Rockstar-Mentalität

Programmiertalent – gibt es das überhaupt?

Natali Vlatko

© Shutterstock.com/Christian Bertrand

Die Leistung von Entwicklern, und wie diese sich auf die Industrie auswirkt, ist ein großes Thema – so groß, dass ihm Jacob Kaplan-Moss seine Keynote auf der PyCon 2015 widmete. Sich selbst als einen durchschnittlichen Programmierer bezeichnend, setzt er sich mit dem Mythos des Programmiertalents auseinander.

Jacob Kaplan-Moss wird häufig als der Kopf hinter dem Python-Webframework Django gehandelt, was in Wahrheit jedoch nicht zutrifft. Diese fälschliche Zuschreibung wurde von Jake Edge als Beispiel dafür genannt, wie der Mythos der Entwicklerleistung genährt wird – und wie dieser die Industrie beeinflusst.

Kaplan-Moss nutzte seine Keynote auf der PyCon 2015, um seine eigenen Erfahrungen mit der „Rockstar-Mentalität“ zu reflektieren. Des Weiteren sprach er über das Fehlen eines Maßsystems für Programmierfähigkeiten, sowie darüber, wie wenig die holzschnittartige Einteilung in gute und schlechte Programmierer dazu beiträgt, Neulinge für das Programmiererhandwerk zu begeistern.

Ninjas und Rockstars

Die Adelung als Programmier-Ninja oder Entwickler-Rockstar steht der Normalverteilung gegenüber, die Kaplan-Moss zufolge existieren sollte. Mit einem Talent für die Programmierung gesegnet zu sein bzw. demgegenüber lediglich über die Fähigkeit zu programmieren zu verfügen – eine ziemlich polarisierende Idee:

But that would mean that programming skill is somehow distributed on a U-shaped curve. Most people are at one end or the other, which doesn’t make much sense. Presumably, people learn throughout their careers, so how would they go from absolutely terrible to wonderful without traversing the middle ground?

„Die meisten Menschen sind in den meisten Dingen durchschnittlich“: In diesem Zusammenhang würde das bedeuten, dass die Mehrheit der Programmierer aus der Skala herausfallen würde. Sie würden zwar nicht als furchtbar schlecht gelten, aber definitiv auch nicht als Rockstar-Material. Stellt sich die Frage: Sind die Geschichten über Programmiertalente im Grunde nichts als Lügen?

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Als Beispiel zieht Kaplan-Moss den Laufsport heran. Welches Zeug braucht man dazu, ein Läufer zu sein? Und unterscheiden sich diese Eigenschaften von denen der Programmierwelt? Das tun sie, und zwar sehr, so zumindest die Meinung von Kaplan-Moss:

Over half a million people ran a marathon last year – did all of them have an innate talent for running? Most of those people ran their marathon rather badly, but a tiny fraction ran theirs very fast. To be a runner, though, all it takes is a pair of shoes. We don’t even believe that you have to particularly like running to be a runner.

Dieser Minimalstandard gilt in der Welt der Entwickler nicht. Um einen Marathon zu Ende zu bringen, muss man Hingabe an den Tag legen und hart trainieren – nicht so für das Schreiben von Code.

We tell ourselves different stories about one skill, coding, than we do for another, running.

Ein derartiges Narrativ steht dem Anliegen der Programmierung Kaplan-Moss zufolge diametral gegenüber: Es verhindert genau das Wachstum und den Fortschritt, den die Industrie so dringend braucht. Darüber hinaus werden Programmierer dazu verleitet, verrückte Arbeitszeiten abzuleisten, nur um den Mythos zu bedienen:

They must be passionate about their career, they must think about programming every waking moment of their life.

Fähigkeiten vs „echte Programmierer“

Für Kaplan-Moss besteht die Kunst des Programmierens im Grunde aus einer Sammlung bestimmter Fähigkeiten, die lediglich gelernt und ausgeführt werden, wobei das Coden nur ein Teil der Gleichung ist. Design, Kommunikation, Schreiben – all das gehört in den sprichwörtlichen Werkzeugkasten eines Entwicklers, weshalb wir dazu tendieren, eine Person als das Minimum ihrer Fähigkeiten zu begreifen.

Dies wiederum führt zu nichts anderem, als dass Programmierneulinge abgeschreckt und eingeschüchtert werden, weshalb Kaplan-Moss dafür plädiert, dass „durchschnittlich sein ist in Ordnung“ der Standard sein sollte.

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Doch wen betrachten wir als „echten Programmierer“? An diesem Punkt geht Kaplan-Moss auf die nach wie vor existierende Diskriminierung im Tech-Bereich ein und merkt an, dass das Thema Diversity auch darüber angegangen werden kann, dass man seine eigene Vorstellung davon, wie ein „echter Programmierer“ auszusehen hat, verändert. Im Rahmen seiner Argumentation kehrt Kaplan-Moss zu seiner Läufer-Analogie zurück:

There are all kinds of runners – sprinters, distance runners, marathoners, etc. – of all shapes, sizes, genders, ages, and races. All of them have different metrics for success and all are capable of being successful by their own metrics.

Das Ideal des durchschnittlichen Programmierers hallte auch im Rahmen einer Konversation zwischen Kaplan-Moss und Lynn Root, Vorstandsmitglied der Python Software Foundation und Gründerin des Ortsverbands der PyLadies im Raum San Francisco, wider. Als Kaplan-Moss davon sprach, welch beeindruckend gute weibliche Programmierer von den PyLadies vertreten werden, stimmte Root zwar zu, wies allerdings auch darauf hin, dass sie erst dann wirklich erfolgreich seien, wenn es auch massenhaft durchschnittliche weibliche Programmierer gebe.

Die komplette Keynote kann auf YouTube angesehen werden.

Aufmacherbild: Guitarist of Ash (band) performs at MBC Fest on April 5, 2015 in Valencia, Spain von Shutterstock.com / Urheberrecht: Christian Bertrand

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Natali Vlatko
Natali Vlatko
An Australian who now calls Berlin home, via a two year love affair with Singapore. Natali was an Editorial Assistant for JAXenter.com (S&S Media Group).
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