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Interview mit Rainer Stropek

Re-Think Software: Wir stehen vor einem fundamentalen Wandel

Hartmut Schlosser

Rainer Stropek

Provisioning in der Cloud, Continuous Delivery, Container-Technologien, DevOps – warum diese Entwicklungen traditionelle IT-Vorgehensweisen radikal in Frage stellen, haben wir mit DevOpsCon-Speaker Rainer Stropek (software architects) besprochen. Seine Grundaussage: Wer diese Trends nicht ernst nimmt, riskiert, Umsatzpotentiale nicht zu nutzen und Marktanteile zu verlieren.

JAXenter: Unter dem Motto „Re-Think Software“ steht Euer Praxis-Workshop auf der DevOpsCon. Weshalb ist es aus deiner Sicht gerade jetzt notwendig, etablierte Methoden, Technologien und Organisationsweisen der IT zu überdenken?

Rainer Stropek: SaaS bedeutet einen fundamentalen Wandel in der Art und Weise, wie Softwarehersteller Produkte anbieten und Kunden diese nutzen. Die Herausforderung, IT-Infrastruktur aufzubauen und professionell zu betreiben, wird nicht mehr dem Kunden zugeschoben. Der Hersteller nimmt diese Verantwortung auf sich.

Auf den ersten Blick erscheint diese Verschiebung nicht so dramatisch. Es sollte doch eigentlich egal sein, ob Software da oder dort betrieben wird. Beschäftigt man sich aber näher mit dem Thema, erkennt man, dass eine der Chancen durch die veränderte Aufgabenverteilung die Nutzung von Economy-of-Scale-Potentialen ist. Im Gegensatz zum Endkunden betreibt der SaaS-Anbieter die Hard- und Softwareinfrastruktur nicht für eine Organisation sondern für dutzende, vielleicht sogar hunderte oder tausende. Dadurch wird ein vollkommen anderes Niveau an Professionalisierung und Automatisierung möglich und notwendig. Die Grenzkosten pro Kunde für den Betrieb einer Software sinken – eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten.

Die großen Cloud-Plattformen wie Microsoft Azure oder Amazon AWS sind für SaaS-Anbieter eine optimale Grundlage, damit man sich auf die eigene Software konzentrieren kann, statt sich Gedanken um Hardware, Netzwerk, Stromversorgung, Betriebssystem, Storage-System etc. machen zu müssen. Auch hier regiert Economy of Scale: Microsoft kann z.B. tausende SQL Server Cluster effizienter betreiben und besser schützen als jeder Endkunde oder mittelständige Rechenzentrumsanbieter.

SaaS auf der Kundenseite und Cloud-Plattformen auf der Anbieterseite verändern die Aufgaben von IT-Abteilungen von Grund auf. Um von den neuen Umsatzpotentialen und dem vorhandenen Kosteneinsparungspotential zu profitieren, müssen Anbieter und Endkunden Wissen über Cloud, SaaS und die damit verbundenen Prozessveränderungen aufbauen. Genau diesem Informationsbedarf wollen wir in unserem DevOpsCon Workshop nachkommen.

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JAXenter: Auf der einen Seite steht also die Cloud – die es aber ja mindestens seit 10 Jahren gibt. Sind Cloud-Technologien immer noch nicht in den Unternehmen angekommen?

Rainer Stropek: Ich nehme am Markt große Unterschiede war. Für neu gegründete Unternehmen, die SaaS quasi in ihren „Genen“ haben, liegt die Cloud auf der Hand. Alles andere wäre für die meisten kaum finanzierbar.

Anders sieht es speziell in Europa bei größeren, eingesessenen Unternehmen aus. SaaS und Cloud zwingen zu Veränderung, und die wird nicht überall gerne gesehen. Nachteile, die die Cloud ohne Zweifel auch hat, werden aufgebauscht und als Scheinargumente vorgeschoben, um Änderungen zu verhindern und bestehende Machtbereiche zu verteidigen. Manchmal passiert dieser Prozess auch unbewusst, da in vielen Unternehmen fundiertes Wissen fehlt und das Bauchgefühl regiert.

Man kann diese Aussagen aber nicht pauschalieren. Ich habe schon große Firmen kennengelernt, in denen das Potential der Cloud erkannt worden ist. Üblicherweise findet dort ein Segmentierungsprozess statt, bei dem die IT-Landschaft nach dem Grad der Cloud-Eignung strukturiert wird. Anschließend wird bei Systemen, bei denen die Cloud am einfachsten und schnellsten Vorteile bringen kann, mit Veränderungen begonnen. Auf diese Weise sammelt man Erfahrung und profitiert von „Quick Wins“.

JAXenter: Relativ neu sind sicherlich die Container-Technologien, die v.a. mit dem Erfolg von Docker Aufschwung erhalten haben. Welche Chancen bieten Docker & Co.?

Rainer Stropek: Die Cloud kann die Regeln der Physik nicht außer Kraft setzen. Will man ein Rechenzentrum im großen Stil betreiben, sind Dinge wie Gebäude, Kühlung oder Stromversorgung limitierende Faktoren und Kostentreiber. Natürlich will man daher die vorhandene Rechenleistung so gut wie möglich nutzen. Ungenützte oder verschwendete Ressourcen sind zu vermeiden.

Containertechnologie hilft dabei, vorhandene Serverressourcen besser zu nutzen. Container können schnell gestartet und gestoppt werden. Man kann daher das Leistungsangebot leichter an schwankenden Bedarf anpassen. Container bieten darüber hinaus ähnliche Möglichkeiten zur Anwendungsisolation wie klassische virtuelle Maschinen. Sie brauchen dabei jedoch nur einen Bruchteil der Ressourcen.

Die Leichtgewichtigkeit von Containern gegenüber physischen Servern oder virtuellen Maschinen ermöglicht schließlich ganz neue Systemarchitekturen. Ein Server ist keine rare Ressource mehr. Ganz im Gegenteil, aus vielen, lose gekoppelten Einheiten („Microservices“) bestehende Systeme ermöglichen es erst, die Power von Containertechnologie so richtig auszunutzen. Richtig gemacht, werden solche Systeme leichter zu skalieren und zu warten.

Alles in allem sind Container ein Gewinn für alle Beteiligten: Cloud-Anbieter können die Ressourcen besser nutzen. SaaS-Anbieter reduzieren Kosten durch leichtere Anpassung der reservierten Ressourcen an den tatsächlichen Bedarf. Softwarearchitekten bekommen neue Möglichkeiten, besser zu warten und zu skalierende Systeme zu entwerfen.

JAXenter: Nun geht es bei DevOps auch darum, eine neue Unternehmenskultur zu schaffen, in der Development und Operations zusammengedacht werden. Kannst du hier Herangehensweisen aus deiner Erfahrung schildern, wie solch ein Transformationsprozess hin zu DevOps angegangen werden kann?

Rainer Stropek: Die wichtigste Änderung passiert im Kopf. Statt Trennung steht Zusammenarbeit im Vordergrund. Statt Abgrenzung von Entwicklung und Betrieb sollte man Teams bewusst durchmischen. „You build it, you run it“ ist das Motto in modernen DevOps Teams. Entwicklerinnen und Entwickler haben dadurch eine ganz natürliche Motivation, gute Software zu schreiben, da sie nur so ungeliebte Notfälle mitten in der Nacht vermeiden können. Administratoren sind von Anfang an in den Entwicklungsprozess eingebunden und sorgen dafür, dass die Software effizient und kostengünstig zu betreiben ist.

Die Auflösung von Grenzen bedeutet auch, dass Projektbeteiligte neue Fähigkeiten erlernen müssen. Moderne Administratorinnen sind zu einem hohen Grad Softwareentwicklerinnen. Statt C# oder JavaScript heißen ihre Programmiersprachen zum Beispiel PowerShell oder Bash. Entwickler müssen auf der anderen Seite ein Grundverständnis für den Betrieb von Software in der Cloud aufbauen. Nur so können sie Strukturen schaffen, die sich für das gewählte Zielsystem in der Cloud eignen. Alle gemeinsam streben ein hochgradig automatisiertes System an, damit man in der täglichen Arbeit möglichst wenig Routinearbeit zu erledigen hat sondern sich auf das Schaffen von Kundennutzen konzentrieren kann.

JAXenter: Was verpasst der, der die neuen Signale – Entwicklung & Provisioning in der Cloud, Continuous Delivery, DevOps, etc. – nicht ernst nimmt?

Rainer Stropek: Ohne diese Dinge ist erfolgreiches SaaS in größerem Stil nicht möglich. Man wird mit Konkurrenten, die SaaS anbieten, zu kämpfen haben. Es besteht die Gefahr, Umsatzpotentiale nicht zu nutzen und Marktanteile zu verlieren.

Auf der Kostenseite verzichtet man auf Skaleneffekte. Kunden haben schon vor Jahren verstanden, dass Softwarekosten sich nicht auf Lizenzpreise reduzieren, sondern man die gesamten Kosten inklusive Betrieb und Wartung einkalkulieren muss. Firmen, die Cloud, Automatisierung, Container, DevOps & Co verinnerlichen, können ein wesentlich besseres Preis/Leistungsverhältnis bieten und sind daher konkurrenzfähiger.

JAXenter: Vielen Dank für dieses Interview!

Rainer Stropek ist seit über zwanzig Jahren als Unternehmer in der IT-Industrie tätig. Er gründete und führte in dieser Zeit mehrere IT-Dienstleistungsunternehmen und entwickelt im Augenblick in seiner Firma “software architects” mit seinem Team die preisgekrönte Software “time cockpit”. Rainer hat Abschlüsse an der Höheren Technischen Schule für MIS, Leonding (AT) sowie der University of Derby (UK). Er ist Autor mehrerer Fachbücher und Artikel in Magazinen im Umfeld von Microsoft .NET und C#. Seine technischen Schwerpunkte sind C# und das .NET Framework, Web-Entwicklung, XAML/WinRT/WPF/Silverlight, die Windows-Azure-Plattform sowie SQL Server.
Geschrieben von
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser ist Redakteur und Online-Koordinator bei Software & Support Media. Seine Spezialgebiete liegen bei Java-Enterprise-Technologien, JavaFX, Eclipse und DevOps. Vor seiner Tätigkeit bei S & S Media studierte er Musik, Informatik, französische Philologie und Ethnologie.
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