haben, schreibt Bonér. Allerdings macht Bonér auch klar, dass man dabei nicht allein an den Typesafe-Stack denkt sondern an eine Reihe von unterschiedlichen Technologien, Communities und Anbieter. Diese ideologisch unter einen Hut zu bringen, und den Prinzipien der reaktiven Anwendungen zum Mainstream zu verhelfen – wie vielleicht heute die agilen Prinzipien der Softwareentwicklung –, ist das Ziel des Reactive Manifestos.

Names matter and hopefully this will help bring the communities together and make it easier for users and vendors to talk about things and understand each other. Jonas Bonér

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Meldung haben 591 Personen das Reactive Manifest unterzeichnet. Wollen Sie es diesen gleichtun, dann haben Sie unter reactivemanifesto.org direkt die Möglichkeit dazu. Übrigens gibt es auch eine Version auf GitHub, die mit der Versionsnummer 1.0 versehen ist. Grund für die Versionierung ist der Wunsch, dass das Manifest kein starres Dokument bleiben, sondern immer weiter verfeinert werden soll. Ihre Beiträge dazu sind also an GitHub zu adressieren.

Und so steht am Schluss der Aufruf von Jonas Bonér an die Java Community:

We need your help. Join us in defining the blueprint for future web and enterprise applications. Go Reactive. Jonas Bonér

Geschrieben von
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser ist Redakteur und Online-Koordinator bei Software & Support Media. Seine Spezialgebiete liegen bei Java-Enterprise-Technologien, JavaFX, Eclipse und DevOps. Vor seiner Tätigkeit bei S & S Media studierte er Musik, Informatik, französische Philologie und Ethnologie.
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