Wären Mozart und Beethoven heute Programmierer statt Musiker?

Programmieren ist wie Musik-Komponieren – oder?

Jan Weddehage

© Shutterstock / everything possible

Auf den ersten Blick haben Programmieren und Komponieren nur wenig gemeinsam. Während die eine Methode auf technisches Wissen setzt, appelliert die andere an den kreativen Einfallsreichtum. Aber unterscheidet sich das Erstellen von Code wirklich so stark vom Schreiben von Musik?

Dass die beiden Kategorien doch verwandter sind als man denkt, beweist David Cope, Professor an der University of California Santa Cruz. Laut einem Artikel von Gizmag.com untersucht Cope seit einem halben Jahrhundert die gemeinsame Schnittmenge von Algorithmen und künstlerischer Kreativität. Bereits in seinen frühen Jungendjahren war er davon überzeugt, dass es logischer ist, Dinge per Algorithmus zu kreieren als jede Note oder jeden Pinselstrich einzeln auf Papier zu bringen.

Komponieren per künstlicher Intelligenz

Cope spezialisierte sich auf das Gebiet der algorithmischen Komposition und versetzte Computer in die Lage, sowohl einzelne Instrumente als auch komplette Orchesterarrangements in nur wenigen Minuten automatisch zu komponieren. Die so entstandenen Werke waren mitunter so gut, dass die Zuhörer glaubten, dass sie von menschlichen Musikern stammten.

Für Cope besteht der größte Vorteil des Komponierens via AI darin, dass Künstler sich deutlich effizienter experimentell ausleben können. Die Frage, ob Mozart oder Beethoven unter denselben Voraussetzungen nicht eher Coder statt Musiker geworden wären, ist also nicht ganz aus der Luft gegriffen. Und es scheint tatsächlich so, als gäbe es zwischen diesen beiden Disziplinen eine – um mit Goethe, einem Zeitgenossen von Mozart und Beethoven, zu sprechen – gewisse „Wahlverwandtschaft“.

Die Wahlverwandtschaft von Code und Musik

So haben nicht nur viele Entwickler eine ausgeprägte Leidenschaft für Musik, sondern auch zahlreiche Künstler besitzen eine enge Bindung zur Welt der Einsen und Nullen. Beispielsweise hat Elvis Costello, der als einer der größten Songwriter seiner Generation gehandelt wird, sein Geld vor seiner Musikerkarriere mit der Betreuung eines IBM 360 verdient.

Es scheint also wenig strittig: In der Welt des binären Codes spielt Kreativität eine wichtige Rolle und das Komponieren von Musik ist an technische Voraussetzungen gebunden. Aber wie weit reicht dieses Verwandtschaftsverhältnis? Dieser Frage ist Infragistics nachgegangen und hat einige interessante Pro und Contras zusammengetragen.

Worin sich Programmieren und Komponieren ähneln …

Logischen Regeln: Egal ob das Komponieren von Musik oder das Schreiben von Code erlernt werden soll: Beide Professionen orientieren sich an logischen Regeln, die sich in Analogie zum Trivium der Antike in drei Lernphasen einteilen lassen: Grammatik, Dialektik und Rhetorik.

  1. Grammatik: In beiden Bereichen müssen die fundamentalen Grundlagen wie Notation oder Programmierregeln beherrscht werden.
  2. Dialektik: Das Kreieren logischer Strukturen ist elementar. Die einzelnen Teile müssen sowohl beim Komponieren als auch beim Programmieren so miteinander kombiniert werden, dass sie zum Schluss zusammenpassen.
  3. Rhetorik: Entwickler und Künstler kommen nicht darum herum, ihr Publikum oder ihre Zielgruppe von ihren Ideen zu überzeugen.

Ohne die Befolgung dieser logischen Regeln wird weder ein funktionaler Code geschrieben noch ein harmonisches Musikstück komponiert.

Kleine Schritte und das große Ganze: Jeder fängt mal klein an – das gilt ebenfalls für Musiker und Programmierer. In beiden Disziplinen müssen zunächst die Basics angeeignet und perfektioniert werden. Das Meistern von Skalen und Arpeggios ist vergleichbar mit dem Erlernen der Grundlagen eines eleganten und fehlerfreien Codes. Denn erst wenn man sich mit den kleinsten Bausteinen auskennt, kann das große Ganze in Angriff genommen werden. Das gilt sowohl für das Arrangement eines großen Orchesters als auch für die Planung einer komplexen Programmarchitektur.

Individuelle Selbstentfaltung durch Kollaboration: Die Musik- und die Softwarebranchen sind auf kreative Köpfe angewiesen, die neue und interessante Stücke kreieren. Im Gegensatz zum Bild des einsamen Genies vollzieht sich die individuelle Selbstentfaltung aber in beiden Bereichen in Kollaboration mit anderen – ob es sich nun um andere Mitmusiker oder UX-Designer handelt. Ebenfalls spielt der Endnutzer eine wichtige Rolle. So vermitteln Komponisten anderen Musikern ihre Vorstellungen mittels musikalischer Vortragsbezeichnungen. Entwickler hingegen müssen stets im Auge behalten, mit welchen Geräten und in welchen Kontexten die Anwender ihre Software benutzen.

… und was sie voneinander unterscheidet

Das eigene Ego streicheln: Die IT leidet nach wie vor unter einem schlechten Image. Oftmals dienen Vergleiche mit angesehenen Professionen dazu, die eigene Außenwahrnehmung aufzupolieren. Statt nüchtern abzuwägen, wird durch die Gegenüberstellungen meistens nur die eigene Disziplin verherrlicht. Natürlich hören es Entwickler gerne, dass ihre Arbeiten den gleichen Stellenwert wie etwa die Werke von Prince oder Picasso besitzen. Aber ob das tatsächlich der Fall ist, ist mehr als fragwürdig und kann fast immer auf die Absicht zugeführt werden, das geschundene Ego zu streicheln.

Technik versus Kunst: In der Regel wird das Programmieren von Applikationen nicht durch expressive Impulse angestoßen. Die Softwareentwicklung ist ein eher nüchterner Prozess, in dem ein spezifisches Problem auf Unternehmens- oder Kundenseite gelöst werden soll. Entwickler drücken nicht ihre Gefühle und Emotionen in ihrer Arbeit aus. Stattdessen werden pragmatische Antworten auf drängende Fragen geliefert. Und das ist weniger eine Form von expressiver Kunst, sondern vielmehr eine reaktive Technik. Die Programmierung ist im Gegensatz zur Musik somit immer auf ein klar zu benennendes Ziel ausgerichtet.

Fazit

Ob eine Wahlverwandtschaft zwischen den beiden Disziplinen besteht, kann nicht abschließend beantwortet werden. Es gibt gute Argumente dafür und dagegen. Sicher ist nur, dass sowohl Musiker als auch Entwickler mit ihren Werken dazu beitragen, das alltägliche Leben zu bereichern. Vor diesem Hintergrund ist es gar nicht so wichtig, zu entscheiden, ob Mozart und Beethoven heutzutage eher Musiker oder Programmierer wären – denn letztlich würde von einer klaren Entscheidung nur das eigene Ego profitieren.

Aufmacherbild: close up of Hand via Shutterstock / Urheberrecht: everything possible

Geschrieben von
Jan Weddehage
Jan Weddehage
Jan Weddehage studiert an der Goethe Universität Frankfurt am Main und arbeitet seit März 2015 als Werkstudent bei Software & Support. Kontakt: jan[at]janweddehage.de
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