Quo vadis Eclipse? - JAXenter


Zur Situation des Eclipse-Ökosystems und der Eclipse Foundation

Quo vadis Eclipse?

Sebastian Meyen, Hartmut Schlosser

Wir schreiben das Jahr 2004. Das 50 Unternehmen starke, bisher IBM-dominierte Industriekonsortium zur Förderung der Eclipse-Plattform wird in die „anbieterneutrale“ Eclipse Foundation überführt. Die Foundation soll u.a. das Ziel weiterverfolgen, Eclipse zur weltweit führenden Java-Entwicklungsplattform zu machen. Tatsächlich darf diese Zielvorgabe bis heute als erreicht gelten, und die Arbeit der Eclipse Foundation damit als überaus erfolgreich. Gleichwohl laufen der Foundation derzeit die Mitgliedsunternehmen davon und die Community diskutiert, warum das so ist. Das aktuelle Eclipse Magazin 4.10 nimmt deshalb in seinem Titelthema „Quo vadis Eclipse?“ eine kritische Bestandsaufnahme der Situation des Eclipse-Ökosystems und der Eclipse Foundation vor. Auf JAXenter geben wir eine knappe Zusammenfassung der kritischen Thesen und laden alle Parteien zum konstruktiven Dialog über die Zukunft von Eclipse ein!

Die Eclipse Foundation kann mit Stolz auf eine beispiellose Erfolgsgeschichte verweisen. Im Jahre 2004 gegründet, hat sie es geschafft, sich ein hervorragendes Standing in der IT-Industrie aufzubauen – und genießt dabei sowohl bei den Open-Source-Entwicklern als auch den Mitgliedsfirmen ein hohes Ansehen. Es gibt nur wenige Beispiele in der Branche, wo es gelungen ist, den schwierigen Spagat zwischen Community- und Business-Orientierung auszuhalten, ohne dabei auf einer der beiden Seiten seine Glaubwürdigkeit zu verlieren. Nicht umsonst wird die Eclipse Foundation immer wieder als Modell für einen künftigen Java Community Process (JCP) ins Spiel gebracht, über dessen Zukunft aktuell nur spekuliert werden kann. Um Vertrauen in der Java-Community herzustellen, aber auch um eine langfristige Basis für die gesamte Java-Industrie zu schaffen, wäre es vorteilhaft, wenn sich auch Oracle beherzt dazu entschlösse, das Management von Java an eine unabhängige Foundation zu übergeben.

Allen Erfolgen zum Trotz hat es allerdings den Anschein, als ob sich das System Eclipse aktuell in einer Sinnkrise befindet. Die Anzahl der Mitglieder ist rückläufig und die Einnahmen der Foundation ebenfalls. Der Glanz der Marke, der zu seinen besten Zeiten allein Rechtfertigung für ein starkes Eclipse-Engagement war, scheint verblasst, und so müssen Anreize geschaffen werden, um das Eclipse-Ökosystem lebendig zu halten.

Einige Ansätze können die Eclipser in der Tat vorweisen, so zum Beispiel die Industry Working Groups, die zum Ziel haben, den Boden für den Eclipse-Einsatz in spezifischen Branchen zu bereiten. Als erste Working Group hat sich das Mobile-Technologie-Projekt Pulsar etabliert, neu aus der Taufe gehoben wurde jüngst die SOA Industry Working Group, die sich das Ziel gesetzt hat, eine Equinox-basierte Plattform für serviceorientierte Architekturen zu schaffen. Die Branchenorientierung bietet interessante Ansätze, muss sich aber in der geschäftlichen Praxis erst noch bewähren.

Die Hinwendung zu neuen Betätigungsfeldern ist aus Sicht der Foundation zwar verständlich, sollte doch jede Organisation über einen gesunden Reflex zur Selbsterhaltung verfügen, muss aber grundsätzlich daraufhin untersucht werden, welche Wertschöpfung sie für ihre Mitglieder dabei erzielen kann. Die sinkenden Einnahmen durch Mitgliederbeiträge zum Beispiel versucht die Eclipse Foundation derzeit durch eigene geschäftliche Aktivitäten zu kompensieren.

Dadurch gerät sie möglicherweise in Konflikt mit ihren Mitgliedern. Boten in der Vergangenheit die Mitgliedsbeiträge die Voraussetzung dafür, einen definierten Service zur Verfügung zu stellen (Lobbyarbeit und Beratung, rechtliche Sicherung des Open-Source-Codes, Governance und Management), so wird die Foundation heute selbst geschäftlich aktiv. War sie in der Vergangenheit als Rahmenwerk für die geschäftlichen Aktivitäten ihrer Mitglieder erkennbar, sucht sie in ihrer gewollten „Diversifizierung des Einkommensmodells“ nun selbst nach geschäftlichen Betätigungsfeldern.

Die Grenzen der Offenheit der Eclipse Foundation wurden indes auch in den Community-Diskussionen Anfang 2009 deutlich, als einem Mitglied der Eclipse-Community öffentlich der Mund verboten wurde. Heute scheinen sich die Ideen des damaligen Eclipse-Community-Direktors Bjorn-Freeman Benson nach der unschönen Eskalation mit Mike Milinkovich, in deren Verlauf Milinkovich seinen ehemaligen Angestellten als „Jerk“ (laut LEO: „Dummkopf, Narr, Trottel, Knilch“) bezeichnet hatte und öffentlich aufforderte, Eclipse zu verlassen („Dear Bjorn: Go away„), fast schon zu einem Tabu-Thema entwickelt zu haben. Indiz dafür, dass die Nerven bei der Foundation derzeit blank liegen?

Die ungewöhnliche Heftigkeit der Auseinandersetzung verwischt jedenfalls die Ernsthaftigkeit der damaligen Diskussionen, an denen sich etliche Protagonisten des Eclipse-Ökosystems produktiv beteiligten. Im Kern wurden einige wunde Punkte angesprochen, in die Freeman-Benson wohl zu deutlich den Finger gelegt hat, die beileibe aber nicht nur von ihm als verbesserungswürdig wahrgenommen wurden und im Grunde bis heute im Raum stehen.

Problematisiert wurden damals vor allem drei Punkte:

  1. Die mangelnde Diversität vieler Eclipse-Projekte, die oft nicht wirklich von einer pluralistischen Community getrieben sind und so abhängig von den Launen eines einzigen Unternehmens sind.
  2. Die strikten IP-Prozesse der Eclipse Foundation stellen hohe Anforderungen an neue Projekte und verhindern den einfachen Einstieg ins Eclipse-Ökosystem.
  3. Die verschiedenen kostenlosen Eclipse-Distributionen erwecken den Anschein, fertige Produkte bereit zu stellen. Erstens können die kostenlosen Distros diese Erwartungshaltung nicht erfüllen (Folge: Frustration), zweitens wird das Business-Modell, kommerzielle Distributionen anzubieten, korrumpiert (Doug Schaefer: „Eclipse-Mitglieder konkurrieren mit dem freien Eclipse“).

Getragen wurden diese Diskussionen von dem erlebten Problembewusstsein vieler Mitglieder der Eclipse-Community, die Wege suchten, die Wertschöpfungspotenziale im Eclipse-Ökosystem wieder zu steigern. Wichtige Fragen, die sich hier anschließen, lauten:

  • Was bringt es einem Unternehmen heute, Mitglied der Eclipse Foundation zu sein?
  • Bieten die oft berufenen Open-Source-Business-Modelle tatsächlich die erhofften Gewinnaussichten?
  • Profitieren nicht ganz andere Unternehmen von Open Source als die ursprünglichen Open-Source-Projekt-Entwickler?
  • Wird das Projekt e4, die neue Eclipse Plattform 4.0, genügend Industrie-Support erhalten und in der Lage sein, Eclipse wieder als Innovationstreiber zu positionieren?
  • Ist die Eclipse Foundation mit ihren aktuellen Maßnahmen (Eclipse Labs, Marketplace Client, Industry Working Group, Anpassung der Mitgliedsgebühren etc.) in der Lage, dem Ökosystem neue Impulse zu geben?
  • Oder ist die Foundation nach dem Erreichen ihres ursprünglichen Ziels, die Eclipse-Plattform weltweit zu etablieren, derzeit immer noch auf Sinnsuche?

Gewiss ist das letzte Wort in diesen Dingen noch nicht gesprochen und sicherlich sorgen einige der Fragen und Thesen – die Sie übrigens im Detail im Eclipse Magazin nachlesen können – für Diskussionsstoff. Wir wollen den weiteren Wer degang des Eclipse-Ökosystems (Open-Source-Community, Anwender, Produktanbieter, Foundation) kritisch beleuchten, um Ihnen eine Orientierung zu geben und vor allem: um mit Ihnen, d.h. allen Playern dieses Ökosystems, in einen offenen Dialog über die Zukunft von Eclipse zu treten.

Geschrieben von
Sebastian Meyen
Sebastian Meyen
Sebastian Meyen ist Chefredakteur des Java Magazins sowie des Eclipse Magazins. Außerdem trägt er die Verantwortung für Programm und Konzept sämtlicher JAX-Konferenzen weltweit. Er begleitet so die Java-Community journalistisch schon fast seit ihren Anfängen. Bevor er zur Software & Support Media GmbH kam, studierte er Philosophie in Frankfurt.
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser ist Redakteur und Online-Koordinator bei Software & Support Media. Seine Spezialgebiete liegen bei Java-Enterprise-Technologien, JavaFX, Eclipse und DevOps. Vor seiner Tätigkeit bei S & S Media studierte er Musik, Informatik, französische Philologie und Ethnologie.
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