Programmierkurse für Kinder: Ja oder Nein?

Kypriani Sinaris

© Shutterstock/alphaspirit

Sollen Kinder das Programmieren lernen? Für den Softwareentwickler Jeff Atwood ist die Antwort klar: Nein! In einem Post auf Daily News reagiert er auf den „Hype“ um Programmierkurse für Kinder. Und findet, dass Kinder vor allem den Umgang mit Technik und Medien lernen sollten und nicht trockenen Code – aber sind das nicht zwei Paar Schuhe?

Atwood rekapituliert seinen Weg zur Softwareentwicklung, die in den 1980er Jahren vor allem von überschaubaren Funktionen und trockener Anwendung komplizierten Codes geprägt war. Im Gegensatz dazu, so Atwood weiter, gebe es in der Welt des Programmierers, aber auch des „einfachen“ Computer Users, heutzutage viel einfachere Möglichkeiten, Software zu bauen und Dinge zu erschaffen, die früher nur durch viel Fleißarbeit möglich waren.

Kindern diesen beschwerlichen Weg fern moderner Tools, die weder Nutzer- noch kinderfreundlich sind, als Unterrichtsfach abzuverlangen, widerspreche den Erfolgen der letzten Jahre in diesem Bereich, so Atwood.

Stattdessen hält er eine Bildung hin zum kritischen Hinterfragen für das Allerwichtigste: Kinder müssten nicht unbedingt wissen, welche Rolle Nullen und Einsen spielen, aber beispielsweise beim Lesen eines Wikipedia-Eintrags kritisch hinterfragen können, woher angegebene Quellen stammen und wie vertrauenswürdig diese sind.

Learn to investigate. Be critical. Don’t just accept opinions you saw on Facebook or some random web page. Ask for credible data, facts and science.

Teil-Ganzes-Relation verstehen

JAXenter berichtete kürzlich von der Forderung des australischen Bildungsministers, der das Programmieren im Rahmen der technischen und naturwissenschaftlichen Bildung schon für Grundschulkinder für wichtig hält. In Deutschland gehört das Programmieren, abgesehen von einigen, meist freiwilligen Angeboten wie etwa Informatik-AGs, nicht zum Schulalltag. Doch es gibt viele Angebote, die speziell auf Kinder zugeschnitten sind und ihnen das Zusammenspiel von Hard- und Software, oder auch schon das Bauen etwas komplexerer Anwendungen näher bringen.

Atwood spricht offensichtlich von zwei verschiedenen Dingen: So steht auf der einen Seite eben das Bauen der Software, was natürlich auch sehr theoretisch und trocken sein, aber eben auch kindgerecht vermittelt werden kann. Auf der anderen Seiten steht der Umgang mit den Medien und den technischen Herausforderungen der heutigen Zeit. Und so sind die Forderungen Atwoods durchaus nachvollziehbar, allerdings handelt es sich dabei um zwei Paar Schuhe: Was er eigentlich fordert, ist eine digitale Aufklärung des Nachwuchses; eine Bildung, die das Individuum in die Lage versetzt zu verstehen, woher Inhalte kommen können und wie die Vernetzung der Welt funktioniert:

I want my children to understand how the Internet works. But this depends more on their acquisition of higher-order thinking than it does their understanding if ones and zeroes. It is essential that they that treat everything they read online critically.

Aber ist das nicht so, als würde man von einem Architekten verlangen, zu wissen, welche Energiesparmaßnahmen an einem Gebäude hilfreich sein könnten, gleichzeitig jedoch verzeiht, wenn er keine Ahnung von dessen Grundgerüst, seiner Statik hat? Ein Architekt sollte doch sowohl die einzelnen Elemente eines Gebäudes kennen, als auch wissen, was durch deren Zusammenspiel alles möglich wird. So erscheint es doch eher widersprüchlich, wenn Atwood verlangt, dass Kinder das Zusammenspiel von Anwendungen verstehen sollen, ohne zumindest eine Ahnung davon zu haben, wie diese aufgebaut sind.

Fazit

Natürlich sollen nicht alle Kinder Programmierer werden. Betrachtet man moderne Stundenpläne, die ja gerade ab der Mittelstufe fast den ganzen Tag in Anspruch nehmen, so scheint es allein aus organisatorischer Sicht fraglich, ob man noch zusätzliche Unterrichtsfächer einführen kann, ohne das andere darunter leiden. Das findet auch Atwood:

There’s nothing wrong with basic exposure to computer science. But it should not come at the expense of fundamental skills such as reading, writing and mathematics — and unfortunately today our schools, with limited time, have tons of pressure on them to convey those basics better.

Daher ist die Vorstellung, dass angehende Programmierer bereits in den Schulen angelernt werden, in den Bereich der Utopie einzuordnen; vermutlich war dies auch gar nicht die Intention des Vorschlags.

Sollte es aber wirklich zu einem entsprechenden Schulfach kommen, so müsste dieses beide Komponenten erfassen: Also sowohl ein grundlegendes Verständnis für das Programmieren als auch die praktische Auseinandersetzung mit dem Code. Und darüber hinaus den kritischen Umgang mit dem Ergebnis des Ganzen, wie Atwood ihn fordert.

Aufmacherbild: Young programmer writes a new software with computer von Shutterstock / Urheberrecht: alphaspirit

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Kypriani Sinaris
Kypriani Sinaris
Kypriani Sinaris studierte Kognitive Linguistik an der Goethe Universität Frankfurt am Main. Seit 2015 ist sie Redakteurin bei JAXenter und dem Java Magazin.
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