Der Agile Day der JAX 2015

Quo Vadis – Homo Agile?

Hartmut Schlosser, Kypriani Sinaris, Moritz Hoffmann

Mirko Schrempp moderiert den Agile Day auf der JAX 2015

Scheiternde Software-Projekte verursachen Jahr für Jahr Kosten in Milliarden-Höhe. Laut dem berühmt-berüchtigten Chaos Report der Standish Group wurden 2012 über 25% aller Software-Projekte eingestellt, noch bevor sie überhaupt in Produktion gingen – weitere 50% überzogen das Budget um mehr als das Doppelte. Wer oder was ist Schuld daran? Die Entwickler, die Manager, die Umstände?

Hält man sich die Ergebnisse des allerersten Chaos Reports aus dem Jahr 1998 vor Augen, könnte man in der Tat meinen, die einzige Konstante in der Software-Entwicklung sei das Scheitern: Damals lag die Quote der eingestellten Projekte nämlich mit ca. 30% auf fast demselben Niveau. Hat die Kunst der Software-Entwicklung in den letzten 15 Jahren also keine Fortschritte gemacht, könnte man sich da fragen?

Eine besondere Wendung erhält das Problem indes, wenn man bedenkt, dass das Jahr 2001 eigentlich eine Zäsur darstellen sollte: 2001 wurde das Manifest der agilen Softwareentwicklung veröffentlicht, an das sich bekanntlich eine ganze Bewegung anschloss, die sich just die Verbesserung der Entwicklungsprozesse in Software-Projekten auf die Fahnen geschrieben hatte.

Die eigentliche Frage lautet dann also wohl: Wenn die Projekte nach wie vor scheitern, ist damit nicht auch der Beweis erbracht, dass Agile gescheitert ist? Oder weniger plakativ ausgedrückt: Weshalb entfaltet die agile Software-Entwicklung nicht (immer) die Wirkung, die sie verheißt?

Auf dem Agile Day der JAX 2015 begeben wir uns auf Spurensuche.

Schritt für Schritt zum Ziel

Die acht Sprecher des Agile Day behandelten das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln – kamen aber immer wieder auf zwei Grundthesen zurück:

1. Soll Agilität eingeführt werden, so geht das selten in einem großen Wurf, sondern in vielen kleinen, inkrementellen Schritten.

2. Wichtig ist nicht die Industrie, die sich mittlerweile um das Thema Agile gebildet hat. Wichtig sind die agilen Werte, die in einem gemeinsamen Mindset zum Leben erweckt werden müssen.

Agil werden – aber wie?

So startete Judith Andresen (Beratung Judith Andresen) mit einem Blick auf das „Agil-Werden“, also auf den Weg hin zur Agilität mitsamt seinen Hindernissen, die sich angehenden Agilisten entgegenstellen. Laut Andresen scheitern viele schon an einem klaren Verständnis darüber, was genau mit Agilität erreicht werden soll. Bei blinder Agilität, bei der das Projektziel im Laufe der Transition verloren geht, wird in letzter Konsequenz die Methode selbst zum Ziel.

Zweitens gilt es den jeweiligen Problemrahmen zu klären – Andresen nennt dies „Habitat.“ Haben wir es mit einem „komplexen“ Problem zu tun, in dem der Zielraum nicht exakt absteckbar ist, etliche Unbekannte im Prozess involviert sind und weder Risiken noch Ablauf von vorneherein vorhersehbar sind? Oder ist das Problem lediglich „kompliziert“, d.h. zwar nicht einfach zu lösen, aber doch klar umrissen?

„Passen Aufgabe, Habitat und Methode nicht zusammen, kommt das Projekt ins Schlingern“, lautete Andresens Grundaussage.

Aus Zielraum und Habitat lassen sich dann Projektvorgaben ableiten und erste Projektschritte definieren. Doch rät Andresen zur Zurückhaltung: „Wir wollen zu viel.“ Anstatt alles auf einmal zu etablieren, sei es zielführender, Änderungen nur Schritt für Schritt einzuführen.

Agile Day3Judith Andresen: Agil werden

Rückenwind aus der Praxis

Haben wir uns bei Judith Andresen das theoretische Rüstzeug geholt, um den Weg zur Agilität erfolgreich zu begehen, erhielten wir im Vortag „Aus Klassisch wird Agil“ von Heiko Paoli (Opitz Consulting) die Bestätigung aus der Praxis. Eindrucksvoll demonstrierte Paoli, wie es in einem realen Projekt gelingen konnte, klassische Projektstrukturen aufzubrechen und eine Legacy-Anwendung wieder auf (agilen) Kurs zu bringen.

Der Trick: Auch hier wurden kleine, funktionierende Rituale eingeführt, die dem Team sowohl das Selbstvertrauen zurückgeben konnten als auch den Spaß am Entwickeln. Dabei wurde der Begriff „agil“ erst verwendet, als es kein Zurück mehr gab. Denn lange Diskussionen über die Aufgaben des Product Owners oder Scrum Masters sind nicht immer fruchtbar, so Paoli.

Viel wichtiger ist die Kommunikation zwischen Teams und Teammitgliedern, viel wichtiger sind die agilen Werte.

IMG_20150420_104140Heiko Paoli: Aus Klassisch wird Agil

Agilität als Erfolgsfaktor

“Late Changes are expensive“. Diesem Satz von Barry Boehm gab Carola Lilienthal (WPS – Workplace Solutions GmbH) in ihrem Talk „Große Ziele, kleine Schritte“ eine kleine, aber entscheidende Wendung: Nicht die späte Änderung, sondern das späte Feedback führt zu hohen Kosten.

Die Konsequenz daraus zieht agile Softwareentwicklung: Entscheidend ist es, für jede Entwicklungsiteration eine vollständige Abnahme durchzuführen – durch Tester, durch Anwender, durch Kunden. Erst die Etablierung kurzer Feedbackzyklen vermeidet es, dass Fehler spät im Prozess entdeckt werden – zu spät, wenn sich bereits etliche Abhängigkeiten um die fehlerhafte Komponente ranken.

Mit dieser Empfehlung plädiert Lilienthal auch für Durchhaltevermögen. Der frühzeitige Abbruch einer Transition zur Agilität aufgrund von Startschwierigkeiten hat in aller Regel weitaus mehr negative Konsequenzen für ein Projekt als ein wenig Geduld und ein kurzzeitiges Tief.

Denn es kann durchaus vorkommen, dass es um die Kunden-Zufriedenheit in agilen Projekten zunächst nicht gut bestellt ist. Die ersten Versionen, die der Kunde von seinem georderten Produkt zu sehen bekommt, sind nämlich typischerweise weit vom gewünschten Endprodukt entfernt. Und weshalb überhaupt soll ich als Kunde selbst Ressourcen für den Entwicklungsprozess abstellen – Feedback geben, Testen, ständiges Besprechen? Langfristig stellt man so aber sicher, dass ein Projekt in die vom Kunden gewünschte Richtung geht, was die Zufriedenheitskurve stetig nach oben anwachsen lässt – während sich in klassischen Projekten Ernüchterung bis Empörung breit macht, wenn dem Kunden zum Release-Termin das „fertige“ aber so nicht gewünschte Produkt überreicht wird.

Agil planen – ein Widerspruch?

Ein agiler Dauerbrenner behandelte Frank Düsterbeck (HEC GmbH) in seiner Session „Planlos mit Plan“: das Planen und Schätzen in Projekten. Das Dilemma: Software-Projekte sind typischerweise komplex – lassen sich also bestenfalls nach einigen Iterationen einigermaßen schätzen. Doch will der Kunde meist gleich einen Preis und Zeitplan sehen. Was tun?

Offen kommunizieren – auch Düsterbeck verwendet diese auf dem Agile Day oft gehörte Devise. Man muss den Kunden verständlich machen, dass Softwareprojekte nicht so linear und vorhersagbar wie die Konstruktion eines Autos sind.

Fatal ist es nun aber, auf die Komplexität von Software-Entwicklung mit komplexen Lösungen zu reagieren. Agilität muss es vielmehr darum gehen, Komplexität zu reduzieren und einfache Lösungen zu finden.

Statt alle Kundenanforderungen auf einen Schlag umsetzen zu wollen, macht es deshalb mehr Sinn, zunächst eine erste Minimalversion zu bauen, das „minimal viable product“ oder das „laufende Skelett“, wie Düsterbeck das nennt. Im Kommunikationsprozess mit dem Kunden kann dann herausgefunden werden, was dem Kunden wirklich wichtig ist und wie genau dem Skelett das Fleisch um die Knochen gelegt werden soll.

Fazit: Agile bedeutet nicht, weniger planen, sondern kontinuierlich – und damit deutlich mehr – planen!

Agile Day2

Frank Düsterbeck: Planlos mit Plan

(Fr)agile Werte

Stefan Rudnitzki und Oliver Paegelow (Hypoport AG) beschäftigten sich in ihrer Session „(Fr)agile Werte“ mit agilen Werten zwischen Friseurbesuch und der Großbaustelle des Berliner Flughafens. Sie sind überzeugt, dass Agilität nur dann verinnerlicht werden kann, wenn der Weg zur Agilität nicht nur rational sondern auch auf einer emotionalen Ebene angegangen wird.

Offenheit, Selbstkritik, Verantwortungsbewusstsein, Begeisterung und Neugierde gehören zur agilen Haltung und sind weit wichtiger als Tools, die Erarbeitung von Plänen und deren Umsetzung. Für Agilisten muss immer klar sein: „Kommunikation ist nichts Banales.“ Und trotzdem: Kommunizierende Menschen plus Tools ergeben noch lange keine agile Organisation. „Agile“ – mittlerweile längst zur Marke einer eigenen Aussage-Industrie geworden – sei weder eine Revolution von unten, noch eine bloße Managementdirektive. Vielmehr gehe es um begeisterte, agil arbeitende Menschen in Unternehmen, die entsprechende Rahmenbedingungen bieten. Neben Soft-Skills-Schulungen, Motivation, Ausdauer, Vertrauen und Teamwork gehört für Rudnitzki und Paegelow auch eine ordentliche Portion Respekt dazu.

Agile Day1Stefan Rudnitzki und Oliver Paegelow: (Fr)Agile Werte

Wie viel Agilität verträgt Ihr Unternehmen?

„Findet einen Sponsor in der Geschäftsleitung, der Prozesse unterstützt“, raten Thomas Wittpahl und Dirk von der Weiden (Cognizant Technology Solutions GmbH). Sie stellten im Rahmen ihrer Session „Von agilen Placebos und Blockbustern – oder wie viel Agilität verträgt ihre Organisation?“ ein hybrides Modell vor, welches zum Teil aus agilen Elementen, aber auch aus dem klassischen Wasserfallmodell besteht. Klassische Linien oder Matrix-Organisationen mit oft ebenso klassischen Budget-Prozessen können also auch das Thema Agilität aufgreifen.

Die Frage ist nur, wie man die Elemente zusammenführt. Dafür muss nicht nur die Kommunikation zwischen den einzelnen Teams verbessert werden, auch die Kenntnisse der einzelnen Teams sollten über ihren Arbeitsbereich hinausgehen: Es ist nur von Vorteil, wenn auch ein Product Owner mit den technischen Aufgaben des Entwicklerteams vertraut ist. Eine Verknüpfung von Agilität und klassischen Modellen kann ein Zwischenschritt auf dem Weg zum Ziel sein: Vermeintliche Placebos, wie „in der Krise auf Scrum umstellen“ oder „Scrum hilft immer“ können laut Wittpahl und von der Weiden vermieden werden, sodass sogenannte „Blockbuster“ mehr Aufmerksamkeit bekommen können: die Förderung des kulturellen Wandels, die Aufstellung homogener, stabiler Teams, das Commitment der Management-Abteilung.

IMG_20150420_150926Thomas Wittpahl und Dirk von der Weiden: Von agilen Placebos und Blockbustern

Fazit: Quo Vadis, Homo Agile?

Auch wenn Dave Thomas, einer der Mitbegründer des Agilen Manifests, im letzten Jahr den „Tod von Agile“ verkündete, so ist der Erfolg der agilen Bewegung nicht von der Hand zu weisen. Was Thomas kritisierte, war damals die Agile-Industrie mit seinen Zertifikaten, heilsversprechenden Tools und oberflächlichen Wochenend-Crashkursen. „Agile is an attitude“, schrieb Dave Thomas – was von den Sprechern des Agile Days durchgehend bestätigt wurde: Es sind die agilen Werte, die eine Veränderung bewirken, die erhöhte Kommunikationsbereitschaft, Offenheit und Selbstreflektion.

Auch wenn der oben genannte Chaos Report der Standish Group agilen Projekten grundsätzlich eine höhere Erfolgschance verspricht: Agilität kann man im Grunde genommen nicht in Zahlen messen. Stefan Rudnitzki drückte das im abschließenden Panel deutlich aus: „Agilität geht es immer auch darum, den Arbeiter nicht als Objekt einer reinen Ressourcen-Planung zu sehen“. Agilität stellt den Menschen mit seinen Bedürfnissen, Stärken und Schwächen in den Fokus.

Und so schließen wir diesen Bericht mit einem Beispiel von Frank Düsterbeck: Menschen können komplexe Sachverhalte nur sehr schwer schätzen? Dann lass es uns mit einem agilen Planning-Poker versuchen, denn eines können die Menschen wahrlich hervorragend: spielen!

Dass der Homo ludens auch noch mehr Spaß hat als der reine Homo faber, kommt uns da nur entgegen!

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Geschrieben von
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Content-Stratege, IT-Redakteur, Storyteller – als Online-Teamlead bei S&S Media ist Hartmut Schlosser immer auf der Suche nach der Geschichte hinter der News. SEO und KPIs isst er zum Frühstück. Satt machen ihn kreative Aktionen, die den Leser bewegen. @hschlosser
Kypriani Sinaris
Kypriani Sinaris
Kypriani Sinaris studierte Kognitive Linguistik an der Goethe Universität Frankfurt am Main. Seit 2015 ist sie Redakteurin bei JAXenter und dem Java Magazin.
Moritz Hoffmann
Moritz Hoffmann
Moritz Hoffmann hat an der Goethe Universität Soziologie sowie Buch- und Medienpraxis studiert. Er lebt seit acht Jahren in Frankfurt am Main und arbeitet in der Redaktion von Software und Support Media.
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