Quereinsteig: Chance oder Risiko?

Quereinstieg IT: Warum man Quereinsteigern in der IT eine Chance geben sollte

Philip Frank

© Shutterstock / Monster Ztudio

Der Fachkräftemangel ist wohl eines der meist diskutierten Themen in den Medien und in deutschen Unternehmen. Die Situation in einigen Branchen spitzt sich immer weiter zu und die letzten Jahre haben einen besorgniserregenden Trend aufgezeigt. Qualifizierte Arbeitskräfte werden händeringend gesucht – vor allem in der IT-Branche. Durch die rasante Digitalisierung vieler Unternehmensbereiche haben sich neue Jobprofile und somit auch neue Jobchancen ergeben. Um diese jedoch zu besetzen, müssen Entscheidungsträger umdenken und neue Alternativen im Recruiting und in der Ausbildung berücksichtigen.

Vor allem Quereinsteiger und Jobwechsler stellen eine attraktive Lösung für den ‚Ausgetrockneten Bewerbermarkt‘ dar. Dieser Schritt wird jedoch von vielen Unternehmen gescheut, da dieser vermeintlich mit zu viel Zeit und Aufwand verbunden ist. Zu Unrecht! Denn ein breiterer Bewerberpool und Diversität im Unternehmen ist mit vielen Vorteilen verbunden. Um diese jedoch richtig einzuschätzen, werfen wir erst einen Blick auf die aktuelle Lage auf dem Arbeitsmarkt.

Wachsende Nachfrage nach neuen Talenten

Studien zeigen, wie dramatisch die Lage vor allem in der IT-Branche ist. Die Anzahl an vakanten Stellen lag laut einer Bitkom-Studie aus dem Jahr 2018 bei 82.000. Gesucht werden vor allem IT-Spezialisten wie Softwareentwickler, Projektmanager oder Security-Experten. 2017 lag diese Zahl „noch“ bei 55.000 offenen und kurzfristig nicht zu besetzenden Stellen. Ein Faktor, der die Dringlichkeit des Handelns unterstreicht, ist der Fakt, dass vakante IT-Jobs durchschnittlich erst nach fünf Monaten besetzt werden. Zeit, die Unternehmen in den meisten Fällen nicht haben und sich sogar geschäftsschädigend auswirken kann. Um dieses Zeitfenster zu minimieren und sich in dem angespannten Arbeitsmarkt durchzusetzen, überbieten sich Unternehmen mit Benefits und hohen Gehältern. Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen kommen dabei an ihre Grenzen und müssen neue Wege finden, Mitarbeiter und Bewerber für sich zu gewinnen. Denn die „Überfischung“, die in der IT vorherrscht, verlangt einen modernen HR-Prozess und eine offene Denkweise der Personaler. Aktuell werden die Digitalisierung und die daraus resultierende Personallage von vielen Unternehmen als unüberwindbare Herausforderungen gesehen. Dabei bietet sie auch viele Chancen. Für die Unternehmen gilt, auf die richtigen Strategien zu setzen und innovativen Ansätzen einen Platz in der Unternehmenskultur zu geben.

Neue Jobprofile – neue Chancen

Das Marktpotenzial wächst in einigen Branchen aufgrund der Digitalisierung exponentiell und öffnet Firmen verschiedenster Größen neue Türen. Damit die Möglichkeiten, welche die neuen Technologien mit sich bringen, bestmöglich genutzt werden, sind eine Vielzahl neuer Jobs mit entsprechenden Expertisen entstanden. Dazu zählen u.a. Java-Entwickler oder IT-Consultants. Diese Stellen richten sich nicht nur an IT-Experten, sondern an einen breiteren Bewerberpool. IT-Consultants beraten ihre Kunden bezüglich der Einführung, Anpassung und Weiterentwicklung informationstechnischer Systeme. Wichtige Eigenschaften, die sie haben sollten, sind beispielsweise gute Kommunikationsfähigkeiten, ein hohes Maß an Eigeninitiative und einen guten Überblick im Projektmanagement. Ähnliche Fähigkeiten und besonders soziale Kompetenzen werden auch von Software-Entwicklern gefordert, das Bild vom Programmierer-Job ohne zwischenmenschliche Kommunikation ist lange überholt. In Junior-Positionen können auch Quereinsteiger mit dem richtigen Training in der objektorientierten Programmierung oder der Web- und Softwareprogrammierung starten. Diese Jobprofile zeigen, dass sich die IT-Branche neuen Bewerbern mit verschiedensten beruflichen und persönlichen Hintergründen öffnet. Vor allem Bewerber mit wenigen IT-Kenntnissen erhalten die Chance, in die Branche einzusteigen und ihre Kompetenzen kontinuierlich auf- und auszubauen.

Weiterbildung im Turbo-Modus

Ein entscheidender Faktor für den Erfolg von Quereinsteigern und Bewerbern mit geringen oder sogar gar keinen IT-Vorkenntnissen ist die Aus- und Weiterbildung. Ein häufiger Fehlglaube ist, dass der Berufseinstieg nur mit einem abgeschlossenen Informatik-Studium bewältigt werden kann. Ein IT-Studium bietet sich für viele IT-Interessierte als naheliegende Lösung an, ist jedoch für Quereinsteiger und potenzielle Jobwechsler oftmals aufgrund des hohen Zeitaufwands von mehreren Jahren keine Option. Als Ergänzung, nicht als Ersatz, für das IT-Studium haben sich verschiedene Ausbildungsformate etabliert. Neben klassischen VHS-Kursen und speziellen Weiterbildungsangeboten von Privatinstituten, haben sich in der IT-Branche in den letzten Jahren sogenannte Accelerated Learning-Programme etabliert. Ihren Ursprung haben sie in den USA, wo sie von Dave Meier und dem Center of Accelerated Learning geprägt wurden. Das Besondere an den Programmen ist, dass sie in einem sehr kurzen Zeitraum – meistens innerhalb von zehn bis zwölf Wochen – komplexe Inhalte vermitteln und im Gedächtnis der Teilnehmer verankern. Ein bekanntes Format von Accelerated Learning-Programmen sind die sogenannten Bootcamps in den USA. Aber auch in Europa und Deutschland gibt es einzelne wenige Unternehmen, die diesen Weiterbildungsansatz anbieten.

Von einem klassischen Studium unterscheiden sich die Kurse darin, dass sie sehr praxisorientiert sind und einen Fokus auf Wissen legen, das in der täglichen Praxis benötigt wird. In einem mehrjährigen IT-Studium wird viel Theorie vermittelt, die im späteren Job keine Anwendung findet. Accelerated Learning-Programme haben einen größeren Bezug zur Realität im Joballtag. Zudem erhalten Teilnehmer von ausgewählten Programmen eine Jobgarantie, was das Risiko eines Quereinstiegs oder Jobwechsels weiter mindert. Um diese Jobgarantie aussprechen zu können, legen Bootcamps und Accelerated Learning-Angebote Wert auf eine praxisorientierte Ausbildung mit kurzen Theorie-Phasen und insgesamt rund 500 Stunden Programmierpraxis – einem Umfang, der mit einem Bachelor-Studium der Informatik vergleichbar ist. In einigen Programmen erhalten die Teilnehmer somit 500 Stunden Programmierpraxis, was einem regulären IT-Studium gleichzusetzen ist.

Ein weiterer wichtiger Faktor in Accelerated Learning-Programmen ist eine offene Feedbackkultur, die durch die Lehrer gefördert wird. Teamwork wird in den Programmen großgeschrieben. In kleinen Teams tauschen sich die Teilnehmer aus und erhalten durch Erfolge und Misserfolge direktes Feedback zu ihrem Kenntnisstand. Die Trainer von Accelerated Learning-Programmen sorgen zudem dafür, dass die Teilnehmer kontinuierlich Feedback zu ihren Leistungen erhalten und jederzeit einen Ansprechpartner für ihre Fragen haben. Auch für IT-Experten ergeben sich durch diese Weiterbildungsformate neue Chancen eines Quereinstiegs – und zwar in den Lehrbereich. Die meisten Trainer von Accelerated Learning-Programmen kommen aus der Praxis und geben ihr Wissen, das sie sich über viele Jahre angeeignet haben, an die Teilnehmer weiter. Damit unterscheiden sie sich klar zu der üblichen Laufbahn der Mehrheit von Dozenten und Professoren an Universitäten, die einen Schwerpunkt auf den Bereichen Theorie und Forschung haben und selten Erfahrung in der Wirtschaft gesammelt haben. Sie agieren somit als Mentor und können den Programmteilnehmer authentisch vermitteln, wie der Job in der Praxis aussieht und welche Fähigkeiten gefragt sind.

Eine besondere Aufgabe der Trainer ist, dass alle Teilnehmer, unabhängig ihrer fachlichen Vorkenntnisse, Lernerfolge haben und den vorgeschriebenen Curriculum erfolgreich erarbeiten. Um dies zu gewährleisten, ist ein moderner Auswahlprozess, der die „richtigen“ Auswahlkriterien bewertet, unabdingbar. Um Qualifikationen, wie logischen und analytisches Denken, Motivation, Flexibilität, Teamorientierung, Durchhaltevermögen und Lösungsorientierung zu evaluieren, bietet ein mehrstufiger Auswahlprozess, der aus verschiedenen Tests und mehreren Gesprächen besteht, die Lösung. Denn nur wer das richtige „Mindset“ mitbringt, wird bei dem Programmtempo mithalten können. Ein Vorteil dieser Form des Recruitings ist, dass Quereinsteiger eine Chance erhalten sich zu beweisen und mit ihren Soft Skills zu überzeugen.

Traditionelle Prozesse überdenken

Dieser Ansatz sollte auch als Vorbild bei der Besetzung von offenen Positionen dienen. Viel zu oft setzen Entscheider und HR-Verantwortliche jedoch auf alte, traditionelle Prozesse. So ist laut einer Studie aus dem letzten Jahr ein klassischer Lebenslauf für die meisten Personaler eine der wichtigsten Unterlagen, wenn es um die Auswahl von Bewerbern geht. Ein Trugschluss, wenn man bedenkt, dass in einem Lebenslauf hauptsächlich auf Hard Skills und Vorkenntnisse bzw. Berufserfahrung eingegangen wird. Quereinsteiger fallen bei diesem Raster durch und erhalten nicht die Chance sich zu beweisen. Neue, moderne und zum Teil anonymisierte HR-Prozesse sind hier die Lösung, um den Bewerberpool breiter und diverser aufzustellen. Um die Prozesse jedoch konkret umzusetzen und im Alltag zu etablieren, bedarf es einem Umdenken in den Abteilungen und dem gesamten Unternehmen. Denn viel zu oft werden Quereinsteiger mit ungerechten und nicht nachweisbaren Vorurteilen konfrontiert. Das Resultat: Sie müssen sich stärker beweisen und werden noch genauer unter die Lupe genommen. Gründe für diese Haltung gegenüber Quereinsteigern gibt es mehrere. So ist eine der größten Bewerber-Hürden, die Personaler und Entscheider von sich zu überzeugen. Denn die Personen, die im HR Entscheidungen treffen, haben oftmals selbst einen langen Ausbildungsprozess hinter sich und stehen Quereinsteigern sehr kritisch gegenüber. Das zeigt, dass eine entsprechende Kommunikation innerhalb von Unternehmen ein entscheidender Bestandteil ist, um den Einstand von Quereinsteigern zu erleichtern. So sollte der Fakt, dass ein neuer Mitarbeiter ein Quereinsteiger ist, gar nicht im Fokus stehen, sondern viel mehr die Vorteile und der Mehrwert für das Unternehmen herausgestellt werden.

Mit Quereinsteigern immer einen Schritt voraus

Und die Vorteile von Quereinsteiger sind zahlreich. So bringen Quereinsteiger eine unvoreingenommene und neue Sichtweise mit sich, die sich positiv auf Problemlösungen auswirkt. Sie schauen über den Tellerrand und bieten durch ihre Erfahrungen aus anderen Bereichen jedem Unternehmen einen echten Mehrwert. Dadurch agieren sie effizient und lösungsorientiert. Durch ihren Mut und ihre Motivation kontinuierlich dazuzulernen, agieren Quereinsteiger zudem als Vorbilder für andere Kollegen und können diese mit ihren Eigenschaften anstecken. Quereinsteiger wollen und müssen sich beweisen und sind gewillt sich kontinuierlich weiterzuentwickeln. Diese Eigenschaften zeigen, dass Quereinsteiger sich nicht verstecken müssen, sondern diese Stärken entsprechend einsetzen sollten. Und Unternehmen sollten nicht die Augen verschließen, sondern die genannten Vorteile nutzen.

Vorurteile in Vorteile umzuwandeln, haben die IT-Branche und Quereinsteiger gemeinsam. Auch die IT-Szene kämpft mit einigen Vorurteilen, welche abgeworfen werden müssen, um die Digitalisierung in allen Industrien mit der nötigen Arbeitskraft zu meistern. Zu den überholten Vorurteilen gehören beispielsweise Aussagen wie „IT ist eine Männerdomäne“, „dort arbeiten nur Nerds, die im Keller sitzen“ oder „in der Branche gibt es doch eh nur Jobs für IT-Experten – ohne langjährige Erfahrung hat man da keine Chance“. Alles falsch! Die Sichtweise muss sich ändern. Denn die Realität sieht anders aus. Die IT-Branche ist für jedermann – unabhängig des Geschlechts, der Herkunft, des Bildungsgrads oder des Alters. Das zeigt, dass beide Parteien, die Unternehmen als auch die Bewerber, sich eine Chance geben müssen. Offenheit ist sowohl vom Arbeitgeber als auch vom Arbeitnehmer gefragt.

Potenzial erkennen und nutzen

Das Potenzial für Quereinsteiger ist riesig. In Zeiten des Fachkräftemangels haben sich neue Jobmöglichkeiten für sie ergeben und auch in der Zukunft wird der IT-Boom anhalten. Ein Faktor, der Quereinsteiger oftmals ausbremst, sind die Entscheider auf der Unternehmensseite – und das, obwohl sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt als immer kritischer erweist und in einigen Fällen sogar unternehmensgefährdend werden kann. Die IT-Branche bietet die Chance, sowohl Arbeitsplätze für Experten als auch für Bewerber mit geringen IT-Vorkenntnissen zu bieten. Bewerber sollten sich ihrer gefragten Stellung bewusst sein und selbstbewusst in den Bewerbungsprozess starten. Entscheider und Personaler müssen ihre Auswahlprozesse und Sichtweise überdenken. Denn in einer Branche wie der IT, die sich ständig weiterentwickelt und durch neue Technologien geprägt ist, sind auch Jobwechsel innerhalb der Branche oftmals wie ein Quereinstieg. Und diesen Bewerbern mit IT-Erfahrung, wenn auch in einem anderen Bereich, wird schnell ein neuer Job angeboten. Es lässt sich demnach nicht umgehen, Quereinsteigern und Jobwechslern eine Chance zu geben und die IT-Branche vielfältiger zu gestalten. Ein Fakt, der leider noch in einigen Köpfen ankommen muss.

Geschrieben von
Philip Frank
Philip Frank
Philip Frank ist Trainer für Accelerated Learning-Programme bei Academy, einer Schule für Erwachsene, die Teilnehmer innerhalb von 12 Wochen zu IT Consultants ausbildet. Nach seinem Studium der Informatik und Pädagogik an der LMU München arbeitete er in der Software-Entwicklung und sammelte Erfahrung als Full-Stack-Entwickler bei verschiedenen Startups und als selbständiger Consultant.
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