"Open Source verinnerlicht demokratische Grundprinzipien"

Claudia Fröhling

Der eGovernment Day auf der JAX 2010 beschäftigt sich mit Strategien und Technologien, mit denen sich IT-Prozesse in Ministerien, Behörden und Verwaltungen modernisieren und effizienter gestalten lassen. Wir sprachen mit dem Moderator des Tages, Thomas Biskup, über Open Source in der Verwaltung und wie agil Behörden sein können.

JAXenter: Ein Special Day, der sich mit den Themen eGovernment und ″Bürger 2.0″ beschäftigt, kommt an Stichworten wie SAGA nicht vorbei. Was steht hinter diesem Standard?

Thomas Biskup: SAGA ist ein Dokument, in dem durch den Bund Architekturen, Methoden und Technologien für moderne eGovernment-Anwendungen vereinheitlicht werden. Die Idee hinter dem Standard ist ebenso einfach wie sinnvoll: Durch vereinheitlichte Strukturen und Vorgehensmodelle für IT-Systeme werden einerseits Angebote in Ausschreibungen vergleichbarer und somit können Einsparungen einfacher erzielt werden. Zum anderen wird durch diese Form der Vereinheitlichung erreicht, dass auch die Wartung und Weiterentwicklung von Systemen erleichtert wird, da man auf einer allgemeineren technologischen Basis aufsetzen kann.

Das ″Problem″ an SAGA in der aktuellen Version 4.0 ist, dass es sich trotz des Namens um keinen Standard, sondern eher um eine Empfehlung handelt. Bislang ist SAGA nur für vergleichsweise wenige Systeme verbindlich, so dass der gewünschte Nutzen nur sehr begrenzt realisiert wird. Hier sollen sich aber Änderungen mit der für dieses Jahr angekündigten Version 5 von SAGA ergeben, die nach Aussage der SAGA-Verantwortlichen für alle IT-Systeme des Bundes und auch für viele Landessysteme mit Schnittstellen zu Bundessystemen deutlich verbindlicher wird.

Die Herausforderung ist hier, die Voraussetzungen für einen effektiven und flächendeckenden Einsatz von SAGA zu schaffen, denn SAGA ist sehr komplex. Es gibt eine ganze Reihe solcher Themen in SAGA, so dass sowohl Anbieter von Soft- und Hareware als auch ausschreibende öffentliche Institutionen hier eine Menge Arbeit zu leisten haben – denn es ist nicht gestattet, per se eine SAGA-Konformität für Projekte zu fordern.

JAXenter: Open Source ist eine wichtige Alternative für eGovernment-Lösungen, ein Ansatz ist dabei OpenSAGA. Was steckt dahinter?

Thomas Biskup: OpenSAGA zielt exakt auf die zuvor skizzierte Problematik ab: SAGA existiert zwar als Empfehlung bzw. Richtlinie, es gibt aber ansonsten keine strategische Unterstützung für technischen Fragestellungen. Daher haben wir OpenSAGA als Open-Source-Plattform und -Initiative angestoßen, um die technischen Voraussetzungen zu schaffen, SAGA-konforme Anwendungen wesentlich leichter entwickeln zu können. Die Komponenten in OpenSAGA berücksichtigen viele dieser Vorgaben. Technisch gesehen ist OpenSAGA gegenwärtig eine modellbasierte, deklarative und Java-basierte Plattform zur Generierung von prozessorientierten und formularbasierten Webanwendungen und Portalen – und zwar unter besonderer Berücksichtigung der Anforderungen der öffentlichen Verwaltung.

Es ergeben sich zwei weitere Vorteile: Viele der von SAGA eingeforderten und in OpenSAGA umgesetzten Standards sind äußerst relevant auch für kleinere Projekte. So ist z.B. die BITV zur Umsetzung von barrierefreien Anwendungen verbindlich. Und Barrierefreiheit – gerade wenn auch die Funktionsfähigkeit von Webanwendungen ohne Javascript gefordert wird – ist eine technisch äußerst komplexe und damit sehr kostspielige Anforderung, die immer wieder zu hohen und unerwarteten Mehraufwenden in Projekten führt. Hier bietet OpenSAGA bereits „out of the box“ barrierefreie Komponenten, die diese Anforderungen umsetzen, ohne dass Entwickler sich überhaupt damit beschäftigen müssen. Zudem sind die Modelle in OpenSAGA weitgehend technologieneutral, so dass Einarbeitungs- und Migrationsaufwände in Projekten deutlich reduziert werden können.

Zusammenfassend kann man also sagen, dass OpenSAGA eine auf eGovernment-Anwendungen und Bedürfnisse der öffentlichen Verwaltung optimierte Java-Webplattform ist. Das ist auch der Grund, warum eine weitere Webplattform in der Java-Welt sinnvoll ist, da sich bislang niemand ausreichend für diese komplexe technische Materie verantwortlich zu fühlen scheint. Hier sehen wir unsere wichtige Aufgabe.

JAXenter: Vor ein paar Wochen gab es eine heiße Diskussion zum Thema Open-Source-Nutzung von Regierungen. Was sagen Sie dazu, wenn Regierungen vorgeworfen wird, durch den Einsatz von Open Source Software den amerikanischen Prinzipien freier Markwirtschaft zu schaden?

Thomas Biskup: Ich halte das für ausgemachten Unsinn, hinter dem sehr spezifische und gar nicht so freie Gedanken stehen. Warum sollte Open Source schlechter für eine Wirtschaft sein als proprietäre und ggf. sogar monopolistische Software? Zumal Open Source auf gewisse Weise demokratische Grundprinzipien verinnerlicht.

Da darf man nicht zu blauäugig sein: hier wird mit harten Bandagen knallhart um die Kontrolle von Märkten gerungen und gerade diejenigen, die zunehmend unter Druck geraten, neigen naturgemäß zu lauten und nicht immer stichhaltigen Argumenten.

Meines Erachtens müssen gleiche Voraussetzungen für alle geschaffen werden. für Open Source wie proprietäre Systeme. Dann ist es an den Kunden, anhand des Nutzens zu entscheiden. Das ist offen und fair.

JAXenter: Eine Session wird sich mit dem Thema beschäftigen, wie agile Methoden in Großprojekten der öffentlichen Hand funktionieren können. Wie passen Agilität und Behörde zusammen?

Thomas Biskup: Meines Erachtens extrem gut. Ohne der Session vorausgreifen zu wollen, ist die schwierigste Herausforderung vermutlich, dass Behörden von einem sehr starken Organisationsprinzip geprägt sind und ein gewisses Misstrauen gegenüber Ansätzen aufbringen, die von diesem Organisationsprinzip abweichen, Grenzen aufbrechen und insbesondere direkte und unmittelbare Kommunikation zu zentralen Prinzipien eines Ansatzes machen. Hat man aber die Chance aufzuzeigen, dass die Chancen und Rationalisierungspotenziale agiler Vorgehensweisen die realen oder vermeintlichen Risiken deutlich übertreffen, so bieten sich hier enorme Nutzpotenziale.

Wir sind sehr froh darüber, erfahrene Verfechter des agilen Lagers seitens OPITZ CONSULTING gewonnen zu haben, die anhand eines konkreten Großprojektes über den erfolgreichen Einsatz agiler Methoden in Behördenprojekten berichten werden. Das wird ein sehr spannender Vortrag und wir hoffen, dass viele Behördenvertreter diese Chance nutzen und wichtigen Erfahrungswerte mit nach Hause nehmen können.

JAXenter: Was sind für Sie als Moderator des eGovernment Days die Highlights des Special Days und an welche Zielgruppe wollen Sie sich wenden?

Thomas Biskup: Der eGovernment Day richtet sich sowohl an IT-Entscheider, Architekten und Projektleiter wie auch an Entwickler in Projekten der öffentlichen Verwaltung – sowohl von Dienstleister- als auch von Behördenseite. Wir haben bewusst Wert darauf gelegt, Vorträge anzubieten, die anhand wichtiger und äußerst zentraler Themen die Standpunkte und Interessen sowohl von Behörden als auch von IT-Dienstleistern thematisieren und vor allem auch für beide Seiten wichtige Erfahrungswerte und Hinweise enthalten. Wir hoffen dadurch auf spannende Diskussionen und Dialoge, denn ein konstruktiver Erfahrungsaustausch ist für mich einer der zentralen Werte solcher Kompaktveranstaltungen wie des eGovernment Days, aber auch der JAX. Ein Mehr an bedeutsamen Erfahrungen in kürzerer Zeit kann man kaum erhalten.

Entsprechend freue ich mich auch auf jeden einzelnen Vortrag und habe keinen Favoriten. Ich habe im Vorfeld ausführlich mit allen Rednern gesprochen und kann nur unterstreichen, dass wir wirklich sehr hochkarätige und spannende Themen und Referenten aufbieten!

Dr. Thomas Biskup verantwortet als geschäftsführender Gesellschafter der QuinScape GmbH den Bereich „Enterprise Solutions“. Er arbeitet seit mehr als zehn Jahren als Berater, Trainer und Senior Architect in den Bereichen Agiles Requirements Engineering, objektorientierte Methoden, SOA und Model-driven Software Development (MDSD) in verschiedensten Branchen (u.a. Chemie, öffentliche Verwaltung, Logistik) und ist als Kurs- und Buchautor, Verfasser zahlreicher Publikationen in Magazinen und in wissenschaftlichen Veröffentlichungen (Schwerpunkte sind Themen wie Spring, Domain-driven Design, SOA, Semantic Web und Model-driven Software Development) und als Sprecher auf verschiedenen Konferenzen aktiv.

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Claudia Fröhling
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